Als ihre Kindheit endete
Ihre Beziehung hielt Jen* (18) lang geheim. Als diese startete, war sie 13 Jahre alt und der Mann, zu dem die Beziehung bestand, war sieben Jahre älter. Als Jen sich schließlich traute, ihrer Familie davon zu erzählen, reagierten ihre Eltern mit Ablehnung: „Sie mochten ihn nicht, weil er älter war als ich“, erinnert sie sich.
Erwachsenenpflichten statt Kindheit
Danach nahmen die Spannungen in Jens Familie zu. Unter dem wachsenden familiären Druck entschied sie sich schließlich, zur Familie des Mannes, den sie als ihren „Ehemann“ bezeichnet, zu ziehen. Heute weiß Jen: Mit dem eheähnlichen Zusammenleben endete ihre Kindheit.
„Ich glaubte, geliebt zu werden, dabei kannte ich nicht einmal die Bedeutung von Liebe.“
Rechtlich verheiratet sind die beiden nicht. Solche Formen des Zusammenlebens werden in Lateinamerika und der Karibik als frühe eheähnliche Verbindungen bezeichnet (auf Spanisch „uniones tempranas“). Gemeint sind formelle oder informelle eheähnliche Verbindungen, die vor dem 18. Geburtstag mindestens einer beteiligten Person beginnen. Dazu gehört beispielsweise das dauerhafte Zusammenleben, ohne dass eine rechtlich anerkannte Ehe geschlossen wurde.
Bei der Familie ihres „Ehemanns“ wurde von der damals 15-Jährigen erwartet, traditionelle Aufgaben einer Ehefrau zu übernehmen. Sie kochte, putzte und kümmerte sich um andere Familienmitglieder. „Ich war noch ein Kind, aber sie sahen mich bereits als Frau“, sagt sie. Mit 17 wurde sie schwanger, nach der Geburt ihrer Tochter musste sie die Schule abbrechen.
„Es war eine impulsive Entscheidung einer 15-Jährigen, die nichts vom Leben wusste.“
Zwischen Tradition und Gesetz
In Ecuador ist eine Eheschließung gesetzlich erst ab 18 Jahren erlaubt. Das ecuadorianische Strafrecht enthält außerdem besondere Schutzbestimmungen für Kinder vor sexualisierter Gewalt. Dennoch sind frühe Partnerschaften ohne rechtliche Eheschließung insbesondere in ländlichen Regionen verbreitet.
Frühe eheähnliche Verbindungen entstehen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Die Entscheidungsfreiheit von Mädchen kann dabei durch familiäre Konflikte, Armut, fehlende Aufklärung, gesellschaftliche Erwartungen sowie eingeschränkte Bildungs- und Zukunftschancen begrenzt sein. Ein frühes eheähnliches Zusammenleben kann sich auf Schulbildung, Selbstbestimmung und wirtschaftliche Unabhängigkeit auswirken. Mädchen übernehmen dabei häufig früh Verantwortung für Haushalt, Sorgearbeit und Kinder. Dadurch kann es für sie schwieriger werden, ihre Schulbildung abzuschließen und eigene berufliche Perspektiven zu entwickeln.
Auch, wenn Jens Eltern genau vor diesen negativen Folgen für ihre Tochter hatten, akzeptierten sie die Beziehung schließlich. Heute lebt Jen gemeinsam mit ihren Eltern, drei Geschwistern, dem Vater ihrer Tochter und ihrer Tochter unter einem Dach. Die Familie lebt von Landwirtschaft und der Aufzucht kleiner Nutztiere; zusätzlich verdient ihr Vater Geld mit der Herstellung und dem Verkauf von Holzkohlebriketts.
In der Provinz Manabí ist die Zahl der frühen Schwangerschaften bei Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren besonders hoch. Jede dieser Schwangerschaften drängt Mädchen zu früh in die Erwachsenenrolle.
Bildung als Schlüssel
Jen betreut ihre Tochter und übernimmt weitere Aufgaben im Alltag. Der Mann, mit dem sie zusammenlebt, arbeitet viele Stunden als Fahrer. Dennoch plant sie, ihren Schulabschluss nachzuholen und anschließend zu studieren. „Nachdem ich die Schule beendet habe, werde ich mich an der Universität bewerben – auch wenn ich mein Baby mitnehmen muss“, sagt Jen entschlossen.
Plan International arbeitet in Ecuador gemeinsam mit lokalen Akteur:innen daran, frühe eheähnliche Verbindungen und Teenagerschwangerschaften zu verhindern. Jen nimmt an diesem Programm teil und besucht in dessen Rahmen Workshops, in denen Themen wie sexuelle und reproduktive Gesundheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung behandelt werden. Gleichzeitig werden Eltern und Familien in den Dialog einbezogen, um traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen. Ziel des Programms ist es, Mädchen die Möglichkeit und das Selbstvertrauen zu geben, ihre Zukunft eigenständig zu gestalten.
Was Veränderung bedeutet
Rückblickend sagt Jen, dass die frühe eheähnliche Verbindung weitreichende Folgen für ihr Leben hatte. „Ich hätte nicht so jung mit ihm zusammenleben sollen“, sagt sie. „Ich hätte es vorgezogen, einfach zu daten, getrennt zu leben und von beiden Familien akzeptiert zu werden.“
Heute versteht Jen nach eigenen Angaben besser, welche Risiken und Machtungleichgewichten Mädchen in solchen Verbindungen ausgesetzt sein können. Viele übernehmen Verantwortung für Haushalt, Sorgearbeit und Kinder, bevor sie ihre Schulbildung abschließen oder eigene berufliche Perspektiven entwickeln können. Altersunterschiede, wirtschaftliche Abhängigkeiten und geschlechtsspezifische Erwartungen können ihre Möglichkeit zusätzlich einschränken, eigene Entscheidungen zu treffen.
Für ihre Tochter wünscht sich Jen andere Möglichkeiten. Sie hofft, dass ihre Tochter lernen, eigene Entscheidungen treffen und ihr Leben selbstbestimmt gestalten kann – ohne den Druck, bereits als Minderjährige die Aufgaben und die Verantwortung einer Erwachsenen übernehmen zu müssen.
*Name zum Schutz der Identität geändert
Die Geschichte wurde mit Material als dem ecuadorianischen Plan-Büro aufgeschrieben.