Loveth wurde von Soldaten der Boko Haram entführt und von ihrem Bruder getrennt. Sie selbst konnte fliehen - ihren Bruder sah sie nie wieder. © Yunus Abdulhamid / Plan
Loveth wurde von Soldaten der Boko Haram entführt und von ihrem Bruder getrennt. Sie selbst konnte fliehen - ihren Bruder sah sie nie wieder. © Yunus Abdulhamid / Plan
30.10.2017

Boko Haram: Das Leid der geraubten Frauen

Mehr als 2.000 Mädchen und Frauen wurden bis heute von der islamistischen Gruppe Boko Haram entführt. Einigen gelingt die Flucht – doch ein neues Leben aufzubauen, ist für sie sehr schwer. Plan International Nigeria startete ein länderübergreifendes Hilfsprogramm.

Adaoma lebte als Farmerin im Bundesstaat Borno im Norden Nigerias. Sie hatte Arbeit und ihre Tochter genug zu essen. Bis die islamistische Boko Haram 2015 ihre Farm überfiel. „Sie nahmen mein ganzes Geld und alle unsere Lebensmittel mit. 30 Säcke Bohnen und zehn Säcke Mais. Ich musste zusehen, wie sie alles unter sich aufteilten“, erzählt sie. Doch die Beute war den Männern nicht genug, sie entführten Adaoma und ihre 15-jährige Tochter Naija und hielten sie in einem Lager im Sambisa Forest nahe des Tschadsees gefangen.

Manchmal hatten sie tagelang nichts zu essen. Naija wurde gezwungen, einen der Soldaten zu heiraten und war nach kurzer Zeit schwanger. Eines Nachts zog ein Sturm herauf. Mutter und Tochter konnten zusammen mit zwölf weiteren Frauen fliehen. Zwei Tage lang irrten sie im Wald umher, bis sie von nigerianischen Soldaten gerettet wurden.

Auch Loveth gelang die Flucht. Mit 14 Jahren wurde sie zusammen mit ihrem Bruder und einem Freund von Boko-Haram-Kämpfern entführt, nachdem diese ihr Dorf im Nordosten Nigerias überfallen hatten. „Ich wurde von meinem Bruder getrennt und an einen fremden Ort gebracht. Ich wusste nicht, wo ich war. Ich hatte unvorstellbare Angst“, sagt sie. Drei Wochen lang war sie gefangen. Über das, was ihr in der Zeit widerfahren ist, will sie nicht sprechen. Doch auch ihr gelang die Flucht - zusammen mit sechs anderen Mädchen und der Hilfe einer älteren Frau, die von den Soldaten als Sklavin gehalten wurde. „Sie führte uns in den Wald und erklärte uns den Weg. Dann rannten wir in die Dunkelheit, ohne uns noch einmal umzudrehen“, erzählt Loveth.

Rettung und Ausgrenzung

Über 2.000 Frauen und Mädchen sind seit 2012 von Soldaten der Boko Haram verschleppt worden. Einige von ihnen werden nach Jahren in Gefangenschaft wieder freigelassen oder können entkommen. Doch nach der Rückkehr in ihre Dörfer haben die Opfer mit Misstrauen und Diskriminierung zu kämpfen – oft sogar durch die eigenen Familien. Kinder, die aus den Vergewaltigungen hervorgehen, sind stigmatisiert. Ihr Blut gilt als „schlecht“ oder „verdorben“.

Auch Adaoma und ihrer Tochter erging es nach ihrer Flucht so. Die 40-Jährige verkaufte Bohnenkuchen, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Aber sie musste das Geschäft aufgeben, weil die Kunden sie mieden. „Unsere Nachbarn wollten nichts von uns kaufen“, sagt sie, „sie grenzen uns aus.“ Zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn lebt sie in einer einfachen Hütte. Doch weil sie die Miete nicht zahlen können, verlieren sie vielleicht erneut ihr Zuhause.

Loveth hatte Glück: Sie konnte nach der Flucht in ihr altes Dorf zurückkehren und geht inzwischen wieder zur Schule. Sie nimmt an einem der Kinderschutzprogramme teil, die Plan International Nigeria in den Regionen Borno und Adamawa durchführt. Ihren Bruder hat sie bis heute nicht wiedergesehen. „Er könnte überall sein“, flüstert sie.

Einkommen und Ausgleich

Plan unterstützt auch Adaoma und ihre Familie mit Lebensmitteln und leistet psychosoziale Betreuung. Tochter Naija macht bald einen Schneiderkurs. Wenn sie ihn abschließt, organisieren die Plan-Teams eine eigene Nähmaschine und die nötigen Materialien, die sie braucht, um ein eigenes Geschäft aufzubauen – und damit ihr Einkommen zu sichern. Die beiden Frauen haben im Plan-Projekt neuen Mut geschöpft: „Ich hatte die Hoffnung fast aufgegeben und dachte, wir müssen zurück in die Wälder ziehen“, sagt Adaoma. „Jetzt haben wir die Chance, ein neues Leben anzufangen.

“Boko Haram kämpft im Nordosten Nigerias, der überwiegend muslimisch geprägt ist, seit Jahren dafür, einen islamischen Gottesstaat zu errichten. Mittlerweile ist die Miliz auch in den Nachbarländern Tschad, Niger und Kamerun aktiv. Seit Beginn des Konflikts 2009 wurden mehr als 20.000 Menschen getötet, mehr als 2,3 Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben, ein Großteil davon sind Kinder.

 

 

Mit einem länderübergreifenden Programm Hilfe für Lake Tschad leisten wir von Plan International in der Region um den Tschadsee sowohl Not- als auch Entwicklungshilfe. Die Menschen in Nigeria, Niger und Kamerun werden mit Nahrungsmitteln sowie sauberem Trinkwasser versorgt. Der Zugang zu Hygieneeinrichtungen, medizinischer Versorgung und zu Bildungsprojekten für die Existenzsicherung wird ermöglicht. Für die Kinder, die oft von ihren Familien getrennt wurden, werden Schutzzonen eingerichtet. Es sind sichere Räume, in denen sich die Mädchen und Jungen entwickeln, lernen und spielen können.

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