Zwangsheirat wird auf allen Kontinenten praktiziert. © Plan International / Magnus Berggren
Mädchen werden unter anderem in Bangladesch früh verheiratet – oft zu früh. © Plan International / Magnus Berggren

Zwangsheirat jetzt stoppen

Nach Angaben von UNICEF wurden 700 Millionen der heute lebenden Frauen weltweit vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Jedes 9. Mädchen in Entwicklungsländern wird vor ihrem 15. Lebensjahr verheiratet. Kinderehen und frühe Verheiratungen sind auf allen Kontinenten verbreitet, besonders aber in Afrika südlich der Sahara sowie in Südasien. Allein in Indien lebt jede dritte als Kind verheiratete Frau.

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Was bedeutet Zwangsheirat?

Zwangsheiraten sind Ehen, die unfreiwillig und gegen den Willen von einer der beiden Partner geschlossen werden. Parallel dazu wird der Begriff „frühe Heirat“ und "Kinderheirat" verwendet. Unter Kinderheirat wird eine Ehe verstanden, in der mindestens einer der Eheleute noch keine 18 Jahre alt ist. In vielen Ländern sind Mädchen von Zwangsehe betroffen, sobald sich ihr Körper entwickelt und sie ihre Menstruation bekommen. Zu diesem Zeitpunkt gelten sie als heiratsfähige Frauen.

Die Vereinten Nationen bezeichnen die Zwangsheirat als eine "moderne Form der Sklaverei". Durch sie verlieren die Betroffenen vor der Volljährigkeit ihre Kindheit. So stellt die Zwangsheirat eine gravierende Kinderrechtsverletzung dar.  Die Mädchen sind gezwungen, die Schule vorzeitig zu verlassen und in ein Leben mit wenigen beruflichen oder persönlichen Perspektiven zu starten. Gleichzeitig steigt das Risiko für sie, in einer Zwangsehe Opfer von Gewalt oder Missbrauch zu werden.

Auch Männer erleben Zwangsverheiratung, Frauen sind jedoch öfter betroffen. Häufig wird die Kinderheirat von Verwandten oder Ehevermittlern arrangiert. Die betroffenen Mädchen leben danach oft isoliert von ihren eigenen Familien und Freunden.

Wo gibt es Kinderheirat?

Überall auf der Welt werden Minderjährige Opfer von Zwangsverheiratung. Das passiert besonders häufig in Ländern, in denen Kinder in Bezug auf Bildung und Wahrnehmung ihrer Rechte benachteiligt sind.

Den höchsten Anteil an Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag in einer Ehe leben, gibt es in Südasien. Dort sind es fast die Hälfte aller Frauen, die früh verheiratet werden. Auch in Afrika gibt es viele Kinder, die von Zwangsheirat betroffen sind. Der Anteil variiert je nach Land. Im westafrikanischen Niger zum Beispiel heiraten 76 Prozent der Frauen bereits vor ihrem 18. Geburtstag, 28 Prozent sogar vor ihrem 15. Geburtstag.

Innerhalb der Länder, in denen Kinderhochzeiten praktiziert werden, gibt es teilweise erhebliche Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Gebieten: So werden in Äthiopien beispielsweise in der nördlichen Provinz Amhara 75 Prozent der Mädchen früh verheiratet, während es in der Hauptstadt Addis Abeba 26 Prozent sind.

Zudem gibt es einen großen Unterschied zwischen den ärmsten und reichsten Familien eines Landes. So beträgt das Heirats-Durchschnittsalter für Mädchen der ärmsten Familien in Indien nur wenig mehr als 15 Jahre, während junge Frauen aus reichen Häusern im Schnitt mit knapp 20 Jahren heiraten.

Frühverheiratung in Simbabwe

Warum sehen viele Eltern in Entwicklungsländern - wie hier in Simbabwe - die frühe Verheiratung ihrer Töchter oft als einzige Lösung? Und was bedeutet das für die Mädchen? Diese Fragen beantwortet unsere Geschäftsführerin Maike Röttger im Video.

Ja, ich möchte Kindern in Simbabwe helfen!

Warum werden Kinder zwangsverheiratet?

Gründe für Zwangsehen sind häufig innerhalb der Gesellschaft zu finden. Tradition und gesellschaftliche Zwänge, frühe Schwangerschaft und Armut sind die häufigsten Gründe, um eine arrangierte Heirat von Minderjährigen zu begründen.

Eine Studie von Plan International in Westafrika ergab, dass minderjährige Mädchen verheiratet werden, wenn sie nicht mehr in die Schule gehen, zum Beispiel weil sie die Versetzungsprüfungen nicht geschafft haben. Wenn das Mädchen dann bereits pubertiert, wird sie als erwachsen angesehen und die Familie sieht die Gefahr, dass sie sexuelle Kontakte hat.

Wenn Mädchen vor ihrer Heirat schwanger werden, schadet dies in vielen Gesellschaften dem Ruf ihrer Familie. Viele Familien möchten sich davor schützen und verheiraten ihre Kinder früh, um die Jungfräulichkeit zu gewährleisten. Darüber hinaus sind junge Frauen vor sexuellen Übergriffen besser geschützt, wenn sie verheiratet sind. Dieser Schutzaspekt bekommt eine noch größere Bedeutung bei Katastrophen und humanitären Krisen.

Mädchen werden zudem von der Gemeinschaft als erwachsene Frauen anerkannt, wenn sie verheiratet sind und Kinder haben. Dieser gesellschaftliche Druck wird auch durch Gleichaltrige erzeugt, die bereits verheiratet und Eltern sind. Eine große Rolle spielt dabei auch das traditionelle Bild, das die in Westafrika sehr populären Nollywood-Filme (romantische Liebesfilme aus Nigeria) von der Rolle der Frau transportieren.

Auch in Lateinamerika versuchen die Mädchen häufig durch Heirat und Mutterschaft die Anerkennung als Erwachsene zu erreichen. Die Ehe versetzt sie in einen anderen gesellschaftlichen Status. Jetzt hat die junge Frau ein Zuhause, um das sie sich kümmern muss. Sie kann abends mit ihrem Mann ausgehen und hat Zugang zu Selbsthilfe- und Gesundheitsgruppen. Insbesondere wenn sie schwanger ist, bekommt sie zudem mehr Anerkennung und Freiheiten als vorher.

Zudem spielt Armut bei der Zwangsverheiratung eine große Rolle. In armen Familien kommt es häufiger zu frühen Ehen. Das liegt daran, dass der "Brautpreis", der von der Familie des Mannes zu zahlen ist, bei jüngeren Mädchen niedriger ist. Auf der anderen Seite hat die Familie eine Person weniger zu versorgen.

 „Ich habe drei Töchter - 17, 15 und 13 Jahre alt - und wir werden sie alle zusammen verheiraten. Sie wollen nicht verheiratet werden, aber wie erklären wir ihnen, dass es eine teure Angelegenheit ist? Wenn jemand gut verdient, kann er sich mehrere Feiern leisten. Wenn wir es in einer Feier machen, sparen wir Geld.“ 

(Mutter unverheirateter Töchter, Indien)

„Wenn du eine große Familie mit vielen Mädchen hast und du hast nichts zu essen […] und dann kommt ein reicher Mann und sagt dir, dass er eine deiner Töchter möchte. Was soll man dann tun? Sagst du nein zu ihm und schaust deinen Kindern beim Sterben zu oder willigst du ein und er nimmt deine Tochter mit und passt auf sie auf und du bekommst auch noch Geld?“

(Mutter in Niger)


Was sind die Folgen einer Zwangsehe?

Keine Schule nach der Hochzeit

Keine Schule nach der Hochzeit: Nach einer Kinderheirat ist es für Mädchen und Jungen schwer, zurück zur Schule gehen. Sie haben keine Chance mehr, ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen. Betroffene Mädchen verbringen den größten Teil des Tages mit häuslichen Pflichten und haben keine Zeit, die Schule zu besuchen.

Problem: Gewalt in der Ehe

In Zwangsehen sind junge Frauen oft sexuellem Missbrauch und Gewalt von ihrem älteren Mann ausgesetzt. Schwiegermütter erschweren das Leben der jungen Ehefrauen zusätzlich. Sie kommandieren die Mädchen herum und geben ihnen schwere Hausarbeiten auf. Das führt häufig zu Konflikten. Die Ehemänner schlagen ihre Frauen, damit es so aussieht, als hätten sie sie im Griff.

Frühe Schwangerschaft

Frühe Schwangerschaft: Frühe Schwangerschaften nach Kinderehen kommen häufig vor. So wird eine Schwangerschaft nach der geschlossenen Ehe sogar gesellschaftlich erwartet. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bringen jedes Jahr 16 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren ein Kind zur Welt. Dabei sind die jungen Mädchen seelisch und körperlich noch nicht auf eine Schwangerschaft vorbereitet. Die Geburt eines Kindes führt in vielen Fällen zu Komplikationen, manchmal auch zum Tod der jungen Frauen. Mehr Infos: Frühe Schwangerschaft



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Was macht Plan International?

Wir von Plan International unterstützen den Aufbau von Kinderschutzstrukturen in den Gemeinden. Dabei klären wir Eltern sowie traditionelle und religiöse Autoritäten über die negativen Folgen der Kinderheirat auf und gründen Kinderschutzkommittees in den Gemeinden. So wollen wir ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen und zur Stärkung der Rechte von Mädchen beitragen.

Wir nutzen Medien wie Radio, Fernsehen und das Internet, um über Kinderrechte und Zwangsehen aufzuklären. Zudem bieten wir Jugendlichen die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren und so ihre beruflichen Perspektiven zu verbessern. Denn gerade für Mädchen bedeutet die berufliche Selbstständigkeit eine Alternative zur frühen Heirat.

Damit Mädchen keine langen und gefährlichen Schulwege auf sich nehmen müssen, unterstützen wir den Bau von Mädchenwohnheimen an Sekundarschulen. Dort können die jungen Frauen in Sicherheit lernen und auf ihren Abschluss vorbereiten.

Um die Einkommenssituation von Familien zu verbessern und so die Töchter vor einer Frühverheiratung zu schützen, fördern wir die Gründung von Spargruppen. Diese bieten ihren Mitgliedern die Möglichkeit, ein gemeinsames Guthaben anzusparen, aus dem sie wiederum kleine Kredite für Investitionen erhalten können. Nicht selten ergibt sich daraus die Chance, ein eigenes kleines Unternehmen aufzubauen. So können Familien dem Kreislauf der Armut entkommen.



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