Care-Arbeit braucht Rechte
Chantal (46) lernte schon früh, wie ungleich Care-Arbeit verteilt ist – und wie wenig Anerkennung es dafür gibt. Als junges Mädchen sah sie ihre Mutter täglich noch vor Sonnenaufgang das Haus verlassen, um andere Familien zu unterstützen – viele Stunden am Tag, ohne Vertrag, ohne soziale Absicherung, ohne Freizeit. „Sie hat nie ein angemessenes Gehalt bekommen oder bezahlten Urlaub“, erinnert sich Chantal. „Der bestbezahlte Job brachte ihr 70 Dollar im Monat ein. Sie blieb dort elf Jahre, bis sie gefeuert wurde.“
Die Verantwortung, die ihre Mutter trug, die wenige Wertschätzung, die sie dafür erhielt: Diese Erfahrungen prägten Chantal – und führten dazu, dass sie sich heute für die Rechte von Frauen, die Fürsorgearbeit leisten, einsetzt. Care-Arbeit, also Tätigkeiten wie Kinderbetreuung oder Hausarbeit, soll endlich als das angesehen werden, was es ist: Arbeit – und nicht etwas Selbstverständliches.
Wenn persönliche Erfahrungen politisch werden
Ihren Weg zu diesem persönlichen Engagement fand Chantal jedoch erst, als sie im Rahmen ihrer Ausbildung auf Frauen traf, die Ähnliches erlebt hatten wie sie. Denn neben der frühen Lektion in Ungleichheit, die die Arbeit ihrer Mutter ihr mitgab, erlebte Chantal in ihrer Jugend auch strenge Disziplin und Gewalt. Lange konnte sie darüber nicht reden, bis sie durch den Austausch mit anderen Frauen erkannte: Ihre Geschichte ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren gesellschaftlichen Musters. Diese Erkenntnis gab ihrem Engagement eine Richtung.
Die Erwartungen an Frauen sind enorm
Als Trainerin im Projekt „Más Derechos, Mejor Cuidado“ (dt.: „Mehr Rechte, bessere Fürsorge“) von Plan International, traf sie auf Frauen, deren Lebensrealitäten die ihrer Mutter widerspiegelten: Hausangestellte und Erzieherinnen, die vor Tagesanbruch aufstanden, sich durch unsichere Viertel bewegten und mehrere Jobs unter einen Hut brachten – oft ohne ausreichenden Schutz oder faire Bezahlung.
Viele Teilnehmerinnen berichteten Chantal, dass sie nur vier oder fünf Stunden pro Nacht schliefen. Andere erzählten von Arbeitsaufträgen, die schlichtweg unmöglich zu bewältigen waren, oder von missbräuchlichen Arbeitgeber:innen. Chantal beschreibt die Erwartungen so: „Wenn wir über Fürsorgearbeit sprechen, wird von Frauen erwartet, gleichzeitig Tischlerin, Psychologin, Köchin und Reinigungskraft zu sein. Die Erwartungen sind enorm. Und wenn sie sie nicht erfüllen können, gelten sie als schlechte Mutter oder schlechte Frau.“
Care‑Arbeit: systemrelevant und doch kaum geschützt
Care‑Arbeit ist systemrelevant, aber die, die sie leisten, werden ausgebrannt und nicht wertgeschätzt – das zeigen nicht zuletzt die Erfahrungsberichte der Frauen. Laut der ecuadorianischen Beschäftigungserhebung ENEMDU aus dem Jahr 2023 arbeiten in Ecuador rund 294.000 Menschen im Bereich der Hausarbeit. Die Zahl macht deutlich, wie groß der Sektor ist – und wie dringend Schutz und Rechte für die dort Beschäftigten gebraucht werden.
Wie das Projekt strukturelle Veränderungen anstößt
Durch das Projekt sollen die Arbeitsbedingungen von Menschen verbessert werden, die Care‑Arbeit leisten, insbesondere bei der frühkindlichen Betreuung. Durchgeführt wird es in Regionen mit hoher Armutsrate und Ungleichheit, wie Chimborazo und Cotopaxi. Ziel ist es, den Betreuungssektor zu professionalisieren und sicherzustellen, dass Frauen, die diese unverzichtbare Dienstleistung erbringen, als formelle Arbeitskräfte anerkannt werden – mit Zugang zu sozialer Sicherung und fairen Arbeitsbedingungen. In Ecuador geschieht das in einem besonderen Kontext: Das Land ist weltweit das erste, das das „Recht auf Fürsorge“ in seiner Verfassung und in organischen Gesetzen anerkannt hat.
Räume für Austausch, Wissen und Solidarität
Das Projekt bietet den Frauen Schulungen zu Arbeitnehmer:innenrechten und Gleichstellung, gleichzeitig ist es ein Forum für die Teilnehmerinnen, in dem sie sich austauschen und Kontakte knüpfen können. Die Botschaft, die Chantal während der Workshops immer wieder wiederholt: „Jeder Schritt zählt. Niemand ist allein. Gemeinsam sind wir stärker.“
Chantal versteht ihre Rolle als Brücke – zwischen persönlichen Erfahrungen und kollektiver Veränderung, zwischen Frauen und Institutionen, die sie schützen sollten. Sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern stärkt Selbstbewusstsein und Solidarität. Ein zentrales Thema ist dabei auch Selbstfürsorge. Chantal hat gelernt, Grenzen zu setzen – etwas, das ihrer Mutter nie möglich war. Diese Erkenntnis gibt sie weiter: Fürsorge ist wertvoll, aber Selbstaufgabe ist es nicht.
Ihre Überzeugung fasst sie in einem Satz zusammen: „Sich um diejenigen zu kümmern, die sich um andere kümmern, heißt, sich um die ganze Welt zu kümmern.“
Der Artikel wurde mit Material aus dem ecuadorianischen Plan-Büro erstellt.