Nothilfe Camp in Nepal nach dem Erdbeben ©Plan
Nothilfe Camp in Nepal nach dem Erdbeben ©Plan
04.05.2015 - von Janina Schümann

"Ich werde verfolgt von dem, was passiert ist."

Die 23jährige Urmila Chaudhary ist ein ehemaliges Kamalari-Mädchen aus Nepal. Sie befand sich in Kathmandu, als das Erdbeben mit einer Stärke von 7.8 die Stadt zerstörte. Lest selbst, wie die Because I am a Girl-Botschafterin die Katastrophe erlebt hat.


Plötzlich fing das ganze Zimmer an zu wackeln. Erst dachte ich, jemand würde sich streiten. Als ich nachgucken wollte, fing der Boden wieder an, stark zu schwanken. Als es dann endlich aufhörte, rannten meine Freunde und ich nach draußen. Zusammen versuchten wir, schnell einen sicheren Ort zu finden. Wir drängelten uns durch die Menschenmassen. Was ich sah, erschütterte mich. Denkmäler waren bis auf den Grund zusammengestürzt und überall sah ich schwer verwundete und sterbende Menschen. Viele waren am ganzen Körper verletzt - ein Anblick der mich bis heute verfolgt.

Ich habe kleine Kinder gesehen, die waren 2 oder 3 Jahre alt. Sie trugen nur wenig Stoff, mit dem sie warm gehalten werden konnten. Mädchen, die ihre Menstruation hatten, hatten keine Versorgung und keine Möglichkeit sich zu waschen. Es gab keine Toiletten oder Sanitäranlagen - und zweifellos auch keine Privatsphäre.

Meine Familie wohnte ungefähr zehn Stunden entfernt. Ich wollte unbedingt wissen, ob es ihnen gut geht. Doch das Erdbeben hat alle Telefondienste lahm gelegt, also blieb mir nichts anderes übrig, als mir weiter den Kopf zu zerbrechen.

Nach der ersten Nacht, welche wir draußen im Freien verbrachten, sind meine Freunde und ich zu einem Grundstück von einem Bekannten von mir gegangen. Dort gab es eine Toilette. Wir teilten uns diese mit 35 anderen, aber es war besser als gar nichts. Nachts hatten wir keine Chance, Schlaf zu finden. Wir alle hatten Angst vor den Nachbeben. Als es anfing zu regnen, zitterten wir. Es war so kalt in Kathmandu, und so dunkel, zumal wir kein Strom hatten. Viele junge Mädchen sorgten sich um ihre Sicherheit, da sie zwischen fremden Leuten schlafen mussten.

Nach drei Tagen entschied ich mich, zurückin mein Heimatdorf Dang zu gehen. Ich schaffte es, auch meine Familie zu kontaktieren. Zum Glück ging es ihnen gut und das Erdbeben war in ihrem Dorf nicht so stark eingeschlagen wie hier. Ich wollte sie unbedingt sehen. Ich vermisste sie so sehr.

Die Busfahrt nach Hause war anstrengend und mühsam. Normalerweise dauert eine Fahrt zehn Stunden, dieses Mal dauerte sie 22 Stunden. Alle wollten aus Kathmandu flüchten und der Bus war brechend voll. Es gab keinen Platz zum Sitzen und auch kein Essen. Die Lebensmittelpreise sind drastisch angestiegen. Eine Flasche Wasser kostet nun das vierfache des normalen Preises.

Meine Freundinnen, die Kamalari-Mädchen, wurden auch verwundet. Aber sie sind am Leben und die meisten von ihnen sind zurück bei ihren Familien, nachdem sie tagelang draußen gelebt und geschlafen haben.

Ich kann immer noch nicht aufhören, an die Mädchen zu denken, die dieses Erdbeben erlebt haben. Wie viele andere, kann auch ich nicht schlafen. Wenn ich meine Augen abends schließe, träume ich von dem Erdbeben. Ich höre die Menschen weinen und sehe Bilder der Verletzten und Toten.

Ich möchte wieder zur Schule gehen und meine Prüfungen der 11. Klassenstufe abschließen, aber die Regierung hat die Schulen für eine Woche geschlossen. Bis die Schulen wieder geöffnet werden, werde ich versuchen zu lernen. Aber immer, wenn ich versuche mich zu konzentrieren, holt mich das Erlebnis wieder ein. Ich bin mir sicher, dass es anderen genau so geht.


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