„Ihr seid nicht vergessen“

Foto: Peter Caton

Wenn Frauen gezielt angegriffen werden, ist Wegsehen keine Option. Plan International-Mitarbeiterin Harriet berichtet aus Nord-Darfur von dem Leid von Mädchen und Frauen – und davon, warum Solidarität und Schutz jetzt entscheidend sind.

Hinweis: Dieser Artikel enthält Berichte über sexualisierte Gewalt im Kontext bewaffneter Konflikte. Außerdem wird Harriet aus Sicherheits‑ und Schutzgründen in diesem Artikel nicht auf Fotos gezeigt.

Als Harriet durch die staubigen Straßen von Tawila geht, begegnen ihr fast nur Frauen und Kinder. Viele sind zu Fuß unterwegs, andere sitzen erschöpft auf Eselskarren. Immer wieder stellt sie sich dieselbe Frage: Wer wird sie beschützen? Doch Harriet ist nicht als Beobachterin in Tawila. Die Humanitarian Response Managerin von Plan International für Sudan ist im Dezember 2025 nach Nord-Darfur gereist, um Teams zu unterstützen, die unter extremen Bedingungen für den Schutz von Mädchen und Frauen arbeiten. 

Menschen laufen durch ein Camp für Geflüchtete in Sudan, es stehen Hütten aus Stroh im Camp
Weitläufige Camps sind zum Zuhause für Hunderttausend Menschen in Tawila geworden Plan International
Zwei sudanesische Menschen sitzen auf einem Karren, der von einem Esel gezogen wird, ein weiterer Mensch läuft nebenher
Viele Menschen fliehen auf Eselskarren wie diesem und kommen hungrig, müde und erschöpft in überfüllten Camps an. Die Menschen auf diesem Bild haben auf ihrer Flucht die Grenze zu Südsudan überquert Peter Caton

Was sie sieht, trifft sie tief. „Ich sah ein etwa zwölfjähriges Kind reglos auf einem Esel liegen. Ich wusste nicht, ob es schlief, krank war oder einfach vor Erschöpfung nicht mehr konnte“, berichtet sie.

Was für viele Menschen weit entfernte Schlagzeilen sind, ist für Harriet und die Menschen in Sudan Realität. Seit drei Jahren herrscht dort Krieg. Besonders Mädchen und Frauen sind der Gewalt schutzlos ausgeliefert. Vergewaltigungen werden gezielt als Kriegswaffe eingesetzt, auf der Flucht wie auch in den umkämpften Gebieten. 

Kaum Schutz, Wasser und Nahrung

In Tawila trifft Harriet auf riesige Camps für Binnenvertriebene. Dort zeigt sich das ganze Ausmaß der Krise. Es gibt kaum Schutz vor Kälte in der Nacht oder Hitze am Tag, zu wenig Wasser, kaum Nahrung. „Wir sehen extrem viele unbegleitete und von ihren Familien getrennte Kinder“, berichtet sie. Einige sind verletzt, andere noch sehr klein. „Die Realität ist: Alle sind verletzlich – und es gibt schlicht nicht genug Unterstützung.“

Eine Plan-Mitarbeiterin ist umringt von sudanesischen Frauen und Kindern und spricht mit ihnen
Eine Plan-Mitarbeiterin spricht mit Frauen in einem Camp in Tawila Plan International

Besonders eindrücklich ist für Harriet eine Begegnung mit einem Mädchen, das ihr erzählt, dass die Kleidung, die es trägt, geliehen ist – und jederzeit zurückverlangt werden kann. Dann stellt das Mädchen eine Frage, die Harriet nicht mehr loslässt: „Wenn wir nicht einmal Kleidung haben – wie sollen wir dann mit unserer Periode umgehen?“

Für Harriet steht diese Frage stellvertretend für das, was Mädchen und Frauen in diesem Krieg verlieren: Sicherheit, Würde und Kontrolle über den eigenen Körper. „Wenn selbst grundlegende Dinge zur Belastung werden, zeigt das, wie tief diese Krise reicht“, sagt sie.

Mariams Geschichte

Eine sudanesische Jugendliche in gelbem Niqab
Mariam (18, Name geändert) erlebte sexualisierte Gewalt Plan International

Mariam* (18) war mit anderen Mädchen auf dem Weg zum Brunnen, als sie von bewaffneten Männern abgefangen wurden. „Sie bedrohten uns mit Waffen, schlugen uns“, berichtet die junge Frau. „Etwa fünf Männer kamen zu mir. Einer von ihnen vergewaltigte mich. Den anderen Mädchen ging es genauso.“

Aus Angst schwieg Mariam wochenlang. Als ihre Familie vor den Kämpfen fliehen muss, sind sie fünf Tage zu Fuß unterwegs – ohne Essen und Wasser. Erst im Krankenhaus, erschöpft und krank von der Flucht, vertraut sich Mariam ihrer Mutter an. Dort erfahren sie, dass sie schwanger ist. 

Die Familie hat kein Zelt im Geflüchtetencamp mehr bekommen, schläft unter freiem Himmel. Wasser und medizinische Versorgung sind knapp. Trotz allem hält Mariam an ihrem Traum fest: „Ich möchte wieder zur Schule gehen.“

Mariam steht stellvertretend für viele Mädchen in Sudan. Nach UN-Schätzungen sind über zwölf Millionen Menschen von geschlechtsspezifischer Gewalt bedroht. Doch nicht einmal jede zehnte Betroffene erhält medizinische oder psychosoziale Hilfe.

*Name geändert

Die Macht, gesehen zu werden

Die Reise nach Tawila ist beschwerlich, die Sicherheitslage angespannt. Trotzdem stand für Harriet fest, dass sie kommen musste. „Unsere Teams vor Ort waren tief traumatisiert. Einige hatten Familienangehörige verloren, andere waren selbst direkt betroffen. Unsere Präsenz ist nicht optional – sie ist notwendig.“

Es gibt Momente, in denen Harriet nichts geben kann: kein Essen, kein Wasser. Und doch erlebt sie, wie wichtig und mächtig Nähe und Zuhören sind. „Wir trafen eine Gruppe von Frauen. Ich sagte ihnen: Ich weiß, ihr habt alles verloren, aber ihr habt noch euer Leben. Darin liegt ihre Hoffnung“, erklärt Harriet. Die Frauen klatschten. Nicht, weil sich ihre Situation verbessert hatte, sondern weil sie hören mussten, dass jemand an sie und ihre Zukunft glaubt.

In einem Konflikt, in dem Gewalt systematisch gegen Frauen eingesetzt wird, ist jede Frau, die bleibt, zuhört und handelt, ein Zeichen von Solidarität und Widerstand.

Eine sudanesische Frau sitzt auf dem Boden und hat den Kopf in die Hände gestützt
Asma (38, Name geändert) wurde auf der Suche nach Nahrung für ihre zwei Kinder von zwei Männern attackiert. Traumatisiert von der sexualisierten Gewalt zog sie sich zurück, bis sie in einem Camp für Geflüchtete psychosoziale und medizinische Unterstützung von Plan International erhielt. Es geht ihr besser, doch es ist noch ein langer Weg bis zur Heilung Mona Elfateh

Das stille Leiden der Frauen

Viele Frauen sprechen nicht über das, was sie erlebt haben. Aus Angst, aus Scham, aus Sorge vor Ausgrenzung. Sexualisierte Gewalt ist in diesem Konflikt allgegenwärtig – und bleibt doch oft unsichtbar.

Plan International betreibt in Sudan und in angrenzenden Ländern sogenannte Safe Spaces. Dort erhalten Betroffene notfallmedizinische Hilfe, psychosoziale Betreuung und einen geschützten Raum. Doch angesichts der massiven Unterfinanzierung erreichen diese Angebote nur einen Bruchteil der Frauen und Mädchen, die dringend Hilfe benötigen.

Hinschauen – und handeln

Um das stille Leiden von Mädchen und Frauen sichtbar zu machen, hat Plan International Deutschland die Petition „#SilentSuffering stoppen“ gestartet. Sie fordert die Bundesregierung auf, mehr humanitäre Hilfe zu leisten und den Schutz von Mädchen und Frauen in Sudan zu stärken.

„Zu wissen, dass Menschen außerhalb Sudans hinschauen und handeln, macht einen Unterschied“, sagt Harriet. „Für die Frauen hier bedeutet jede Unterstützung: Ihr seid nicht vergessen.“ 

Schauen Sie hin ...

und handeln Sie jetzt! Unterschreiben Sie unsere Petition für den Schutz von Mädchen und Frauen in Sudan.

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