Care-Arbeit braucht Rechte

Foto: Plan International

In Ecuador setzt sich eine Frau dafür ein, dass Menschen, die sich um andere kümmern, Anerkennung, Schutz und Rechte erhalten.

Chantal (46) lernte schon früh, wie ungleich Care-Arbeit verteilt ist – und wie wenig Anerkennung es dafür gibt. Als junges Mädchen sah sie ihre Mutter täglich noch vor Sonnenaufgang das Haus verlassen, um andere Familien zu unterstützen – viele Stunden am Tag, ohne Vertrag, ohne soziale Absicherung, ohne Freizeit. „Sie hat nie ein angemessenes Gehalt bekommen oder bezahlten Urlaub“, erinnert sich Chantal. „Der bestbezahlte Job brachte ihr 70 Dollar im Monat ein. Sie blieb dort elf Jahre, bis sie gefeuert wurde.“

Eine junge Frau sitzt mit einem Kleinkind auf dem Boden, umgeben von bunten Ballons und Spielkarten. Beide wirken konzentriert auf die Spielsachen.
Care-Arbeit ist anspruchsvoll und wichtig für die gesamte Gesellschaft, wird jedoch häufig nicht angemessen wertgeschätzt Plan International
Eine Frau hält ein kleines Kind im Arm, während eine zweite Person mit einem weiteren Kind am Tisch sitzt. Im Hintergrund ist eine Tür und ein offener Raum sichtbar.
Chantal (l.) im Gespräch mit einer Erzieherin Plan International

Die Verantwortung, die ihre Mutter trug, die wenige Wertschätzung, die sie dafür erhielt: Diese Erfahrungen prägten Chantal – und führten dazu, dass sie sich heute für die Rechte von Frauen, die Fürsorgearbeit leisten, einsetzt. Care-Arbeit, also Tätigkeiten wie Kinderbetreuung oder Hausarbeit, soll endlich als das angesehen werden, was es ist: Arbeit – und nicht etwas Selbstverständliches.

Wenn persönliche Erfahrungen politisch werden

Ihren Weg zu diesem persönlichen Engagement fand Chantal jedoch erst, als sie im Rahmen ihrer Ausbildung auf Frauen traf, die Ähnliches erlebt hatten wie sie. Denn neben der frühen Lektion in Ungleichheit, die die Arbeit ihrer Mutter ihr mitgab, erlebte Chantal in ihrer Jugend auch strenge Disziplin und Gewalt. Lange konnte sie darüber nicht reden, bis sie durch den Austausch mit anderen Frauen erkannte: Ihre Geschichte ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren gesellschaftlichen Musters. Diese Erkenntnis gab ihrem Engagement eine Richtung.

Eine Frau in einer blauen Weste von Plan International steht vor einer Gruppe von Frauen in einem Seminarraum. Alle sitzen und hören aufmerksam zu.
Im Rahmen eines Plan-Projektes erfahren Erzieherinnen, welche Rechte sie als Arbeitnehmerinnen haben, können sich austauschen und gegenseitig stärken Plan International

Die Erwartungen an Frauen sind enorm

Als Trainerin im Projekt „Más Derechos, Mejor Cuidado“ (dt.: „Mehr Rechte, bessere Fürsorge“) von Plan International, traf sie auf Frauen, deren Lebensrealitäten die ihrer Mutter widerspiegelten: Hausangestellte und Erzieherinnen, die vor Tagesanbruch aufstanden, sich durch unsichere Viertel bewegten und mehrere Jobs unter einen Hut brachten – oft ohne ausreichenden Schutz oder faire Bezahlung. 

Viele Teilnehmerinnen berichteten Chantal, dass sie nur vier oder fünf Stunden pro Nacht schliefen. Andere erzählten von Arbeitsaufträgen, die schlichtweg unmöglich zu bewältigen waren, oder von missbräuchlichen Arbeitgeber:innen. Chantal beschreibt die Erwartungen so: „Wenn wir über Fürsorgearbeit sprechen, wird von Frauen erwartet, gleichzeitig Tischlerin, Psychologin, Köchin und Reinigungskraft zu sein. Die Erwartungen sind enorm. Und wenn sie sie nicht erfüllen können, gelten sie als schlechte Mutter oder schlechte Frau.“

Eine Betreuerin in einer bunten Kleidung steht mit einer Gruppe von Kleinkindern im Kreis unter einer Holzüberdachung. Im Hintergrund sind weitere Kinder auf einem Spielplatz.
Erzieherinnen müssen für mehrere Kinder gleichzeitig da sein, ihnen Aufmerksamkeit schenken und gleichzeitig alles im Blick behalten. Ein anspruchsvoller Job, der Freude bringt, aber auch viel abverlangt Plan International
Drei Kinder spielen mit bunten Bällen und laufen über bemalte Reifen im Freien. Ein Kind balanciert auf einem Reifen, während die anderen zuschauen.
Kinder wollen sich ausprobieren und die Welt entdecken. Erzieherinnen leisten dabei sanfte Begleitung Plan International

Care‑Arbeit: systemrelevant und doch kaum geschützt

Care‑Arbeit ist systemrelevant, aber die, die sie leisten, werden ausgebrannt und nicht wertgeschätzt – das zeigen nicht zuletzt die Erfahrungsberichte der Frauen. Laut der ecuadorianischen Beschäftigungserhebung ENEMDU aus dem Jahr 2023 arbeiten in Ecuador rund 294.000 Menschen im Bereich der Hausarbeit. Die Zahl macht deutlich, wie groß der Sektor ist – und wie dringend Schutz und Rechte für die dort Beschäftigten gebraucht werden.

Eine Betreuerin in einem rosa Kittel sitzt mit Kleinkindern an einem Tisch und hilft ihnen beim Essen. Die Kinder schauen auf Teller, die vor ihnen stehen.
Ruhig am Tisch sitzen? Mit Kleinkindern oft eine Herausforderung. Erzieherinnen unterstützen Kinder dabei, Freude und eine gesunde Routine am Esstisch zu entwickeln Plan International

Wie das Projekt strukturelle Veränderungen anstößt

Durch das Projekt sollen die Arbeitsbedingungen von Menschen verbessert werden, die Care‑Arbeit leisten, insbesondere bei der frühkindlichen Betreuung. Durchgeführt wird es in Regionen mit hoher Armutsrate und Ungleichheit, wie Chimborazo und Cotopaxi. Ziel ist es, den Betreuungssektor zu professionalisieren und sicherzustellen, dass Frauen, die diese unverzichtbare Dienstleistung erbringen, als formelle Arbeitskräfte anerkannt werden – mit Zugang zu sozialer Sicherung und fairen Arbeitsbedingungen. In Ecuador geschieht das in einem besonderen Kontext: Das Land ist weltweit das erste, das das „Recht auf Fürsorge“ in seiner Verfassung und in organischen Gesetzen anerkannt hat.

Eine Frau unterstützt ein Kind beim Ausbalancieren auf alten Reifen in einem Außenbereich. Beide lächeln, während sie gemeinsam spielen.
Kinder brauchen freies Spiel: Eine Erzieherin hilft einem Mädchen beim Ausbalancieren auf alten Reifen Plan International

Räume für Austausch, Wissen und Solidarität

Das Projekt bietet den Frauen Schulungen zu Arbeitnehmer:innenrechten und Gleichstellung, gleichzeitig ist es ein Forum für die Teilnehmerinnen, in dem sie sich austauschen und Kontakte knüpfen können. Die Botschaft, die Chantal während der Workshops immer wieder wiederholt: „Jeder Schritt zählt. Niemand ist allein. Gemeinsam sind wir stärker.“ 

Chantal versteht ihre Rolle als Brücke – zwischen persönlichen Erfahrungen und kollektiver Veränderung, zwischen Frauen und Institutionen, die sie schützen sollten. Sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern stärkt Selbstbewusstsein und Solidarität. Ein zentrales Thema ist dabei auch Selbstfürsorge. Chantal hat gelernt, Grenzen zu setzen – etwas, das ihrer Mutter nie möglich war. Diese Erkenntnis gibt sie weiter: Fürsorge ist wertvoll, aber Selbstaufgabe ist es nicht.

Ihre Überzeugung fasst sie in einem Satz zusammen: „Sich um diejenigen zu kümmern, die sich um andere kümmern, heißt, sich um die ganze Welt zu kümmern.“

Der Artikel wurde mit Material aus dem ecuadorianischen Plan-Büro erstellt.

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