Wie die Klimakrise die Zukunft von Mädchen bedroht

Foto: Abhijit Shuvo

Überschwemmungen, Wirbelstürme und Wasserknappheit verändern das Leben vieler Mädchen in Bangladesch. Sie erschweren den Schulbesuch, belasten Familien finanziell und gefährden die Gesundheit. Tasnim, Orthi, Maria und Fatima berichten, wie sie diese Folgen erleben – und wie sie sich für Veränderungen einsetzen.

Tasnim* ist 17 Jahre alt und lebt im Bezirk Satkhira im Südwesten von Bangladesch. Die Region wird häufig von Überschwemmungen und Wirbelstürmen getroffen. Erosion an Flüssen und ein wachsender Salzgehalt im Wasser bedrohen die Lebensgrundlagen vieler Familien. 

Tasnims Schule lag drei bis vier Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Sie ging zu Fuß dorthin. Während der Regenzeit waren die Straßen jedoch oft überflutet. „Es war unmöglich, zur Schule zu kommen“, berichtet sie. „Da wir die meiste Zeit zu Hause waren, arrangierten meine Eltern meine Ehe.“ 

Eine Jugendliche aus Bangladesch mit Hijab, von hinten fotografiert
Tasnim (17) wurde mit 14 Jahren verheiratet, ist inzwischen wieder geschieden. Sie möchte gern wieder zur Schule gehen Abhijit Shuvo

Tasnim wurde mit 14 Jahren verheiratet. Mit ihrer Hochzeit endete ihr Schulbesuch. Doch weil ihre Familie die finanziellen Forderungen der Schwiegerfamilie nicht erfüllen konnte, ist sie inzwischen geschieden und lebt wieder bei ihren Eltern. Tasnim möchten wieder zur Schule gehen, doch zurzeit kann die Familie die Kosten dafür nicht bezahlen. „Ich wurde sehr jung verheiratet und geschieden und konnte nicht weiterlernen“, sagt Tasnim. „Ich möchte nicht, dass andere Mädchen das Gleiche erleben. Wenn sie die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, sollten sie sie nutzen.“

Weltmädchenbericht 2026: Klimakrise verschärft Ungleichheiten

Tasnims Erfahrungen passen zu den Ergebnissen des Weltmädchenberichts 2026 von Plan International. Für den Bericht „Change her Forecast“ wurden 5.000 Mädchen und junge Frauen in Bangladesch, Kenia, Peru, Senegal und Simbabwe befragt. Eine zusätzliche Langzeitanalyse zeigt: Wird die Schulbildung durch Katastrophen oder wirtschaftliche Not unterbrochen, verdoppelt sich für Mädchen sowohl das Risiko einer Frühverheiratung als auch das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft. Der Bericht macht deutlich, dass Bildung ein wichtiger Schutzfaktor für sie ist.

Ein jugendliches Mädchen aus Bangladesch steht vor einigen Hütten
Orthis Familie betreibt Landwirtschaft, doch Erosion am Fluss bedroht ihr Einkommen Abhijit Shuvo

Wenn Familien Land und Häuser verlieren

Auch die 16-jährige Orthi lebt in Satkhira. Ihr Vater arbeitet als Landwirt und verkauft Krabben auf dem Markt. Doch ein nahe gelegener Fluss bedroht zunehmend das Land, die Häuser und das Einkommen der Familie: „Jedes Jahr wird unser Land durch die Erosion am Fluss kleiner“, sagt Orthi. „Wir verlieren unser Land und wir verlieren unsere Häuser.“

Orthi kennt rund ein Dutzend Mädchen aus ihrer Schule, ihrem Freundeskreis und ihrer Nachbarschaft. Zwei von ihnen wurden verheiratet, nachdem ihre Familien Land und Häuser verloren hatten. Die Eltern sorgten sich um die Sicherheit ihrer Töchter. „Ich fühlte mich schrecklich“, berichtet Orthi. „Ein einziges Ereignis am Fluss hat ihr Leben für immer verändert. Meine Freundinnen heirateten und zogen zu ihren Ehemännern.“

Wenn Wirbelstürme drohen, sucht Orthis Familie Schutz in Notunterkünften. Doch auch dort sind Mädchen und Frauen nicht immer sicher. Die Schülerin berichtet von sexueller Belästigung und erzählt auch von einem Mädchen, das während seiner Menstruation ausgegrenzt wurde.

Der Weltmädchenbericht bestätigt, dass dies keine Einzelfälle sind: 28 Prozent der Befragten beobachteten nach einem Extremwetterereignis mehr Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Als mitwirkende Faktoren wurden unter anderem überfüllte Notunterkünfte, fehlende Privatsphäre und unsichere Toiletten genannt.

Mädchen geben ihr Wissen weiter

Orthi nimmt am Projekt „Girls-led Climate Solutions“ von Plan International teil. Dort lernt sie mehr über die Klimakrise, sicheres Wasser sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte. Als sogenannte „Peer Educator“ gibt sie ihr Wissen an Gleichaltrige in ihrer Gemeinde weiter.

Gemeinsam mit ihrer Mutter lud Orthi etwa Familien aus der Nachbarschaft zu einer Veranstaltung ein. Dort sprach sie darüber, warum gesundheitliche Beschwerden von Mädchen ernst genommen werden müssen. Die Veranstaltung richtete sich an die gesamte Gemeinschaft. Auch Jungen wurden einbezogen. „Wenn nur die Mädchen über diese Probleme Bescheid wissen, wird sich nichts verändern“, sagt die junge Aktivistin. „Alle in der Gemeinschaft sollten verstehen, wie sich der Klimawandel auf uns Mädchen auswirkt.“

Anfangs war Orthi unsicher, wenn sie selbst eine Veranstaltung leiten sollte. Inzwischen hat sie mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewonnen. Künftig möchte sie noch stärker über die Folgen der Klimakrise für Mädchen aufklären.

ein Mädchen aus Bangladesch hält ein Glas ungefiltertes Wasser in der Hand
Orthi mit einem Glas Salzwasser, das vor Gebrauch gefiltert werden muss Abhijit Shuvo
Ein jugendliches Mädchen aus Bangladesch sitzt auf einer roten Matratze in einem Haus und liest ein Buch
Maria lernt für die Schule, dabei kann sie nicht immer am Unterricht teilnehmen. Sie muss oft lange Wege zurücklegen, um sauberes Trinkwasser für ihre Familie zu holen Abhijit Shuvo

Wasserknappheit erschwert den Schulbesuch

Auch Maria ist bei dem Projekt aktiv. Die 15-Jährige lebt ebenfalls in Satkhira. Besonders in der Trockenzeit legt sie dort lange Wege zurück, um sauberes Trinkwasser für ihre Familie zu holen. Manchmal beeinträchtigt das ihren Schulbesuch.

Der steigende Salzgehalt des Wassers ist in ihrer Region ein großes Problem. Wasser aus Flüssen und unterirdischen Quellen kann dadurch unbrauchbar werden. Das erschwert den Zugang zu Trinkwasser, macht Böden unfruchtbar, belastet die Landwirtschaft und die Gesundheit der Menschen. Im Projekt lernte Maria, wie sie sich vor und während einer Überschwemmung schützen kann. Vorher wusste sie zum Beispiel nicht genau, wie sie sich auf eine Katastrophe vorbereiten sollte oder was sie in eine Schutzunterkunft mitnehmen muss. „Über Überschwemmungen aufzuklären und zu erklären, wie wir uns schützen können, ist sehr wichtig“, sagt sie. „Es kann Leben retten.“

Maria erfuhr außerdem mehr über Menstruationsgesundheit sowie sexuelle und reproduktive Rechte. Inzwischen hat sie selbst eine erste Veranstaltung an einer Grundschule geleitet. Daran nahmen Mädchen und Jungen teil. „Am Anfang war ich sehr nervös“, erzählt Maria. „Jetzt fühle ich mich sicher genug, um das nächste Treffen zu leiten. Ich habe keine Angst mehr davor, vor Menschen zu sprechen.“

Als Nächstes möchte sie über Geschlechtergerechtigkeit, die Klimakrise und den Umgang mit Katastrophen sprechen. Die Sicherheit von Mädchen und Frauen ist für sie eine gemeinsame Aufgabe. „Es ist nicht allein ihre Verantwortung, sich selbst zu schützen“, sagt Maria. „Alle müssen sich beteiligen und ihren Teil beitragen.“

Die Folgen einer Frühverheiratung wirken lange nach

Hinweis: Der folgende Absatz behandelt das Thema schwere Komplikationen bei der Geburt und deren Folgen.

Fatima ist heute 30 Jahre alt und lebt im Küstenbezirk Barguna. Als Kind wollte sie Lehrerin werden. Doch ihre Familie hatte nicht genug Geld, um sie weiter zur Schule zu schicken. Auch extreme Wetterereignisse belasteten die Familie. In der Nähe ihres Hauses gab es damals keine Schutzunterkunft. Fatimas Eltern sorgten sich darum, was ihren Töchtern im Falle einer Katastrophe durch Extremwetter geschehen könnte.

Ein jugendliches Mädchen aus Bangladesch sitzt in einer Hängematte
Maria spricht auf Veranstaltungen über Menstruationsgesundheit, als nächstes möchte sie sich den Themen Geschlechtergerechtigkeit, Klimakrise und Umgang mit Katastrophen widmen Abhijit Shuvo
Eine Frau mit buntem Hijab im Porträt
Fatima wurde mit 13 Jahren verheiratet Abhijit Shuvo

Als ein Mann um ihre Hand anhielt und keine Mitgift verlangte, stimmte die Familie der Ehe zu. Fatima war da erst 13 Jahre alt. Mit 15 wurde sie zum ersten Mal schwanger. Die Schwangerschaft verlief schwer, bei der Geburt verlor sie viel Blut. Auch bei der Geburt ihres zweiten Kindes kam es zu Komplikationen. Die Familie hatte nicht genug Geld für Untersuchungen und medizinische Versorgung.

Heute hat Fatima drei Kinder. Sie möchte verhindern, dass ihre Töchter die gleichen Erfahrungen machen. „Meine frühe Ehe war ein traumatisches Erlebnis“, sagt sie. „Als ich heiratete, wusste ich nicht, was ein Ehemann und eine Schwiegerfamilie sind. Ich möchte niemals, dass meine Tochter das Gleiche erlebt.“

Heute spricht Fatima mit Verwandten, Nachbar:innen und Freund:innen über die Folgen von Frühverheiratung. Sie ermutigt Familien dazu, ihren Töchtern den Schulbesuch zu ermöglichen. 

Außerdem nahm sie über ein Projekt von Plan International an einer Häkelausbildung teil. Heute verkauft sie selbst hergestellte Produkte und trägt damit zum Einkommen ihrer Familie bei. „Ich bin stolz darauf, dass ich neue Fähigkeiten gelernt habe“, sagt Fatima. „Jetzt kann ich mit meinen Handarbeiten Geld verdienen und zur Bildung meiner Kinder beitragen.“

Mädchen müssen an Entscheidungen beteiligt werden

Die Geschichten von Tasnim, Orthi, Maria und Fatima zeigen, wie eng Klimakrise, Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Sicherheit zusammenhängen. Zugleich machen sie deutlich: Mädchen und Frauen teilen ihr Wissen, entwickeln Lösungen und stoßen Veränderungen an. Deshalb müssen sie an allen Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, gleichberechtigt beteiligt werden – besonders beim Klimaschutz und bei der Anpassung an die Folgen der Klimakrise.

*Name zum Schutz der Privatsphäre geändert

Der Artikel wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Bangladesch erstellt.

Nahaufnahme von Händen, die häkeln
Nach der Ausbildung in einem Plan-Projekt trägt Fatima mit ihren Handarbeiten zum Einkommen der Familie bei Abhijit Shuvo

Mädchen stärken und ihre Rechte schützen

Mit dem Mädchen-Fonds unterstützt Plan International Projekte, die Mädchen schützen, ihre Bildung fördern und ihre gleichberechtigte Teilhabe stärken. Helfen Sie mit Ihrer Spende, damit Mädchen ihre Rechte kennen, eigene Entscheidungen treffen und ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten können.

Jetzt unterstützen

Sie mögen diesen Artikel? Teilen Sie ihn gerne.