Der Preis des Regens
Über der Region Piura lacht die Sonne. Doch der blaue Himmel hier im Norden von Peru trügt: Im Nu kann es sich wieder zuziehen und dunkle Wolken bringen dann sintflutartige Regenfälle mit sich. Schien am Morgen noch die Sonne, können abends schon die Straßen überflutet, Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten und der Alltag der Menschen lahmgelegt sein. Die 16-jährige Salomé kennt diese Unwägbarkeiten nur allzu gut.
Sie kann sich noch gut an das letzte El-Niño-Ereignis erinnern, jene Phase von Wetterextremen, die alle zwei bis sieben Jahre vor allem die Regionen in Zentral- und Südamerika betreffen. Für 2026 zeichnet sich ein außergewöhnlich starker El Niño ab. Die Folgen dessen wollen jetzt weder Salomé noch ihre Gemeinde tatenlos abwarten.
„Es schien, als würden die Regenfälle alles mitreißen, was sich ihnen in den Weg stellte.“
Schon beim letzten Mal führte das Wetterphänomen El Niño zu heftigen Regenfällen in Salomés Viertel und bereitete den Familien große Schwierigkeiten: „Es schien, als würden die Regenfälle alles mitreißen, was sich ihnen in den Weg stellte. Manchmal war der Himmel völlig klar, und dann wurde er plötzlich grau", erinnert sie sich. „Einmal schlug ein Blitz ganz in der Nähe meines Hauses ein, was sehr beängstigend war, weil wir das Gefühl hatten, nicht zu wissen, was als Nächstes passieren könnte.“
Wetterextreme sorgen im Norden von Peru immer wieder für Zerstörungen
Wenn es zu Überschwemmungen kommt, bricht in den betroffenen Gemeinden der Alltag zusammen. Straßen werden unpassierbar, Schulen schließen, und Familien kämpfen darum, ihren Alltag zu bewältigen. Das Hochwasser verursacht mehr als nur Schäden an der Infrastruktur. Stehendes Wasser schafft ideale Brutbedingungen für Mücken, was das Risiko für Krankheiten wie Dengue-Fieber erhöht. Familien verbringen ihre Abende damit, sich und ihre Häuser zu schützen.
So auch bei Salomés Familie, für die der Umgang mit den Überschwemmungen eine gemeinsame Herausforderung ist. „Meine Mutter, mein Bruder und ich kümmern uns um das Haus“, erklärt die 16-Jährige. „Die Überschwemmungen hindern uns auch am Lernen. Die Straßen sind blockiert, sodass wir nicht zur Schule gehen können, und viele von uns haben kein Internet für den Online-Unterricht.“
„Die Überschwemmungen hindern uns am Lernen. Die Straßen sind blockiert, sodass wir nicht zur Schule gehen können.“
Die wiederkehrenden Unterbrechungen der Schulbildung gehören zu den Auswirkungen, die ihr am meisten Sorge bereiten. Zwar betreffen die Folgen von Klimakrise und Wetterextremen ganze Gemeinschaften, Regionen und Länder. Doch Salomé hat beobachtet, dass Mädchen oftmals mit zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert sind, wenn ihre Familien unter Druck stehen.
In Krisensituationen übernehmen Mädchen oft mehr Aufgaben im Haushalt
Wenn Schulen geschlossen werden und der Alltag stillsteht, wird von Mädchen oft erwartet, dass sie zu Hause mehr Verantwortung übernehmen – beispielsweise, indem sie sich um jüngere Geschwister kümmern oder bei der Hausarbeit helfen. Das kann die Fortsetzung ihrer Ausbildung zusätzlich erschweren.
„Wir Mädchen sind gezwungen, zu Hause zu bleiben und Hausarbeit zu verrichten.“
„In vielen Familien wird in Notsituationen der Fortsetzung des Studiums der Jungen und Männer Vorrang gegeben, während wir Mädchen und Frauen gezwungen sind, zu Hause zu bleiben und Hausarbeit zu verrichten – was unsere Bildung und Entwicklung behindert“, sagt Salomé.
Wenn aus einer Krise eine Notsituation wird
Krisen und Notsituationen wie Überschwemmungen können das Risiko erhöhen, dass vor allem Mädchen und junge Frauen die Schule abbrechen, als Kinderarbeiterinnen tätig werden – und Gewalt erfahren. Schutz und Fürsorge sind daher genauso wichtig wie die Instandhaltung der physischen Infrastruktur.
„Wir haben bereits eine sehr schwere Notlage erlebt, und jetzt heißt es, die nächste könnte noch schwerwiegender ausfallen“, sagt Salomé. „Ich habe Angst davor, was alles passieren könnte, denn viele Familien verfügen nicht über die Mittel, um eine Notlage zu bewältigen. Wenn diese eintritt, leiden meist diejenigen darunter, die am wenigsten haben.“
Anstatt tatenlos das nächste Wetterextrem abzuwarten, hat Salomé beschlossen, selbst aktiv zu werden. Im Rahmen eines Vorsorgeprojekts von Plan International hat sie an Workshops zur Notfallvorsorge und -bewältigung teilgenommen. Dabei geht es um Katastrophenprävention sowie Selbsthilfe und Risikomanagement im Fall von Stürmen, Hochwasser oder Erdrutschen.
Die Teilnahme an dieser Initiative hat ihr Selbstvertrauen gestärkt und ihr Verständnis dafür verbessert, wie sich Gemeinden auf die Folgen von Wetterextremen vorbereiten können. „Wir haben gelernt, wie wir auf uns selbst aufpassen können, und haben für die gesamte Gemeinschaft Schulungen zum Thema Dengue-Fieber organisiert“, sagt sie.
Inzwischen gibt sie das Gelernte an ihre Geschwister, Nachbarn sowie Gleichaltrige weiter – und hilft dadurch, dass alle die Risiken in ihrer Umgebung verstehen und sich besser auf Notfälle vorbereiten können. „Ich habe gelernt, wie ich auf all das reagieren kann“, sagt Salomé. Ihre Entschlossenheit spiegelt ihre Überzeugung wider, dass junge Menschen, insbesondere Mädchen, in Entscheidungen über Katastrophenvorsorge und Klimaschutz einbezogen werden müssen. „Heute weiß ich, dass meine Stimme echte Veränderungen bewirken und andere dazu ermutigen kann, vorbereitet zu sein.“
„Heute weiß ich, dass meine Stimme andere dazu ermutigen kann, vorbereitet zu sein.“
Während sich die Region Piura im Norden von Peru für künftige Katastrophenszenarien wappnet, betont Salomé, wie wichtig es ist, insbesondere den Mädchen Gehör zu schenken. Hilfs- und Schutzmaßnahmen sollten nicht nur Häuser und Lebensgrundlagen, sondern auch die Rechte und Bildungschancen von Teenagern schützen. „Ich bitte die Behörden, uns zuzuhören, uns an den Entscheidungen teilhaben zu lassen und zu gewährleisten, dass die Träume keines Mädchens durch den Klimawandel zunichte gemacht werden.“
Für Salomé geht es bei der Vorbereitung auf den nächsten Notfall um mehr, als nur darum, drohende extreme Regenmengen zu überstehen. Es geht auch darum, dass Mädchen Gehör finden, geschützt werden und weiterhin die Zukunft gestalten können, die sie sich wünschen.
Vor allem Mädchen sollen in Krisensituationen Gehör und Schutz finden
„Meine Botschaft an andere Mädchen lautet: Ihr seid nicht allein. Ihr solltet euch weiterbilden, Unterstützung bei Menschen suchen, denen ihr vertraut, und euch darauf vorbereiten, diesen Risiken zu begegnen, ohne in Angst zu leben.“
Dieser Artikel wurde mit Material aus dem peruanischen Plan-Büro erstellt.