Blaupause gegen die Armut
Alltag in Mittelamerika – das bedeutet für viele Menschen, mit den Herausforderungen von Kriminalität und Bandengewalt umgehen zu müssen. Die Länder Zentralamerikas rangieren auch aus diesem Grund häufig auf hinteren Plätzen, was die Lebens- und Entwicklungschancen ihrer Bevölkerung angeht. So auch in Guatemala, das laut dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen auf Platz 137 von weltweit 193 kommt. Insbesondere in ländlichen Regionen sowie bei indigenen Bevölkerungsgruppen wie den Maya ist die Subsistenzwirtschaft oft das einzige Mittel, um den Lebensunterhalt für die eigene Familie zu bestreiten.
So erging es auch Jaqueline und ihrem Mann Cristian, die beide schon in jungen Jahren von ihren Familien lernten, wie man trotz fehlender Arbeitsmöglichkeiten von der eigenen lokalen Landwirtschaft und Tierhaltung existieren kann. Während Cristian von seinem Vater lernte, Kaffee anzubauen sowie Hühner und Fische für den Verkauf auf regionalen Märkten zu züchten, verkauften Jaqueline und ihre Geschwister traditionelle Speisen auf der Straße – darunter Chuchitos, im Maisblatt zubereitete kleine Gerichte, und Tamales, in einem Maisbrei gegarte Zutaten.
Auf der Suche nach Arbeit und Einkommen
Ob frisch geerntet oder gekocht: Landwirtschaftliche Produkte und Tierhaltung bieten Familien im ländlichen Guatemala oft die einzigen Möglichkeiten, um ein Einkommen zu erwirtschaften – auch in El Progreso, einer Region im Nordosten, in der Armut verbreitet ist und aus der das Paar stammt. „Meine Mutter hat mir beigebracht, dass Frauen durchaus Unternehmerinnen sein können“, sagt Jaqueline. Ein Umstand, der auch aus einer Not entstanden war. Im Alter von 13 Jahren verlor sie ihren Vater. Man müsse wissen, wie man im Leben vorankommt, hatte dieser seiner Tochter mit auf den Lebensweg gegeben.
Doch die begrenzten Möglichkeiten hindern junge Menschen in Guatemala oftmals daran, eine weiterführende Schule zu besuchen und auch abzuschließen sowie später angemessen bezahlte Arbeitsplätze zu finden und dadurch zum Einkommen ihrer Familien beizutragen. Dadurch setzt sich häufig ein Kreislauf der Armut fort.
„Frauen können Unternehmerinnen sein.“
Als Jaqueline und Cristian heirateten, hatten beide große Träume – ein kleines Haus, gute Versorgung und Kinder. Cristian fand zunächst eine Stelle bei einem örtlichen Telekommunikationsunternehmen, konnte aber nach einem Unfall und dem Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr weiterarbeiten. Die Folgen der Klimakrise – mit anhaltenden Dürren oder extremen Niederschlägen – sowie der Mangel an lokalen Beschäftigungsmöglichkeiten sind weitere Gründe, warum täglich Menschen aus ihren Gemeinden abwandern. „Mein Bruder ist vor einem Jahr ausgewandert, weil er hier in Guatemala keine Arbeit finden konnte. Aber meine Frau, meine Geschwister und ich bleiben hier“, sagt Cristian.
Bildung als Schlüssel und Chance für eine bessere Zukunft
Sowohl Jaqueline als auch Cristian haben die Sekundarschule abgeschlossen. Doch weil sie vor Ort keine Jobs gefunden haben, beschlossen sie, ihr eigenes Unternehmen zu gründen.
Eines Tages hörte Jaqueline, wie Gemeindevorsteher ein neues Projekt in ihrem Dorf ankündigten. Das Programm „Empleo Digno“ („Fundierte Arbeit“) wird von Plan International in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) durchgeführt und unterstützt junge Menschen dabei, sich eine nachhaltige Existenzgrundlage aufzubauen. Insbesondere Frauen und Menschen in ländlichen Gebieten sollen durch eine Teilnahme Zugang zu würdigen Arbeitsmöglichkeiten erhalten.
Das Vorhaben unterstützt die Überwindung von Armut durch die Schaffung neuer Berufschancen. Dabei werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft sowie die geschlechtsspezifische Ungleichheit, die Menschen oft zur Migration oder zu informeller Beschäftigung zwingen, berücksichtigt.
Als Jaqueline ihrem Mann von dem Projekt erzählte, beschlossen beide, trotz der damit verbundenen Reisekosten und Anstrengungen daran teilzunehmen. Die frühen Morgenstunden und langen Fahrten schreckten sie nicht ab, hatten beide doch Stipendien für eine Teilnahme erhalten.
Mit einem Bündel von Schulungen den ländlichen Raum fördern
„Wir wurden gebeten, einen Businessplan einzureichen“, erzählt Cristian. „Wir hatten die Idee, ein kleines Internetcafé mit einem Computer und einem Drucker zu eröffnen und begannen damit, zu skizzieren, wie und wo das Gestalt annehmen könnte. Dann erzählte ich der Projektleitung von Plan International, dass es ebenfalls mein Traum sei, in meinem Dorf eine ländliche Spar- und Kreditkasse zu eröffnen.“
Die Antwort von Plan International und dem WFP ließ nicht lange auf sich warten: „Sie baten mich, zu erklären, wie meine Geschäftsideen meinem Dorf zugutekommen würden, und ich schilderte, dass dort viele ältere Menschen staatliche Unterstützung erhalten und mich ihrerseits gebeten hatten, für mehr Dienstleistungen in ihrer Nähe zu sorgen“, sagt Cristian, der aus seinem vorherigen Job Kenntnisse in der Telekommunikation hat.
Zusammen mit dem Nationalen Ausbildungsinstitut Guatemalas (INTECAP) organisieren die Plan-Teams technische Schulungen, Praktika sowie Trainings für individuelles Management – wozu auch die Erstellung eines eigenen Businessplans gehört. Nach erfolgreichen Trainings können sich die Teilnehmenden in einem Auswahlverfahren für die Vergabe von Startkapital qualifizieren – für das junge Paar ein voller Erfolg: Ihre Bewerbung wurde anhand des schlüssigen Businessplans für eine Förderung ausgewählt.
Heute betreibt das Paar in seinem Dorf einen kleinen Laden, der ländliche Kredit- und Bankdienstleistungen sowie einen Internetzugang und Lebensmittel anbietet. Die Mikrosparkasse hat sich besonders für ältere Menschen in der Gemeinde bewährt, da sie nun nicht mehr fast 16 Kilometer zurücklegen müssen, um diese Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. „Dank der ländlichen Sparkasse haben wir inzwischen über 50 älteren Menschen geholfen“, freut sich Cristian.
„Frauen können genauso wie Männer arbeiten, für sich sorgen und etwas aufbauen.“
Von ihrem Erfolg wollen Jaqueline und Cristian etwas zurückgeben und dazu beitragen, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Die Geschäftsleute unterstützen Initiativen für die Alphabetisierung in ihrer Gemeinde und ihr Unternehmen hat mittlerweile Arbeitsplätze für andere Menschen geschaffen. „Ich habe gelernt, wie ich mein eigenes Unternehmen finanzieren, unser Haushaltseinkommen verwalten und das Potenzial von Frauen erkennen kann“, sagt Cristian. „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Lass es uns gemeinsam tun – denn wenn ich es kann, kannst du es auch. Frauen können genauso wie Männer arbeiten, für sich sorgen und etwas aufbauen.“
Dieser Artikel wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Guatemala erstellt.