Karate und Gemüse für die Chancengleichheit

Foto: Anika Büssemeier

Eine Gefahr für Kinder ist die Mangelernährung, traditionelle Normen sind in Bangladesch dafür oft ursächlich. Unbehandelt kann sie für Mädchen später zu Müttersterblichkeit führen. Akhimoni (15) berichtet, wie sie mit diesen Herausforderungen umgeht.

Die meist üppig grüne Landschaft in Bangladesch täuscht darüber hinweg, dass nicht immer und überall ausreichend für eine gesunde Ernährung gesorgt ist. Bei einem Projekt in dem südasiatischen Land sollen Kinder und Jugendliche mehr Kontrolle über ihr Wohlbefinden bekommen – etwa durch den Aufbau von klimagerechten Schulgärten.

Doch es geht um mehr: Mädchen und junge Frauen sind oftmals gesellschaftlich benachteiligt, weshalb zum Beispiel in den Bezirken Rangpur und Nilphamari im Norden des Landes ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt wird. In enger Zusammenarbeit mit der örtlichen Gemeinschaft unterstützt Plan International die jüngere Generation dabei, nicht nur ihr eigenes Wohlergehen, sondern auch das ihrer Familien und Gemeinden zu verbessern – mit Beratungen zum Thema Gleichberechtigung, Theatergruppen oder Karateunterricht für Mädchen.

Akhimoni ist über ihre Schule an dem Projekt für bessere Ernährung, Gesundheit und Geschlechtergerechtigkeit beteiligt. In der Plan Post berichtet die 15-Jährige nachfolgend über ihre Erfahrungen – mit gesunder Ernährung, bei Fragen der Pubertät sowie zur geschlechtlichen Identität:

Eine junge Frau steht vor ihrer Oberschule
Akhimoni (15) aus dem Norden von Bangladesch berichtet in der Plan Post über alltägliche Herausforderungen und ihren Umgang damit Ziaul Haque
eine junge Frau steht in einem Gemüsebeet
Akhimoni (15) im klimaresistenten Schulgarten Ziaul Haque
Eine Jugendgruppe auf der Bühne vor Publikum
Mit Theateraufführungen unterhalten junge Clubmitglieder die Dorfbevölkerung im Norden von Bangladesch – und informieren gleichzeitig über ihre Sorgen und Nöte Ziaul Haque

„Zuhause bin ich mit meinen vier Brüdern, meiner Mutter und meinen drei Schwägerinnen. Mein Vater lebt nicht mehr. Der Einzige, der in unserer Familie etwas verdient, ist mein großer Bruder. Davor hat meine Mutter gearbeitet, aber wegen einer Krankheit ist sie berufsunfähig.

Mein Lieblingsfach ist Englisch, und ein Schwerpunkt sind die Naturwissenschaften. Überhaupt lerne ich gern. In der Schule fühle ich mich leichter, unterhalte mich mit meinen Freundinnen. Wenn ich meine Gedanken und Gefühle mit ihnen teile, geht es mir besser.

„Wir haben gelernt, wie man Gemüse so zubereitet, dass sein Nährwert erhalten bleibt.“

Akhimoni (15), Schülerin und Gemüsegärtnerin im Norden von Bangladesch

Mit dem neuen Plan-Projekt haben wir einen klimafreundlichen Garten an unserer Schule aufgebaut, der bei jedem Wetter überlebt. Es gibt einen Abfluss für überschüssiges Regenwasser, sodass keine Überschwemmungen entstehen können. Außerdem haben wir Mischkulturen. Es gibt einen Fruchtwechsel mit verschiedenen Sorten. Wir haben gelernt, wie man die Pflanzen anbaut und Gemüse so zubereitet, dass sein Nährwert erhalten bleibt. Vorher hatte ich keine Ahnung, wie Lebensmittel nahrhaft bleiben.

Für die verschiedenen Jahreszeiten haben wir verschiedene Pflanzen. Inzwischen weiß ich, wann welche geerntet werden sollten, welche Nährstoffe sie enthalten und welches Gemüse unser Immunsystem stärkt. Unser Landwirtschaftslehrer hat uns gezeigt, wie wir die Gartenarbeit selbst erledigen können. Wir bewässern und entfernen das Unkraut, mulchen den Gartenboden, um in der trockenen Jahreszeit die Feuchtigkeit im Boden zu halten. Wir haben eine Routine entwickelt und den Klassen 6 bis 10 Beete zugeteilt, um die sich die Schulkinder in eigener Verantwortung kümmern.

Eine 15-Jähre arbeitet im Schulgarten
Akhimoni (15) kennt die beste Fruchtfolge und weiß, wie Gemüse schonend gegart wird Ziaul Haque

„Mit dem Wissen aus dem Schulgarten kann ich zu Hause unseren Bedarf decken.“

Akhimoni (15), Schülerin und Gemüsegärtnerin im Norden von Bangladesch

Die Klassen arbeiten umweltschonend, verwenden keine Chemikalien, sondern Kompost und Dung, mit denen der Nährwert der Pflanzen erhalten bleibt. Das klappt so gut, dass ich bei mir zu Hause auch so einen Gemüsegarten angelegt habe! Mit dem Wissen aus dem Schulgarten kann ich den Bedarf meiner Familie an Gemüse auch zu Hause decken. Wir brauchen jetzt kein gespritztes Gemüse teuer zu kaufen, sondern verbrauchen nur die Pflanzen aus meinem Garten. Ich kann das kaum in Worte fassen, die Freude und der Frieden, die man empfindet, wenn man etwas selbst gemacht hat.

Ein Junge zusammen mit zwei Mädchen
Die „Jugendecke“ ist ein geschützter Raum für Schulkinder zum Diskutieren, Lernen und Spielen Ziaul Haque

Wir haben in der Schule eine ,Jugendecke‘, einen eigenen Raum mit Spielen, Fernseher und Büchern. Ein Buch hat den Titel ,Erkenne dich selbst‘. Wer nicht mit seinen Eltern, Geschwistern oder Erwachsenen über persönliche Veränderungen in der Pubertät sprechen will, kann hier viel über diese Zeit im Leben erfahren. Zum Beispiel auch, was Mädchen während der Periode tun müssen und wie sie sich sicher versorgen können – das finde ich sehr wichtig.

„In der ,Jugendecke‘ erfahren wir viel über die Pubertät und Periode. Außerdem gibt es einen Meckerkasten.“

Akhimoni (15), Schülerin und Projektteilnehmerin im Norden von Bangladesch

In der Jugendecke gibt es außerdem einen Briefkasten, in den Briefe anonym eingeworfen werden können. Unser Schulleiter öffnet sie einmal im Monat. Die Probleme, die wir haben – etwa, wenn es in der Schule keine Damenbinden gibt, wenn Toiletten dreckig sind oder andere Kinder stören – kann jeder aufschreiben und in den Meckerkasten werfen. Dann kümmern sich die Lehrer darum.

Zwei Frauen auf einem Dorfweg
Nach UN-Angaben werden rund 50 Prozent der bangladeschischen Frauen verheiratet, bevor sie 18 Jahre alt sind Anika Büssemeier

Dann gibt es Sitzungen, in denen wir über Pubertät, Geschlecht und Sex sprechen. Wenn diese Themen früher im Unterricht angesprochen wurden, lachten alle aus Scham. Aber nach diesen Sitzungen verflog die Scheu. Und für uns Mädchen wurde es normal, zu wissen, was Geschlecht und Gender sind.
Inzwischen weiß ich auch, dass es bei uns Geschlechterstereotypen gibt. Mir ist klargeworden, dass Mädchen von Kindheit an nicht draußen spielen und nicht laut lachen dürfen. Sie müssen langsam sprechen und Hausarbeiten wie Kochen und Wäsche waschen erledigen. Von Kindesbeinen an wird einem Mädchen beigebracht, mit kochbezogenem Spielzeug zu spielen. Und Mädchen dürfen sich nicht wie Jungen anziehen oder Jungenschuhe tragen. Die Sitzungen haben mir dabei geholfen, diese Stereotypen infrage zu stellen.

Es gibt eine Sitzung mit dem Titel ,Gleichheit und gegenseitiger Respekt‘. Ich habe das Gefühl, dass wir gleichberechtigt sein müssen: Mädchen können draußen arbeiten, sie sollen und können sogar draußen spielen. Viele meiner Freundinnen spielen draußen Fußball oder Kricket. Ich habe draußen außerdem meinen Gemüsegarten, von dem meine Familie und ich uns ernähren können.

„Scham und Scheu beim Thema Sex sind verflogen.“

Akhimoni (15), Schülerin und Projektteilnehmerin im Norden von Bangladesch
Ein Mädchen in Karate-Bekleidung
Karate zu praktizieren, gibt Akhimoni (15) einen Schub an Selbstvertrauen Ziaul Haque
Vier Jugendliche spielen Theater
Auftritte vor Theaterpublikum sind für alle Beteiligten lehrreich Ziaul Haque

Karate bedeutet, sich mit leeren Händen zu verteidigen. Karate zu praktizieren, gibt uns einen Schub an Selbstvertrauen. Wir Mädchen fühlten uns früher machtlos, hatten Angst, allein irgendwohin zu gehen, weil es auf der Straße zu Belästigungen oder Hänseleien kam. Ich habe mich nicht einmal dagegen gewehrt und bin mit gesenktem Kopf gegangen. Mit Karate bin ich diese Ängste losgeworden. Außerdem werden wir dadurch körperlich fit.

Inzwischen habe ich genug Selbstvertrauen, um mich zur Wehr zu setzen. Das hat dazu geführt, dass sich die Jungen jetzt von selbst entschuldigen. Früher war mir oft zum Weinen zumute, ich wollte nie etwas sagen, falls mich jemand bedrohte oder mir etwas antun wollte. Ich fühlte mich erbärmlich, aber das ist jetzt nicht mehr der Fall. Ich fühle mich sehr gut. Ich finde, alle Mädchen sollten Karate lernen.

„Karate zu praktizieren, gibt uns Selbstvertrauen.“

Akhimoni (15), Schülerin und Projektteilnehmerin im Norden von Bangladesch

Wenn ich groß bin, werde ich nicht mehr nervös sein oder Angst verspüren, sondern in der Lage sein, Herausforderungen zu meistern. Ich werde selbständiger werden und leichter vorankommen. Und das, was ich gelernt habe, will ich mit anderen teilen.

Ich möchte Ärztin werden. Warum? Weil meine Mutter krank ist und ich gesehen habe, dass viele Menschen sterben, weil es an Ärzten mangelt. Viele die Ärzte können sich nicht die Zeit nehmen, die jeder Mensch bräuchte. Ich denke, dass es einen Mangel an Fachkräften gibt. Ich denke, dass ich dort eine gute Arbeit leisten könnte. Ich möchte Dinge tun, die den Menschen helfen.

Um Ärztin zu werden, muss ich die Abschlussprüfung mit einem guten Ergebnis bestehen. Ich bin derzeit Oberschülerin der 10. Klasse. Nach einer Zwischenprüfung möchte ich die Chance auf ein Medizinstudium bekommen. Aber dazu braucht es auch eine Menge Geld. Deshalb habe ich manchmal das Gefühl, dass ich es nicht schaffe. Aber wir werden sehen, was zukünftig passiert.

Es gibt hier viele Familien, aus denen niemand an einer Oberschule lernt. Diese Familien geraten ins Hintertreffen. Ich wünschte, wir könnten einen Weg finden, um auch ihnen beizubringen, was wir in diesem Projekt lernen: Dass es einen Bedarf an guter Ernährung gibt und daran, wie junge Menschen während ihrer Pubertät sicher sind.“

Eine junge Frau vermisst einen jungen Mann
Früh übt sich: An ihrer Schule prüft Akhimoni (15) Größe und Gewicht eines Klassenkameraden Ziaul Haque

Der Mädchen-Fonds

Der Mädchen-Fonds von Plan International leistet einen wichtigen Beitrag zur Beseitigung von Benachteiligung, Armut und Gewalt. Mit Ihrer Spende können beispielsweise Projekte zum Schutz vor sexueller Gewalt und Ausbeutung, zur Einkommenssicherung sowie für gleichberechtigte, gesellschaftliche Teilhabe und Zugang zur Schulbildung umgesetzt werden. Damit Mädchen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben erhalten.

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