Zurück zur Normalität nicht genug!

Gleichstellung der Geschlechter – das ist eines der 17 Nachhaltigkeitsziele. Doch der SDG-Gender-Index schlägt jetzt Alarm.

Weniger als ein Viertel der Länder macht „schnelle“ Fortschritte in Richtung Gleichstellung, andere Länder sogar Rückschritte. Die Angleichung in Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist weltweit zu langsam und zu fragil. Das ist eines der Kernergebnisse des aktuellen SDG-Gender Index 2022.

Die ernüchternden Ergebnisse zeigt eine Analyse betreffender Daten zwischen 2015 und 2020 – sie zeichnen ein Bild von den globalen Veränderungen in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter. Die Frist, die sich die Vereinten Nationen (UN) für die Verwirklichung der 17 Nachhaltigkeitsziele – Sustainable Development Goals (SDGs) – gesetzt haben, ist demnach kaum einzuhalten. Sollte der aktuelle Trend anhalten, wird der weltweite Index für Geschlechtergerechtigkeit bis 2030 lediglich 71 von den angestrebten möglichen 100 Punkten erreichen.

Krisen verschärfen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern

Keines der 114 Länder im SDG-Gender Index 2022 hat bereits Geschlechtergerechtigkeit erreicht. Nur eines von vier Ländern macht „schnelle“ Fortschritte, ein Drittel der Länder machen entweder „keinen Fortschritt“ – oder bewegt sich sogar in die falsche Richtung. 2020 lebten mehr als drei Milliarden Mädchen und Frauen in Ländern, die im Index „schlechte“ bis „sehr schlechte“ Ergebnisse im Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter erreicht haben.

Zwei kenianische Mädchen sitzen an einem Schultisch
Folgen der Corona-Pandemie: In Kenia kehrten nach Wiedereröffnung der Schulen im Januar 2021 nur 16 Prozent der Mädchen zurück ins Klassenzimmer.Plan International

Dramatische Folgen der Corona-Pandemie

Die Corona-Pandemie hat die bestehenden Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern offengelegt – und verschärft. Dies belegen aktuelle Studien, die im SDG-Gender Index genannt werden, der von „Equal Measures 2030“ herausgegeben wird, einem Zusammenschluss verschiedener globaler Netzwerke und Organisationen, darunter auch Plan International.

In Indien wurde beispielsweise zum Thema Gesundheit geforscht und festgestellt, dass der während der Corona-Pandemie verloren gegangene Zugang zu gynäkologischen Gesundheitsdiensten einen erheblichen Anstieg der Müttersterblichkeit mit sich gebracht hat.

Die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik schätzt, dass der Verlust von Arbeitsplätzen Frauen im Bereich der wirtschaftlichen Selbstständigkeit um mindestens ein Jahrzehnt zurückwirft.

Eine Studie aus Kenia hat ergeben, dass 16 Prozent der Mädchen, die besonders vulnerabel sind, nicht in die Schule zurückkehrten, als diese im Januar 2021 wieder öffneten – unter den Jungen betraf dies nur acht Prozent. Und der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen schätzt, dass die Pandemie bis 2030 zusätzlich 13 Millionen Kinderehen verursachen könnte.

In einer Untersuchung von 15 Ländern durch das „International Rescue Committee“ im Oktober 2020 berichteten fast zwei Drittel der geflüchteten Frauen über eine Zunahme an häuslicher Gewalt während der Pandemie und mehr als die Hälfte berichtete von zunehmender sexueller Gewalt.

Keine schnelle Rückkehr zur „Normalität“

Noch ist es nicht möglich, die vollen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Mädchen und Frauen weltweit abzuschätzen. Doch die Beispiele zeigen: Die Befürchtungen, dass die ohnehin langsamen Fortschritte in Sachen Geschlechtergerechtigkeit seit 2015, zu fragil sein könnten, um dieser und kommenden Krisen standzuhalten, sind gerechtfertigt.

Ein klares Ergebnis des SDG-Gender Index 2022 ist auch: Eine „Rückkehr zur Normalität“ ist einfach nicht ehrgeizig genug – angesichts der Tatsache, dass der Fortschritt vor der Pandemie bereits nicht in dem Umfang, Tempo und der Intensität vorangekommen ist, wie es für eine nachhaltige Geschlechtergerechtigkeit erforderlich ist.

Eine indigene junge Frau schaut auf ihre drei Hühner
Ruth (17) aus Ecuador macht als junge Indigena mit anderen Gemeindemitgliedern auf das Thema Gleichberechtigung aufmerksamPlan International

Internationale Gerechtigkeit, zusammenarbeit und Solidarität

Neben der Corona-Pandemie beleuchtet der SDG-Gender Index 2022 fünf weitere kontextbezogene Themen, die Aspekte der Gleichstellung von Mädchen und Frauen weltweit prägen. Unter anderem die internationale Gerechtigkeit und Solidarität. Hier zeichnet der Index ebenfalls ein negatives Bild.

Der SDG-Gender Index zeigt zwar, dass das Einkommen eines Landes nichts darüber aussagt, wie es um die Geschlechtergerechtigkeit bestellt ist – so weisen auf der Index-Rangliste reichere Länder tendenziell höhere Werte bei der Gleichstellung der Geschlechter auf. Jedoch ist der Indexwert eines Landes nicht allein durch sein Nationaleinkommen oder seinen wirtschaftlichen Status erklärbar.

Die USA haben beispielsweise im Jahr 2020 eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, doch der Indexwert zeigt, dass die Geschlechtergerechtigkeit in diesem Land etwa das gleiche Niveau hat (zwischen 76 und 77 Punkten von möglichen 100 Punkten) wie zum Beispiel in Costa Rica, Griechenland und Südkorea, die alle über weitaus weniger Ressourcen verfügen.

Dennoch zeigt die Index-Rangliste auch, dass die Länder am unteren Ende des Index vor allem diejenigen sind, die über weniger Ressourcen verfügen, in denen die Armut groß ist und die von Konflikten betroffen sind oder mit größerer Wahrscheinlichkeit betroffen sein können. Die Verwirklichung der Rechte von Mädchen und Frauen weltweit erfordert jedoch Ressourcen. Deshalb benötigen die ärmsten Länder Solidarität, internationale Gerechtigkeit und Zusammenarbeit, um ihre Gleichstellungsziele zu erreichen.

Es besteht Handlungsbedarf!

Der SDG-Gender Index 2022 legt einen Plan für den positiven Wandel vor, der auf sechs übergreifende Themen basiert. Dazu zählen unter anderem: Gesetze zur Gleichstellung reformieren und anwenden, Investitionen in öffentliche Dienstleistungen und soziale Infrastruktur (einschließlich der Pflege), Bekämpfung von schädlichen Geschlechternormen sowie die Arbeit mit und Stärkung von Mädchen und Frauen.

Die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (UN) wurden im September 2015 von der Weltgemeinschaft angenommen. Sie kamen unter Mitwirkung von Plan International zustande und sind inzwischen für viele Organisationen sowie Unternehmen zu Leitlinien ihres Handelns geworden.

Lesen Sie den gesamten SDG-Gender Index 2022 hier.

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