„Ich habe alles vergessen, was ich gelernt habe“

Foto: Plan International

Seit über einem Jahrzehnt wird der Nordosten Nigerias, in dem die islamistische Terrorgruppe Boko Haram entstand, von Aufständen heimgesucht. Millionen Menschen mussten fliehen und Kinder oftmals die Schule abbrechen. Ein Lernprogramm soll ihnen nun wieder Zugang zu Bildung verschaffen.

In Borno, dem nördlichsten Bundesstaat Nigerias, leben viele Menschen im Ausnahmezustand. Angst ist insbesondere für Mädchen und Frauen ein ständiger Begleiter, wurden doch in über zehn Jahren Hunderttausende von der Terrorgruppe Boko Haram entführt, gequält, zwangsverheiratet, geschwängert, Schulen und Universitäten entrissen oder als Selbstmordattentäterinnen missbraucht. Laut UNICEF benötigen 2,8 Millionen Kinder in Borno und den benachbarten Bundesstaaten Yobe und Adamawa Zugang zu Bildung. In diesen drei Bundesstaaten sind mindestens 802 Schulen wegen des bewaffneten Konflikts geschlossen, 497 Klassenzimmer zerstört und weitere 1.392 beschädigt. Mehr als die Hälfte der Mädchen dort gehen nicht zur Schule, obwohl die Grundschule in Nigeria offiziell kostenlos und verpflichtend ist.

„Ich musste die Schule abbrechen, als ich gerade einmal neun Jahre alt war.“

Khadijah (14), nimmt am Lernprojekt teil

Geld verdienen, statt zur Schule zu gehen

Viele Familien aus ländlichen Gebieten mussten aus ihrer Heimat in die relativ sicheren städtischen Gebiete fliehen. Alles, was sie sich aufgebaut hatten, ihre ganze Lebensgrundlage, mussten sie zurücklassen. Um ihre Familien finanziell zu unterstützen, kehrten viele geflüchtete Kinder nicht zur Schule zurück und nahmen stattdessen schlecht bezahlte Hilfsjobs an. „Ich war schon seit fast sechs Jahren nicht mehr in der Schule“, berichtet die 14-jährige Khadijah. „Ich habe alles vergessen, was ich jemals gelernt habe. Ich musste die Schule abbrechen, als ich gerade einmal neun Jahre alt war.“

Ihre Eltern, einst Gemüsebauern, fanden nach der Flucht aus dem konfliktbetroffenen Gebiet neue Jobs: Ihr Vater arbeitet als Metzger, ihre Mutter flickt Kleidung mit einer Nähmaschine, die ein Verwandter ihr geschenkt hat. Doch Khadijah und auch ihre Schwestern konnten dennoch nicht zur Schule zurückkehren – zu hoch sind die Kosten für Schulgebühren und Lernmaterialien.

Ein Mädchen in einem vollen Klassenzimmer meldet sich
Auch die 13-jährige Mziyakwa (Mitte) konnte durch die Lernzentren ihre Schulbildung fortsetzen.Plan International
Ein Lehrer schreibt etwas auf ein Blatt an einer Tafel, einige Schülerinnen und Schüler sitzen an Tischen und schauen zu
In Lernzentren erhalten Kinder, die die Schule abbrechen mussten oder nie zur Schule gehen konnten, Unterricht von ehrenamtlichen Helfer:innenPlan International

Plan International führt in den Bundesstaaten Borno und Yobe ein Projekt durch, das Mädchen und Jungen, die wegen des bewaffneten Konflikts die Schule abbrechen mussten, wieder Zugang zu Bildung ermöglicht. Finanziert wird das Projekt von der Europäischen Union. Eines der Lernzentren wurde in einer Grundschule in der Nähe von Khadijahs Zuhause eingerichtet. An Wochentagen können Kinder, die nicht zur Schule gehen, abends am Nachholunterricht teilnehmen. Freiwillige Lehrkräfte, die von Plan International geschult wurden, unterrichten die Kinder. Im Rahmen des Programms werden zudem Lernpakete mit Heften, Stiften und Wasserflaschen verteilt sowie psychosoziale Unterstützung für die Schüler:innen bereitgestellt.

Schnelle Lernfortschritte bei Khadijah

Seit dem Start vor einem Jahr konnten mehr als 2.245 Kinder erreicht werden – rund 70 Prozent davon sind Mädchen, die in Krisenzeiten oft die ersten sind, die von der Schule genommen werden oder, wenn etwa Nahrungsmittel knapp werden, hungern müssen. Khadijah und ihre jüngeren Schwestern nehmen seit August 2021 am Lernprogramm teil. „Viele Menschen haben mir davon abgeraten“, so die 14-Jährige, „weil ich im Prinzip ganz von vorne anfangen musste. Aber ich bin so glücklich, dass ich wieder zur Schule gehen kann! Ich lerne schrittweise und schnell.“

Ali Ibrahim ist ein freiwilliger Helfer im Projekt und unterrichtet auch Khadijah. „Sie hat sich wirklich sehr verbessert“, berichtet er. „Sie lernt schneller als ihre Mitschüler:innen. Als sie hier anfing, war sie sehr schüchtern und hatte keine Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen. Jetzt antwortet sie auf Fragen im Unterricht, macht ihre Hausaufgaben und ist immer fröhlich.“

Ein Lehrer steht an der Tafel, eine Schülerin in der Klasse meldet sich
Khadijah (3.v.l.) nimmt rege am Unterricht teil.Plan International

Der Lehrplan des „Accelerated Basic Education Programme“ (ABEP) wurde vom Nigerian Educational Research and Development Council (Nigerianischer Rat für Bildungsforschung und Entwicklung) für Kinder im schulpflichtigen Alter entwickelt, die die Schule abgebrochen haben oder noch nie zur Schule gegangen sind. Sobald die Kinder den Unterricht nachgeholt haben, werden sie in den normalen Unterricht eingegliedert oder erhalten die Möglichkeit, sich in Bildungszentren einzuschreiben und dort einen alternativen Karriereweg anzustreben.

Khadijah ist inzwischen in der zweiten Klasse. Sie muss noch viel lernen, doch die Freude über das, was sie bisher erreicht hat, ist für alle sichtbar. „Ich kann jetzt Wörter mit zwei, drei, vier oder sogar fünf Buchstaben schreiben“, sagt sie strahlend. „Das konnte ich vorher nicht. Ich habe Mathematik gelernt, ich kann ein bisschen addieren, subtrahieren, multiplizieren und auch noch anderes. Wir haben auch viel in Naturwissenschaften gelernt, zum Beispiel wie wir uns um unseren Körper oder die Umwelt kümmern können. Das hilft mir zu Hause sehr.“ Sie lächelt und fügt dann an: „Manchmal unterrichte ich sogar meine Freunde.“

Khadijahs Geschichte wurde mit Material aus dem nigerianischen Plan-Büro aufgeschrieben.

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