Werkzeuge für mehr Chancengleichheit

Foto: Mikko Toivonen

Ein normales Leben erschien Fairmore aus Simbabwe unerreichbar. Doch seit sie trotz ihrer Schwerhörigkeit eine Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin macht, glaubt sie wieder an sich selbst.

Auf dem Innenhof einer kleinen Werkstatt steht in gleißendem Sonnenlicht ein himmelblauer Pick-up. Über der geöffneten Motorhaube des in die Jahre gekommenen Wagens sind nur der Rücken und die Beine einer Mechanikerin zu sehen. Ihr Oberkörper ist buchstäblich im Inneren des Motorraums verschwunden, den sie repariert.

Anderswo wäre dieses ramponierte Fahrzeug wohl längst verschrottet worden. Aber hier in Simbabwe, wo Autos so lange wie möglich in Betrieb gehalten werden, bekommt es eine weitere Chance – wenn Mechanikerin Fairmore (22) und ihre Kollegin Tadiwanashe (19) nur herausfinden könnten, warum der Motor während der Fahrt überhitzt.

„Die häufigsten Reparaturen betreffen Motorprobleme, Öllecks und Bremsprobleme“, sagt Fairmore. „Einige Straßen sind wirklich schlecht, und die meisten Autos werden für den Personentransport in die nächste Stadt, nach Kwekwe genutzt.“

Eine junge Frau im Overall hockt in einer Kfz-Werkstatt vor einer Kiste mit Werkzeug
Fairmore (22) hat für jedes Motorteil das passende Werkzeug Mikko Toivonen

76 % der Wirtschaftsleistung in Simbabwe entfallen auf den informellen Sektor

Zwei Frauen mit Overall hieven eine Motorhaube zur Seite
Fairmore (22, re.) und ihre Kollegin Tadiwanashe (19) gehen bei defekten Autos auf Fehlersuche Mikko Toivonen
Ein roter Pick-up fährt über eine Straße und transportiert Menschen
Pick-ups übernehmen in Simbabwe oft den Personentransport Hartmut Schwarzbach

Wenn Jobs nur für das Nötigste reichen

Ein Großteil der örtlichen Wirtschaft stützt sich auf Stände am Straßenrand für den Markthandel, kleine Friseur- oder Elektroläden – und eben das Transportgewerbe. Laut einer aktuellen Erhebung in Simbabwe entfallen 76 Prozent der Wirtschaftsleistung auf diesen informellen Sektor, der zwar Millionen Menschen Arbeit und ein kleines Einkommen zum Überleben bietet, aber nur wenig zu den Staatseinnahmen beiträgt. Hyperinflation, verfehlte Regierungsführung und wirtschaftliche Instabilität haben dem Land, das einst als „Kornkammer Afrikas“ bekannt war, sichtlich zugesetzt.

Da es in Simbabwe nur begrenzt formelle Beschäftigungsmöglichkeiten gibt, suchen viele Menschen außerhalb des Landes Arbeit – oft im benachbarten Südafrika oder in Großbritannien, wo Tausende von ihnen in der Krankenpflege beschäftigt sind. Wer jedoch keine Ausbildung oder Ressourcen hat, schafft es selten ins Ausland. Für viele Mädchen und junge Frauen bedeutet dies, ihre Körper verkaufen zu müssen, um zu überleben – wobei sie sexueller Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt sind

Eine junge Frau sitzt in einem Sessel aus mit braunem Velours-Bezug
Fairmore interessierte sich schon als Kind für Technik und technische Berufe Mikko Toivonen

„Wenn Jugendliche nichts zu tun haben, tun sie oft Dinge, die ihnen schaden“, sagt Fairmore. „In unserer Gemeinde werden viele Mädchen schwanger oder sie fangen an, Drogen oder Alkohol zu konsumieren. Deshalb war ich umso mehr begeistert, als ich die Chance bekam, an einem Projekt teilzunehmen, um Kfz-Mechanik zu lernen.“

Aus Begeisterung für Technik und Motoren

Schon als Kind träumte Fairmore davon, Pilotin zu werden. Als jedoch ihre wichtigen Sekundarschulprüfungen mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 zusammenfielen, wurde der Unterricht eingestellt. Sie fiel durch ihre Prüfungen, und da ihre Familie in finanziellen Schwierigkeiten steckte, konnte sie ihren Schulbesuch nicht fortsetzen. Das nächste Jahr verbrachte die junge Frau zu Hause.

„Viele Mädchen werden schwanger oder fangen an, Drogen zu konsumieren.“

Fairmore (22), auszubildende Kfz-Mechanikerin in Simbabwe
Eine junge Frau im Overall und mit Mütze sitzt auf ein Auto gelehnt
Fairmore (r.) liebt Autos – vor allem Motoren und ihre Teile Mikko Toivonen

Das von Plan International durchgeführte und vom finnischen Außenministerium unterstützte Programm hilft benachteiligten Jugendlichen dabei, berufliche Fähigkeiten zu erwerben und sich über ihre Rechte zu informieren. Insbesondere bekommen solche eine Chance, die weder eine Schule besuchen noch einer Arbeit nachgehen oder eine Ausbildung absolvieren – sowie junge Menschen mit Behinderungen, wie die schwerhörige Fairmore. „Ich hasse Nähen, aber ich liebe Autos – vor allem Motoren und ihre Teile“, sagt sie lächelnd. Zur Auswahl stehen verschiedene Kurse, darunter für Schneidern, Catering sowie Kfz-Mechanik. Unterstützung für die Lehrberufe kommt auch vom Nationalen Rat Simbabwes für Menschen mit Behinderungen (NCDPZ).

Eine Frau tritt aus einer Wellblechtür auf einen Sandweg
Von ihrem Elternhaus macht sich Fairmore morgens auf den Weg zur Kfz-Werkstatt Mikko Toivonen
Zwei Frauen und ein Mann sitzen auf Hockern vor einem grün gestrichenen Haus
Fairmore (Mitte) lebt noch bei ihren Eltern Mikko Toivonen

Obwohl ihre Hörbehinderung nicht sichtbar ist, hat sie doch Fairmores Leben von Geburt an geprägt. „Ich brauche Zeit, um zu verstehen, was jemand sagt“, erklärt die angehende Kfz-Mechanikerin. „Manchmal höre ich gar nichts. Wenn ich Leute bitte, etwas zu wiederholen, lehnen sie das oft ab, weil sie denken, ich würde sie auf den Arm nehmen.“

Vorurteile und Missverständnisse überwinden

Menschen mit Behinderungen sind in Simbabwe weit verbreiteter Stigmatisierung ausgesetzt. Eltern verstecken ihre betroffenen Kinder oft, um sie vor Diskriminierung und Spott zu schützen – wie es auch Fairmores Mutter einst tat. „Fairmore wurde oft gemobbt“, sagt ihre Mutter Sibonile (41). „Die Schule war sehr schwer für sie, weil sie kein Hörgerät hatte. Und die Nachbarn hielten sie für unhöflich, weil sie sie nicht zurückgrüßte.“ Fairmore verließ ihr Haus nur selten und wagte sich lediglich halb hinter den Vorhängen hervor, um Gäste zu beobachten. Das ist heute kaum zu glauben, wo die junge Frau ruhig, aber selbstbewusst spricht.

„Fairmore wurde oft gemobbt, und die Schule war sehr schwer für sie.“

Sibonile (41), Mutter von Fairmore
Eine Frau sitzt auf einem Stuhl im Büro einer kleinen Kfz-Werkstatt
„Als ich jünger war, war ich verletzt und wütend darüber, wie die Leute mich behandelten“, sagt Fairmore. „Aber als ich an den Schulungen teilnahm, gewann ich Selbstvertrauen und erkannte, dass eine Behinderung nicht bedeutet, dass man unfähig ist.“ Mikko Toivonen

Bevor die Teilnehmer:innen mit ihren Kursen und der Berufsausbildung beginnen, absolvieren sie eine umfassende Sexualaufklärung. So erwerben junge Frauen relevantes Wissen und lernen mehr über ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte. Einschließlich ihres Rechts, Nein zum Sex zu sagen.

Besondere Tabuthemen und sprechen

„Wenn Mädchen ihre Rechte kennen, sinkt das Risiko, dass sie ausgebeutet werden, sobald sie ein unabhängigeres, selbstständiges Leben führen“, sagt Oyama Ndlovu, Projektleiterin bei Plan International Simbabwe. „Das gibt ihnen Selbstvertrauen und hilft ihnen, sich zu schützen.“

Die Plan-Teams führen mit ihren lokalen Partnern auch Hausbesuche durch. Diese bieten nicht nur Jugendlichen mit Behinderungen Unterstützung, sondern auch deren Eltern. Die Familien erhalten beispielsweise Informationen über positive Erziehung sowie die sexuellen und reproduktiven Rechte junger Menschen mit Behinderungen.

In Simbabwe sind Behinderung und Sexualität nach wie vor Tabuthemen. Fairmore sagt, dass in ihrer Gemeinde eine Frau, die ein behindertes Kind zur Welt bringt, oft als „verflucht“ gilt. „Die Menschen glauben, dass ein ,verfluchtes‘ Kind keine Zukunft hat und niemals heiraten kann“, sagt sie. „Sogar Kirchen diskriminieren Menschen mit Behinderungen.“

Eine junge Frau sitzt ernst in einem Sessel, der mit braunem Velours bezogen ist
Als Teil ihrer beruflichen Ausbildung wurde Fairmore auch über ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte informiert Mikko Toivonen
Eine junge Frau steht selbstbewusst an einem Auto und lächelt
In ihrem Element: Fairmore fühlt sich als Kfz-Mechanikerin gut aufgehoben Mikko Toivonen
Zwei Frauen arbeiten am offenen Motorblock eines Pick-up-Wagens
Ein defekter Pick-up wird von Fairmore (22, re.) und ihrer Kollegin Tadiwanashe (19) repariert Mikko Toivonen

Diskriminierung erfuhr Fairmore auch aufgrund ihrer Berufswahl: „Wenn ich Leuten – vor allem Männern – erzähle, dass ich eine Ausbildung zur Auto-Mechanikerin mache, sind sie schockiert“, sagt die junge Frau. „Sie sagen mir, dass ich die Ausbildung nie abschließen werde, weil ich heiraten werde oder dass ich für diese Art von Arbeit zu schwach bin.“

Bis ins Erwachsenenalter diskriminiert

Tatsächlich waren von den mehr als zwanzig Teilnehmern an Fairmores Mechanikkurs nur drei weiblich. „Anfangs lachten uns die Jungs aus und fragten, warum wir hier sind. Sie glaubten nicht, dass wir es schaffen könnten“, erinnert sich Fairmore.

Dank eines unterstützenden Ausbilders, der sie bei jedem Schritt ermutigte, schlossen die drei jungen Frauen ihre Ausbildung jedoch erfolgreich ab. Nach dem sechsmonatigen Kurs begann Fairmore ein einjähriges Praktikum in einer örtlichen Werkstatt. „Es macht Spaß, mit den Jungs zu arbeiten. Sie geben mir viele Ratschläge, inspirieren mich und haben mir sogar Elektroarbeiten beigebracht. Sie sind inzwischen wie Brüder für mich.“

Die Ausbildung hat ihr Leben verändert. Fairmore ist nicht mehr auf ihr Zuhause beschränkt und fühlt sich nun allen anderen gleichgestellt. „Ich sehe mich nicht mehr als behindertes Mädchen“, sagt sie. „Ich sehe mich als selbstbewusste junge Frau, die andere dazu inspirieren kann, ebenfalls Veränderungen in ihrem Leben zu erreichen.“

Träumen folgen und Chancen nutzen

Ihre Mutter stimmt ihr zu. „In unserer Gemeinde glauben die Menschen, dass behinderte Kinder nichts erreichen können. Das habe ich früher auch gedacht“, gibt Sibonile zu. „Jetzt weiß ich, dass das nicht stimmt, und unsere Gemeinde sieht meine Tochter ebenfalls anders.“

Zwei Frauen und ein Mann sitzen zusammen vor einem Haus auf Hockern und unterhalten sich
Fairmore liebt ihre Familie, ist mittlerweile aber nicht mehr allein auf ihr Zuhause angewiesen Mikko Toivonen
Eine junge Frau steht in einer Küche und wäscht ab
Bevor sie selbst eine Familie gründet, möchte Fairmore ihrer Mutter helfen Mikko Toivonen

Fairmores Träume enden gleichwohl nicht mit dem Abschluss ihres praktischen Ausbildungsjahrs auf dem Innenhof einer kleinen Autowerkstatt in Zentral-Simbabwe. „Ich möchte heiraten und vier Kinder haben – aber erst, wenn ich 26 bin und meinen Traum, meiner Mutter zu helfen, verwirklicht habe“, sagt sie entschieden. „Die meisten Frauen, die ich kenne, heiraten, bevor sie ihre Träume verwirklichen können.“

Deshalb hat sie eine Botschaft für andere junge Menschen mit Behinderungen, insbesondere für Mädchen, die Kfz-Mechanikerinnen werden wollen: „Hört vor allem nicht auf das, was andere sagen. Folgt euren Träumen und macht das, was ihr liebt. Ich weiß, dass es schwer sein kann, aber wenn ihr an euch glaubt, fleißig lernt und hart arbeitet, könnt ihr eure Träume verwirklichen.“

Die Geschichte von Fairmore wurde in Simbabwe vom finnischen Plan-Team erstellt.

Mädchen Chancen geben

Plan International setzt sich weltweit für Schutz, Bildung, Gesundheit, politische Teilhabe und Einkommenssicherung von Mädchen und jungen Frauen ein – denn von Geburt an sind sie vielerorts stärker benachteiligt als Jungen.

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