Wenn die Erde nachgibt
Noch bevor die Sonne über den Hügeln der Provinz Manabí im Westen Ecuadors aufgeht, hat Yenny ihren Tag bereits begonnen. Die 33-Jährige bereitet das Frühstück für ihre Familie zu: sieben Menschen leben unter einem Dach – ihr Mann, ihre drei Töchter, ihr Schwiegersohn und ihre kleine Enkelin. Danach öffnet sie ihren kleinen Laden, den sie von zu Hause aus betreibt. Über eine schmale Theke verkauft sie Reis, Öl, Zucker und andere Grundnahrungsmittel an die Nachbarschaft.
Wenn Yennys Mann sich nicht gerade um die Kakaobäume der Familie kümmert, übernimmt er Gelegenheitsjobs auf Baustellen. Die Familie lebt von dem, was das Land hergibt: Kakao, Früchte sowie Gemüse – und von dem, was sich auf den Märkten verkaufen lässt. Sofern die Straßen dorthin passierbar bleiben.
Doch genau diese Abhängigkeit vom Wetter und einer schwachen Infrastruktur wird zunehmend zur Gefahr.
„Wir haben Angst, dass der Hang abrutscht und wir unsere gesamte Ernte verlieren.“
Wenn aus Segen eine Gefahr wird
Zu Beginn der Regenzeit fallen in Manabí oft nur einzelne Schauer. Doch mit den Wochen verändert sich die Lage drastisch und der Regen trommelt unaufhörlich auf die Dächer der kleinen Häuser, Flüsse treten über die Ufer, Straßen versinken im Schlamm und an den Berghängen geraten Erdmassen ins Rutschen.
„Zwischen Januar und Mai verändert sich hier alles“, erzählt Yenny. „Starke Regenfälle verursachen Erdrutsche und zerstören die Straßen. Busse können nicht mehr fahren und es wird schwierig, Lebensmittel wie Fleisch und Gemüse zu kaufen. Das Leben wird dann sehr kompliziert.“
Für viele Menschen in Ecuador ist extremer Regen längst nicht mehr nur ein Wetterphänomen. Überschwemmungen, Erdrutsche und zerstörte Infrastruktur treffen jedes Jahr Hunderttausende Menschen. Besonders in ländlichen Regionen können ganze Gemeinden zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten werden. Für Familien wie die von Yenny hat das direkte Folgen: Ernten werden zerstört, Straßen unpassierbar und wichtige Lebensmittel knapp. Auch die Einkommen schrumpfen, weil der Transport über Straßen zum nächsten Markt unterbrochen ist.
Viele Menschen leben von dem, was sie täglich verdienen oder verkaufen können. Schon wenige Wochen Isolation können deshalb monatelange Arbeit zunichtemachen. Dies trifft zumeist Familien in ländlichen Regionen – Familien, die oft ohnehin am Existenzminimum leben. „Durch die Regenfälle gab es einen Erdrutsch auf unserem Kakaofeld“, sagt Yenny. „Dieses Jahr hoffen wir, dass nichts passiert. Aber wir haben Angst, dass der Hang abrutscht und wir unsere gesamte Ernte verlieren.“
Verschmutztes Wasser bedroht die Gesundheit
Jeder Kakaobaum steht für Jahre harter Arbeit und ist eine wichtige Einkommensquelle für die Familie. Doch nicht nur die Felder sind bedroht. Viele Menschen in Yennys Gemeinde beziehen ihr Wasser aus natürlichen Quellen in den Bergen. Bei starken Regenfällen wird dieses Wasser jedoch verschmutzt.
„Das Wasser ist voller Schlamm, Äste, trockener Blätter und Pflanzenreste“, erklärt Yenny. „Man wartet darauf, dass die Sonne das Wasser etwas klärt, aber selbst dann bleibt es trüb.“
Vor allem für Kinder kann verschmutztes Wasser gefährlich werden. Durchfallerkrankungen, Magenbeschwerden und Infektionen nehmen zu. Auch Yennys 17-jährige Tochter Lisbeth kennt diese Sorgen.
„Wenn es stark regnet, wird das Wasser sehr schmutzig“, sagt sie. „Dadurch können Krankheiten und Bauchschmerzen entstehen.“
„Wir haben gelernt das Wasser immer abzukochen – besonders zum Schutz unserer Kinder.“
Kinderleben durch Workshops schützen
Durch Unterstützung aus dem „Early Action Fund“ von Plan International lernen Yenny und andere Familien, sich besser auf extreme Wetterereignisse vorzubereiten. In Workshops zu Wasser, Hygiene und Gesundheit erfahren die Menschen, wie sie Risiken im Alltag reduzieren können.
„Nun wissen wir, dass Quellwasser zwar sauber aussieht, aber trotzdem Keime enthalten kann“, erzählt Yenny. „Wir haben gelernt, das Wasser immer abzukochen – besonders zum Schutz unserer Kinder.“
Neben Informationen wie diesen erhielten die Familien auch praktische Unterstützung: Wassertanks helfen dabei, Engpässe während der Regenzeit zu überbrücken. Moskitonetze schützen vor Krankheiten, die sich durch stehendes Wasser stärker ausbreiten. Finanzielle Hilfen ermöglichten es Yenny und ihrer ältesten Tochter außerdem, wichtige Dinge wie Windeln, Milch und Medikamente zu kaufen, wenn das eigene Einkommen zeitweise wegbricht.
„Manchmal ist der Weg so schlecht, dass Kinder den Unterricht lange verpassen.“
Eine starke Gemeinschaft trotz der wachsenden Unsicherheit
Mit der Zeit ist Vorsorge für Yenny selbstverständlich geworden. Heute gibt sie ihr Wissen auch an andere weiter. Wenn das Wasser nach einem Sturm braun aus den Leitungen kommt, erinnert sie ihre Nachbar:innen daran, das Wasser abzukochen und vorsichtig zu sein.
Ihre Wünsche für die Zukunft wirken schlicht und sind doch existenziell: sauberes Trinkwasser, sichere Straßen und die Möglichkeit, dass Kinder regelmäßig zur Schule gehen können. „Manchmal ist der Weg so schlecht, dass Kinder den Unterricht lange verpassen“, sagt die junge Mutter.
Während Yenny ihre täglichen Aufgaben erledigt, weiß sie, dass die nächste Regenzeit kommen wird. Doch sie fühlt sich heute besser auf die mögliche Folgen vorbereitet als früher. „Der Regen wird immer zurückkehren“, sagt sie. „Aber jetzt wissen wir, wie wichtig Vorbereitung ist. Wenn eine Familie etwas lernt und dieses Wissen weitergibt, wird die ganze Gemeinde stärker und kann die kommende Herausforderung gemeinsam meistern.“
Die Geschichte von Yenny und ihrer Familie wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Ecuador aufgeschrieben.