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Gebannt hören auch die Kinder zu, was die Erwachsenen besprechen. © Plan / Marc Tornow
12.12.2016 - von Marc Tornow

Sex für einen Fisch

Als Pressereferent unterstütze ich drei Wochen lang die Kommunikationsarbeit von Plan International im Regionalbüro in Nairobi – und berichte aus Ost-Afrika. Lest hier Teil 1,Teil 2,Teil 3,Teil 4 und Teil 5 meiner Reise.


Florence schlägt mit ihrer flachen Hand einmal kräftig auf eine Steinplatte, auf der sonst der frische Fang des Tages zum Verkauf ausgebreitet liegt. Während die Fischer drum herum erschrocken vor so viel Enthusiasmus zurückschrecken und sich ein wenig ertappt fühlen, bringt es die resolute Sozialarbeiterin auf den Punkt: „Schützt Eure Kinder vor Ausbeutung und Misshandlungen – sie haben ein Recht darauf!“

Prächtig sieht er aus, der riesige Viktoria See mit seinen vulkanischen Berglandschaften drum herum. Wie Nussschalen treiben kleine Boote im heißen Wind über das Wasser, dessen kleinster Teil zu Kenia gehört und unter Überfischung leidet. Ein Paradies an der Oberfläche, in dem allerdings die schlimmsten Menschen- und Kinderrechtsverletzungen ungesühnt bleiben, weil die Eltern sich nicht um das Wohl ihrer Kinder kümmern. „Besorg‘ Zucker!“ lautet beispielsweise ein Auftrag an die Tochter, den sie irgendwie bis zum Abend erledigt haben muss.

Die Armut der Menschen hier im Westen Kenias ist so erdrückend, dass in vielen Fällen die Kinderrechte völlig in Vergessenheit geraten sind. Die Ernten sind karg, seit die Regenzeiten unregelmäßig ausfallen und der See nicht mehr genug Ertrag abwirft. Die Erwachsenen sind so sehr mit sich und dem Überlebenskampf der Familie beschäftigt, dass sie auf den Schutz ihrer Kinder nicht achten. Das geht so weit, dass Mädchen sich und ihre Körper anbieten – nur um einen Fisch vom ohnehin mageren Fang abzubekommen. Schutz, Fürsorge, Bildung – all das bleibt auf der Strecke in einem Umfeld, das vollkommen abhängig ist von einer einzigen Erwerbsquelle: das riesige Binnengewässer vor der Tür.

Draußen funkelt das Wasser im grellen Mittagslicht, in das nun Jungen Viehherden zum Saufen treiben. Während die Rinder über die morastige Böschung in das kühlende Nass stapfen, füllen nebenan die Mädchen riesige gelbe Plastikkanister mit Seewasser. Jeder Kanister fasst vielleicht 10 oder 15 Liter der schlammigen Ressource, die dann den kleinen Schultern von Fünf- oder Sechsjährigen aufgebürdet wird. Es liegt in der Verantwortung der Mädchen, die Wasserversorgung der ganzen Familie zu sichern.

Über die Folgen ihrer Achtlosigkeit wird sich die Dorfgemeinschaft heute allmählich klar. Unter dem Schatten spendenden Dach der kleinen Markthalle und unter dem Eindruck der mahnenden Worte von Florence kommen all die Fälle von Vernachlässigung und Missbrauch ans Licht. Angeregt wird diskutiert und endlich einmal offen geredet. Das ist ein guter Anfang – vor allem für die Rechte der Mädchen. Denn kein Defizit wird verschwiegen. Wer seinen Problemen und Herausforderungen offenen Auges entgegenblickt, hat schon einen großen Schritt zur Verbesserung der Verhältnisse geschafft. Die Fischer sollen die Mädchen künftig in Ruhe lassen, die Eltern mehr auf ihre Schützlinge aufpassen – lautet eine Verabredung an diesem Tag.


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