Hoffnung nach dem Fall
Die Bilder gingen um die Welt – nun jährt sich am 26. Oktober 2026 die brutale Einnahme der Stadt El Fasher in Sudan. Die Region Nord-Dafur zeigte einmal mehr die Grausamkeit des Kriegs und die massiven Folgen für die Bevölkerung.
Fast alle Bewohner:innen, die vor einem Jahr überlebt haben, sind geflohen. Viele von ihnen leben mittlerweile im etwa 70 Kilometer entfernten Tawila. Einst eine kleine Siedlung, entstanden hier Geflüchtetencamps, die massiv gewachsen sind und sich mittlerweile zu einer Stadt entwickelt haben.
Harriet Tino, Humanitarian Response-Managerin von Plan International, hat mit uns über die aktuelle Lage in Darfur gesprochen.
Plan Post: Kann man in die Stadt reisen?
Harriet Tino: Ja. Als ich vergangene Woche nach El Fasher fuhr, spürte ich auf dem Weg dorthin eine bedrückende Atmosphäre. Die Straßen waren sehr still. Überall sahen wir Haushaltsgegenstände, Wannen, Bettzeug und Kleidung unter Bäumen. Niemand hatte sie mitgenommen oder weggeräumt. Das zeigt, dass möglicherweise niemand zurückgekehrt ist oder dass die Menschen sehr schmerzhafte Erinnerungen mit diesem Ort verbinden.
Wie sieht es heute in El Fasher aus?
El Fasher selbst wirkt verlassen, fast wie eine Geisterstadt: ausgebrannte Fahrzeuge, kaputte Häuser. Das Leben kehrt langsam zurück. Viele Gebäude stehen aber noch leer. Unser Team konnte unser Büro nicht betreten, weil das Gelände noch nicht geräumt war.
„Tawila ist derzeit ein sicherer Zufluchtsort.“
Wohin sind die Menschen aus der einst großen Stadt El Fasher vor einem Jahr geflohen?
Viele von ihnen sind nach Tawila gekommen. Der Ort ist derzeit ein sicherer Zufluchtsort. Nach aktuellen Zahlen befindet sich hier die größte Zahl an regionalen Binnenvertriebenen. Die letzte mir bekannter Zahl lag bei etwa 570.000 Menschen.
Wie war die Situation vor einem Jahr in Tawila?
In Tawila trafen wir damals sehr viele Kinder und Frauen. Sie lebten in der Kälte, ohne Unterkunft und ohne ausreichende Kleidung. Kinder schauten uns in die Augen und sagten: „Mir ist kalt. Ich habe Hunger.“ Eines Abends gingen wir zum örtlichen Markt, um etwas zu essen. Dort fanden wir drei kleine Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren, die im Dunkeln Essen aus einem Mülleimer holten. Das älteste Kind versuchte, die jüngeren Geschwister zu versorgen. Der Anblick war erschütternd, da viele unserer Kolleg:innen selbst am Ende ihrer Kräfte waren, weil auch ihre eigenen Familien betroffen waren.
Was tut Plan International als Kinderrechtsorganisation in Tawila?
Wir setzen ein Projekt mit dem Auswärtigen Amt um. Es verbindet Schutzmaßnahmen, Hilfe bei sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt und Ernährungshilfe durch Gemeinschaftsküchen.
Ein weiterer wichtiger Teil ist das Fallmanagement. Dabei kümmern wir uns um unbegleitete und von ihren Familien getrennten Kinder sowie Mädchen, die Gewalt überlebt haben. Außerdem richten wir kinderfreundliche Räume ein, in denen wir psychosoziale Unterstützung anbieten.
Derzeit wird häufig von Kinderarbeit und auch von Vernachlässigung von Kindern berichtet. Wir bauen deshalb gemeindebasierte Schutznetzwerke auf und arbeiten mit Pflegefamilien.
„Wir bauen Schutznetzwerke auf und arbeiten mit Pflegefamilien.“
Welche Arbeiten verrichten die betroffenen Kinder?
Sie verkaufen Waren auf dem Markt oder transportieren mit Schubkarren Waren für Händler und übernehmen Gelegenheitsarbeiten. Ich habe Jungen und Mädchen gesehen, die mit Eselskarren umherziehen und Wasser verkaufen. Inzwischen gibt es auch Mädchen auf Baustellen. Das ist aus Sicht des Kinderschutzes sehr bedenklich: Sie arbeiten dort zusammen mit Männern, und wir wissen nicht, ob sie ausreichend geschützt sind. Hinzu kommt die schwere körperliche Arbeit.
Wovon leben die Familien und ihre Kinder?
Viele Familien ziehen los, um Gras und Brennholz zu sammeln, das sie auf den Märkten in Tawila verkaufen. Auch dabei werden Kinder eingesetzt. Manche Gebiete, in die sie gehen, sind unsicher. Frauen haben uns erzählt, dass sie nachts gegen zwei Uhr aufbrechen, was sehr gefährlich ist. Aber sie brauchen die Materialien zum Bau ihrer Unterkünfte und Brennholz für den eigenen Haushalt sowie zum Verkauf.
Außerdem gibt es kleine Kinder, die auf den Straßen betteln. Auf den Markt kommen schon Zwei- oder Dreijährige mit kleinen Tellern und bitten um etwas, die meisten sind unbegleitet. Es gibt aber auch Familien, die ihre Kinder zum Betteln auf die Straße schicken. Viele dieser Kinder haben niemanden bei sich – manche schlafen sogar auf der Straße.
„Auf den Markt kommen schon Zwei- oder Dreijährige mit Tellern und bitten um etwas.“
Was kann Plan International für diese Kinder tun?
Unbegleitete und von ihren Familien getrennte Kinder erhalten Lebensmittelpakete, Wasser und Hygienesets. Außerdem vermitteln wir sie an Schulen und in Pflegefamilien. Einige Mädchen – vor allem unbegleitete – haben wir mit Frauengruppen zusammengebracht. Diese Gruppen erhalten Geld, um einkommensschaffende Tätigkeiten aufzubauen.
Darüber hinaus führen wir Aktivitäten zur Familiensuche und Familienzusammenführung durch. Ursprünglich war dies grenzüberschreitend vorgesehen, doch das war nicht wie geplant umsetzbar. Deshalb gibt es weiterhin viele unbegleitete Kinder.
Die Suche nach Angehörigen ist schwierig, oft wissen wir nicht, wo die Familien sind. Deshalb sind wir vor allem auf Pflegefamilien angewiesen.
Vor einem Jahr gab es massive sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt. Unterstützt Plan International weiterhin Mädchen – zum Beispiel solche, die ungewollt schwanger geworden sind?
Ja. Sie gehören zu den Gruppen, die wir gezielt mit frei verwendbaren Geldern unterstützen. Außerdem stellen wir Hilfsgüter bereit, darunter Babyausstattung. Wir bauen geschützte Räume für Frauen und Mädchen. Dort erhalten sie psychosoziale Unterstützung und können an einkommensschaffenden Aktivitäten teilnehmen. Im Bildungsbereich versuchen wir, Kinderbetreuung an den Schulen einzurichten, damit junge Mütter am Unterricht teilnehmen können.
„Wir bauen geschützte Räume für Frauen und Mädchen.“
Seinerzeit haben viele Binnengeflüchtete in notdürftigen Grashütten gelebt. Wie sieht es heute in Tawila aus?
Es gibt weiterhin provisorische Unterkünfte und Zelte. In einigen Gebieten haben die Menschen sie jedoch durch stabilere, kostengünstige Bauten ergänzt, da es in der Vergangenheit zu zahlreichen Bränden gekommen ist. Deshalb versuchen die Menschen nun, ihre Unterkünfte aus Lehm zu bauen.
Die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen ist groß, und die örtliche Bevölkerung versucht, sie zu decken. Als wir im vergangenen Jahr ankamen, mussten wir vieles grenzüberschreitend aus anderen Gebieten beschaffen. Mittlerweile können wir es hier vor Ort kaufen.
Auch Plan International hat hier inzwischen ein gut eingerichtetes Büro. Unser Team umfasst inzwischen ungefähr 35 Mitarbeitende.
Haben Sie dazu beitragen können, dass sich die Lebensbedingungen in Tawila stabilisieren?
Aus meiner Sicht ist die Lage heute wesentlich besser als vor einem Jahr. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Menschen eine große Widerstandskraft und Eigeninitiative an den Tag legen. Viele haben begonnen, sich ein neues Leben aufzubauen.
Tawila ist inzwischen das größte humanitäre Zentrum in Nord Darfur. Deshalb halten viele Menschen in der Region diesen Ort für eine gute Anlaufstelle. Ich sehe hier Menschen, die auf den Märkten kleine Geschäfte eröffnen, viele Binnenvertriebene haben auch versucht, selbst Landwirtschaft zu betreiben, aber leider hat es zu wenig geregnet.
„Derzeit ist die Dürre das Hauptproblem.“
Welche Herausforderungen gibt es außerdem in Tawila?
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) und andere Organisationen, auch Plan International, stellen Lebensmittel bereit. Eine dauerhafte Versorgung lässt sich damit aber nicht sichern. Wir setzen uns inzwischen für die Verteilung von Schulmahlzeiten ein, denn für die meisten Kinder gibt es weiterhin nichts zu essen.
Außerdem kommen ständig neue Menschen an. Seit vergangener Woche wurden in Tawila mehr als 1.800 Neuankömmlinge gemeldet. Grund für die Flucht ist jetzt allerdings die große Ernährungsunsicherheit. Derzeit ist die Dürre das Hauptproblem, zudem gibt es eine El-Niño-Warnung für Extremwetterereignisse – und der Regen ist ausgeblieben.