In der „Smart Up Factory" in Uganda können Jugendliche neue Technologien testen. © Plan International
21.12.2018 - von Lara Betz

Die digitale Revolution - ein großer Rückschritt für Gleichberechtigung?

von Anne-Birgitte Albrectsen, CEO von Plan International

 

Technik und digitales Arbeiten werden auf der ganzen Welt immer wichtiger. Dennoch haben Mädchen und Frauen weniger Chancen als Männer und Jungen, auf Technik zuzugreifen und somit eine Karriere in technischen Berufen zu verfolgen. Anne-Birgitte Albrectsen, CEO von Plan International, erklärt, wie man Mädchen besser einbinden und ihnen größere Chancen im digitalen Bereich ermöglichen kann.


„Ich verließ die Schule, als ich in der achten Klasse war. Zu dieser Zeit dachte mein Vater, es wäre nicht notwendig, Mädchen zur Schule zu schicken. Er war der Meinung, dass sie sich nur um das Haus kümmern müssten, wenn sie erwachsen sind“, erzählt Gunjan. Sie kommt aus einer von Delhis am stärksten benachteiligten Gegenden und blickte ihrer Zukunft damals pessimistisch entgegen.

Zum Glück änderte sich das für Gunjan. Als Plan International und das Unternehmen Ericsson ein Zentrum für digitales Lernen (engl.: „Digital Learning Center“) in ihrer Gemeinde eröffneten, konnte Gunjan auf hochmoderne digitale Technologien und qualitativ hochwertige Bildungsangebote zugreifen. Sie erhielt die Möglichkeit, Naturwissenschaften und Mathematik zu lernen und so ihr Selbstbewusstsein aufzubauen. Ihr Vater war so beeindruckt von ihrer Entwicklung, dass er sagte: „Ich bin mir sicher, dass sie es schaffen wird, ihren Traum, Lehrerin zu werden, zu erfüllen.“

Ungleiche Chancen

Gunjans Geschichte zeigt, wie wichtig Technik ist, um das Potential von Mädchen auszuschöpfen. Dennoch machen nicht alle Mädchen dieselben Erfahrungen wie Gunjan. Für Frauen sind die Chancen, Zugang zum Internet zu haben, um zwölf Prozent geringer als für Männer. Mädchen besitzen seltener Handys als Jungen - der Unterschied liegt bei zehn Prozent. Darüber hinaus entscheiden sich Mädchen fünf Mal seltener für eine Karriere in einem technischen Bereich. Bis 2030 könnten fast ein Drittel aller Jobs auf der Welt automatisiert sein. Digitale Kenntnisse werden immer wichtiger im Berufsleben. Doch da Mädchen nicht dieselben Chancen haben, sich diese anzueignen, besteht die Gefahr, dass sie bei der globalen digitalen Revolution außen vor gelassen und abgehängt werden. So könnte sich die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen auch in der Zukunft festsetzen.

Davor warnt der neue Bericht „Digital Jobs for Youth: Young Women in the Digital Economy“ (dt. etwa: „Digitale Jobs für Jugendliche: junge Frauen in der digitalen Wirtschaft“) von „Solutions for Youth Employment (S4YE) ”, ein Zusammenschluss aus Interessenvertretern aus dem öffentlichen, privaten und zivilgesellschaftlichen Bereich. Dazu zählen unter anderem auch Stiftungen und Expertenkommissionen sowie Regierungsvertreterinnen und -vertreter sowie junge Menschen. Die Koalition möchte die Anzahl junger Menschen in zukunftsweisenden und angemessen bezahlten Jobs steigern. Besonderer Fokus liegt dabei auf digitalen Jobs. Der Bericht zeigt, vor wie vielen Barrieren Mädchen stehen und ruft sowohl Unternehmen als auch Regierungen dazu auf, sofort zu handeln, damit Mädchen auch von den Chancen profitieren können, die die digitale Wirtschaft bietet. Der Bericht nennt drei Aspekte, die zu einem schnellen Fortschritt führen können:

Schädliche Normen ansprechen

Erstens müssen die schädlichen Normen angesprochen werden, die Mädchen zurückhalten. Zum Beispiel in arabischen Ländern, in denen es zwar prozentual mehr weibliche Absolventinnen naturwissenschaftlicher und technischer Fächer gibt als in US-amerikanischen und europäischen Universitäten. Diese Frauen bleiben jedoch aufgrund restriktiver Gesetze und kulturellem wie familiärem Druck nach dem Studium zu Hause. Oder in China, wo mehrere technische Firmen explizit im Einstellungsverfahren bestimmte Positionen nur für Männer ausschreiben. Es ist Zeit, dass sich politische und wirtschaftliche Führungskräfte dafür einsetzen, diese Normen zu verändern. Sie müssen Gleichberechtigung am Arbeitsplatz fördern und Richtlinien einführen, die gegen die Belastung von Frauen, unbezahlte Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung zu leisten, angehen.

Zugang zu digitalen Ressourcen gewährleisten

Zweitens sollte der Zugang zu digitalen Ressourcen, Bildung und Arbeitsmöglichkeiten für Mädchen gewährleistet werden. Es gibt bereits positive Beispiele dafür. Das Programm „Government Online“ in Kolumbien bietet zum Beispiel freie Internet-Hotspots im ganzen Land an, sodass 81 Prozent der Frauen Zugang zum Internet haben. Das „Laboratoria Programme“ in Lateinamerika hat ein Programmier-Boot-Camp etabliert, das Frauen mit wichtigen digitalen Fähigkeiten ausstattet und sie mit potentiellen zukünftigen Arbeitgebern vernetzt. Das Programm von Plan International, das Gunjan in Indien geholfen hat, ist ein weiteres Beispiel. Trotzdem benötigen wir so viel mehr, wenn wir die digitale Kluft zwischen Mädchen und Jungen schließen wollen.

Mädchen als Führungskräfte fördern

Drittens muss Mädchen geholfen werden, zu Führungspositionen einzunehmen. Mädchen müssen die digitale Revolution antreiben, Start-ups in globale Technik-Riesen verwandeln und die digitale Zukunft der Welt neu definieren, damit sie nicht nur gerechter, sondern gleichberechtigt wird. Wenn wir diese inspirierende und optimistische Vision realisieren wollen, müssen Mädchen in dieser technischen Welt Zugang zu Mentoren-Programmen und Trainings für Führungsrollen haben, um sie dafür fit zu machen. Programme wie das der Scotiabank in Kanada, die ein System mit weiblichen Führungskräften als Mentorinnen installiert hat und so zu einer der Banken mit dem besten Frauen-/ Männer-Verhältnis wurde. Die Initiative NiñaSTEM Pueden lädt mexikanische Frauen, die im naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereich Karriere gemacht haben, ein, damit sie Mädchen ermutigen, es ihnen nachzumachen. Das benötigen wir auf der ganzen Welt.

Wir haben nun ein klares Bild davon, was getan werden muss. Die Herausforderung ist allerdings, dass Regierungen und Unternehmen sich dafür engagieren müssen. Denn wenn wir jetzt nicht entschieden handeln, könnte sich die digitale Revolution als großer Rückschritt für die Gleichberechtigung der Geschlechter erweisen.

Die digitale Geschlechterkluft überbrücken

Plan International stärkt Mädchen in Sachen Technik auf verschiedenen Wegen. Dazu gehört das Projekt „SmartUp Factory“ in Uganda. Fiona kann dort als eine der Teilnehmerinnen neue Technologien kennenlernen und ihre Ideen austesten.


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