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Lingling Liu bei der Vorbereitung für den nächsten Tag. ©Plan
06.08.2015 - von Janina Schümann

Erinnerungen an das Erdbeben in Ludian

Ein Bericht über das Erdbeben in Ludian und den Einsatz vor Ort im August 2014 von Lingling Liu, Leitung des Disaster Risk Managements von Plan International China.


„Die Erinnerung an das Erdbeben in Ludian mit einer Stärke von 6,5 wird mich für immer begleiten.

Es war nicht mein erster Nothilfe-Einsatz für Plan International China. Ich habe bei zahlreichen Einsätzen zuvor gearbeitet. Als das Erdbeben uns am 03. August 2014 traf, verursachte es eine große Zerstörung und den Verlust vieler Leben in der Yunnan Province.

Ich wurde schnell alarmiert um in den Kinderschutzzonen zu arbeiten. Sie bieten psychologische Unterstützung bieten und helfen den Kindern, die das Erdbeben erlebt haben. Ich konnte meine Tränen nicht halten, als ich gehen musste. Mein Baby war zu der Zeit erst elf Monate alt. Ich wollte meinen kleinen Jungen nicht verlassen. Er war so jung, aber ich wusste, dass ich gehen und die Betroffenen unterstützen musste. Ich hatte sieben Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet und diese würde dem Team zugutekommen und hilfreich sein.

Ich weinte bis zum Flughafen. Aber als ich ankam, wischte ich meine Tränen weg und sagte mir: „Dein Sohn wird stolz auf dich sein, wenn er größer ist.“ Meine Kollegen und ich erreichten nach einer zweitägigen Reise schließlich Ludian. Wir waren nur zwei Kilometer vom Epizentrum entfernt.

Ich war erschrocken, als ich meine Kollegen sah, die schon vor Ort waren. Sie waren müde, ihre Stimmen heiser und ihre Kleidung dreckig. Die Arbeit in einem Katastrophengebiet ist nie einfach, aber ich wusste, dass diese Situation noch anspruchsvoller war. Wir wurden zu unserer Unterkunft gebracht - ein Fertighaus mit einem schmalen Bett. Es war nirgends etwas zu essen. Fertignudeln waren unsere einzige Nahrung.

Meine Kollegen, die schon vor Ort waren, steckten unsere Kinderschutzzonen ab, die sichere Plätze für Kinder zum Spielen und Lernen boten. Mein Job war es, Partner, Ehrenamtliche und einen langfristigen Ort für die kinderfreundlichen Bereiche zu finden.

In dem betroffenen Gebiet hat jede Familie drei oder vier Kinder hatte - mehr als im Rest des Landes. Die Menschen sind ungebildet. Viele verließen ihre Gemeinden um Arbeit zu finden, sie ließen ihre Kinder zurück, die dann mit ihren Großeltern lebten. Es ist hier üblich, dass die älteren Geschwister auf ihre jüngeren Brüder und Schwestern aufpassen und sie zur Schule oder zu den Kinderschutzzonen bringen.

Jeden Tag liefen wir zwei Kilometer zu den Kinderschutzzonen von Plan International. Auch wenn sie erst um 9:00 Uhr öffneten, fand ich oft Kinder, die seit 8:00 Uhr auf uns warteten. Sogar zur Mittagszeit wollten sie nicht nach Hause gehen, so als wäre niemand dort.

Ich erinnere mich an einen Jungen. Er war immer sehr still. Die einzige Zeit in der ich seine Stimme hörte war, als Gruppenaktivitäten mit anderen Kindern stattfanden. Er trug immer viel Kleidung, auch wenn es heiß war. Kinder erzählten mir, dass sein Großvater auf ihn aufpasste, seit sein Vater mental erkrankte und seine Mutter sie verließ, um erneut zu heiraten.

Es gab noch einen Jungen der auffiel. Er war immer bereit, in der Kinderschutzzone zu helfen. Wenn wir kein Mittagessen hatten, brachte er uns Früchte. Als ich ein paar Monate später zurückkehrte, um das Programm zu besuchen, erzählte er mir, dass er jetzt der Gruppenleiter der Jugendgruppe der Schule war. Ich war so stolz!

Jede Nacht am Anfang meines Einsatzes kehrten wir zu unserer Unterkunft zurück und arbeiteten an Aktivitäten für den nächsten Tag. Es gab keine Toiletten und nirgendwo etwas zum Waschen. Ich habe 16 Tage nicht geduscht, während ich im Field eingesetzt war. Sogar während ich meine Erfahrungen aufschreibe, kann ich immer nicht glauben was passiert ist. Diejenigen, die das Erdbeben durchlebten haben Familienmitglieder und Freunde verloren. Jeder war traurig und beschäftigt. Familien wurden durch die dringende Rekonstruktion der Schulen und Regierungsgebäude belastet. Ich wollte die Kinder umarmen und ihnen sagen, dass als wieder gut wird, aber ich wagte es nicht, weil ich Angst hatte sie würden in Tränen ausbrechen.

Endlich waren wir in der Lage unsere Kinderschutzzone, mit der Unterstützung des Schulleiters, in die wieder aufgebaute lokale Grundschule zu verlegen. Der Schulleiter stellte uns einen Klassenraum zur Verfügung und ich fühlte mich dort viel sicherer als am bisherigen Ort, welcher in der Nähe eines belebten Straßenmarktes lag. Der neue Standort half den Familien, da die älteren Geschwister ihre Brüder und Schwestern am Morgen abgeben und zur Schule gehen konnten.

Ehrenamtliche waren schwer zu finden, aber Plan International formte eine Partnerschaft mit Care for Living, einer Organisation die sich auf Ehrenamtliche für Notfall-Einsätze spezialisiert hat. Sie arrangierten zwei erfahrene Ehrenamtliche für uns. Es war wirklich eine gemeinsame Leistung und sie unterstützten uns bis zum Ende des Projektes.

Während der Arbeit in dem Erdbeben-Gebiet in Ludian war ich müde, aber dankbar. Ich war dankbar für die Kinder, mit denen ich spielte, für die Eltern, die uns Mittagsessen gaben, für den Supermarkt, der uns kostenlose Fertignudeln gab, für den Schulleiter, der unsere Arbeit unterstütze und das Personal, das uns bei der Beobachtung der Gesundheit der Kinder half. Wir kamen, um zu unterstützen und den vom Erdbeben Betroffenen zu helfen, aber sie haben auch mir geholfen.

Als ich meine Reise zurück nach Hause begann, um den ersten Geburtstag meines Sohnes zu feiern, sah ich die grüne Landschaft Ludians weiter weg treiben, aber innerlich fühlte ich mich ruhig und positiv. Ich kenne Ludian und seine großartigen Leute sind stark und kriegen die Unterstützung, die sie zur Erholung benötigen.


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