Plan holt Mädchen zurück ins Klassenzimmer

Foto: Geoffrey Buta/Plan International

Es gibt viele Gründe, warum Mädchen und junge Frauen die Schule abbrechen: Armut, veraltete Rollenbilder, Frühverheiratung oder eine frühzeitige Schwangerschaft sind nur ein paar Beispiele. Plan International versucht dem entgegenzuwirken. In Ghana arbeiten Gemeindebetreuer:innen mit Familien und Schulen zusammen, um Wege zu finden, Mädchen zurück in den Unterricht zu holen.

„Meine Familie war schnell bereit, mich aus der Schule zu nehmen, weil sie glaubten, dass die Bildung eines Mädchens eine Verschwendung von Ressourcen ist“

Sameera (15), Schülerin aus Ghana

Die 15-jährige Sameera ist vor kurzem wieder zur Schule zurückgekehrt. Sie sitzt in ihrer Schuluniform im Klassenzimmer, glücklich, dass sie wieder gemeinsam mit ihren Freund:innen lernen kann. Als sie zehn Jahre alt war, starb ihr Vater. Ihre Mutter kämpfte ohne die Unterstützung ihres Mannes ums Überleben. Wie so häufig der Fall, musste Sameera als einziges Mädchen der Familie die Schule abbrechen.

Nachdem Sameeras Vater beerdigt worden war, überzeugten ihre Onkel Sameeras Mutter, sie von der Schule zu nehmen, um die finanzielle Belastung der Familie zu verringern. „Meine Familie war schnell bereit, mich aus der Schule zu nehmen, weil sie glaubten, dass die Bildung eines Mädchens eine Verschwendung von Ressourcen und unnötig ist.“ Sameera musste daraufhin mit ihrer Mutter auf dem Markt arbeiten, um die Ausbildung ihrer Brüder zu finanzieren.

Mit viel Einsatz zurück in den Unterricht

Im Oktober 2019 startete Plan Internationals Projekt REACH (deutsch: erreichen) in Sameeras Gemeinde in Ghana, um den Stellenwert von Bildung, insbesondere für Mädchen, in den Fokus zu rücken. Sameeras Mutter sprach das REACH-Team auf Sameeras Situation an und bat sie, sich mit der Familie ihres verstorbenen Mannes zu treffen, um Sameeras Rückkehr in die Schule erneut zu verhandeln.

Der Bildungskoordinator traf sich mehrmals mit Sameeras Onkeln, um sie zu ermutigen, Sameera wieder zur Schule gehen zu lassen. Ihre Onkel stimmten der Rückkehr widerwillig zu, unter der Bedingung, dass sie wieder mit demselben Jahrgang unterrichtet wird, den sie drei Jahre zuvor verlassen hatte. Da Sameera drei Jahre Unterricht verpasst hatte, und ihre ehemaligen Klassenkamerad:innen mit dem Stoff viel weiter waren, fiel es ihr sehr schwer, sich wieder einzugliedern. Nach weniger als einem Monat brach sie die Schule auf eigenen Wunsch hin wieder ab.

Sameera sitzt im Klassenzimmer und konzentriert sich auf ihre Aufgaben.
Sameera konzentriert sich auf ihre Schulaufgaben. Geoffrey Buta/Plan International
Sameera sitzt mit ihren Mitschüler:innen im Klassenraum und beteiligt sich am Unterricht.
Nachdem Sameera die nötige Unterstützung erhalten hatte, entwickelte sie sich zur Musterschülerin. Geoffrey Buta/Plan International

Sameeras Mutter, die selbst die Schule abgebrochen hatte und um die Zukunft ihrer Tochter fürchtete, traf sich erneut mit dem REACH-Team, welches zustimmte, Sameera in einem neunmonatigen Intensivlernkurs einzuschreiben, um ihr dabei zu helfen, ihre Schulbildung der letzten Jahre aufzuholen. Mit dieser Unterstützung und dem Rückhalt ihrer Mutter, konnte sie wieder am Unterricht teilnehmen. Sie holte nicht nur auf, sondern zeigte sehr gute Leistungen und half sogar ihren Mitschüler:innen dabei, schwierige Aufgaben und Übungen zu verstehen.

„Ich weiß noch nicht genau, was ich später werden will, aber ich weiß, dass ich erfolgreich und einflussreich sein werde, damit ich meinen Onkeln zeigen kann, was aus mir geworden ist!“

Sameera (15), Schülerin aus Ghana

Das REACH-Projekt ist auf fünf Jahre angelegt und wird von Plan International in Zusammenarbeit mit dem ghanaischen Bildungsministerium durchgeführt. Es zielt darauf ab, 90.000 Kinder im Alter von acht bis 16 Jahren in geschlechtergerechte, kinderfreundliche, inklusive und lokal angepasste Bildungsangebote einzubinden, die ihnen helfen, den Bildungsstand ihrer Altersgruppe zu erreichen. Der regionale Fokus liegt auf den 34 am stärksten benachteiligten Distrikten Ghanas. Nach Abschluss dieses beschleunigten Lernprogramms erhalten die Kinder Hilfe bei der Eingliederung in das staatliche Schulsystem. Mit diesem Projekt sollen die Barrieren angegangen werden, die Kinder in ländlichen Gegenden von der Schule fernhalten, wie extreme Armut, Geschlechterungerichtigkeit und fehlende Infrastruktur.

Vier Mädchen sitzen vor dem Schulgebäude und erledigen Aufgaben.
Plan International setzt sich dafür ein, dass der Stellenwert von Bildung, insbesondere für Mädchen, in den Fokus gerückt wird.Plan International

Schulabbruch durch frühe Schwangerschaften

Ein weiterer Grund für einen Schulabbruch ist eine frühe Schwangerschaft. Die 15-jährige Christina* eilt in der Pause von der Schule nach Hause, um ihre kleine Tochter zu stillen, die elf Monate alt ist. Als Christina 13 Jahre alt war, freundete sie sich mit einem Jungen aus ihrer Schule an, der ein Jahr älter war als sie.

„Eines Abends half ich meiner Mutter mit dem Verkaufsstand. Ein Freund aus der Schule kam, um gebratenen Fisch zu kaufen, und ich bot ihm an, mit ihm nach Hause zu laufen. Meine Mutter hatte nichts dagegen, weil sie den Jungen und seine Familie gut kannte. Auf dem Weg sagte er mir immer wieder, wie schön ich aussehe. Ich fühlte mich geschmeichelt, weil noch nie jemand so mit mir gesprochen hatte, ich war richtig glücklich”, erinnert sich Christina.

„Als wir bei seinem Haus ankamen, waren seine Eltern nicht da, also bat er mich herein. Eines führte zum anderen, und ich fand mich nackt in seinem Bett wieder. Ich habe nichts gesagt und ihn nicht aufgehalten, weil ich Angst hatte, dass er mich dann nicht mehr mögen könnte.”

Nach einigen Monaten, in denen Christinas Beziehung so weiterging, wurde sie krank. „Meine Mutter brachte mich ins Krankenhaus, und sie machten einen Schwangerschaftstest", erzählt die 15-Jährige. „Er fiel positiv aus. Ich erzählte meiner Mutter, wer mich geschwängert hatte, aber seine Eltern leugneten es. Sie brachten meinen Freund in eine andere Gemeinde, sodass ich den Kontakt und jede Hoffnung auf Unterstützung von seiner Seite verlor.”

Schülerinnen sitzen mit dem Rücken zur Kamera und melden sich mit einem Handzeichen.
Während Christina in der Schule ist, passt ihre Mutter auf das Baby auf.Plan International
Christina steht zwischen Häusern in ihrem Dorf. Sie steht mit dem Rücken zur Kamera, sodass man ihr Gesicht nicht sieht.
Christina hat wegen ihrer Schwangerschaft die Schule verlassen. Mit Unterstützung von ihrer Mutter und Plan International besucht sie nun wieder den Unterricht. Plan International

Christinas Mutter erzählte der Plan International-Gemeindebetreuerin von der Situation ihrer Tochter, die schon damals an einem Mädchenförderungsprojekt teilnahm. „Die Betreuerin ermutigte mich, während der Schwangerschaft weiter zur Schule zu gehen", erinntert sich Christina. „Sie ging auch mit mir zu unseren Schulleitern, um Vorkehrungen zu treffen, sodass ich weiter mit meinen Freund:innen den Unterricht besuchen konnte.“ 

Ihre Tochter kam während der pandemiebedingten Schulschließungen zur Welt. „Zunächst wollte ich nicht wieder zur Schule zurück, weil das Leben als junge Mutter stressig genug war“, erzählt Christina. Als die Regierung ankündigte, dass die Schulen wieder geöffnet werden sollen, kamen erneut Projektmitarbeiter:innen von Plan International in ihre Gemeinde, um eine „Back to School“-Kampagne (dt: Zurück in die Schule) durchzuführen. Sie wollten Kinder, insbesondere schwangere Mädchen und junge Mütter ermutigen, wieder den Unterricht zu besuchen.

„Ich will mich so gut wie möglich auf die Zukunft vorbereiten, und ich vermisse es auch, mit meinen Freund:innen zusammen ein ganz normaler Teenager zu sein“

Christina* (15), Schülerin und junge Mutter

„Die Projektmitarbeiter:innen kamen zu mir nach Hause, um mit mir und meinen Eltern zu sprechen und uns klarzumachen, warum meine Schulbildung Priorität haben sollte. Nach zwei Wochen habe ich mich für die Schule entschieden. Ich will mich so gut wie möglich auf die Zukunft vorbereiten, und ich vermisse es auch, mit meinen Freund:innen zusammen ein ganz normaler Teenager zu sein”, erzählt Christina. „Meine Mutter unterstützt mich sehr und passt auf meine Tochter auf, sodass ich nur während der Unterrichtspausen nach Hause muss, um die Kleine zu stillen. Ich bin froh, wieder zur Schule gehen zu können, denn wenn ich erwachsen bin, möchte ich Lehrerin werden. Wenn ich hart arbeite, kann ich meiner Tochter ein besseres Leben ermöglichen und sie und andere Mädchen dabei unterstützen, bessere Entscheidungen zu treffen als ich.”

*der Name wurde zum Schutz der Identität geändert.

Gezielt Mädchen weltweit stärken

Wir von Plan International engagieren uns für den Schutz, die Bildung, die politische Teilhabe, die Gesundheit und die Einkommenssicherung von Mädchen und jungen Frauen. Mit einer Spende in den Mädchen-Fonds helfen Sie, Gleichberechtigung zu fördern und die Situation von Mädchen weltweit nachhaltig zu verbessern. 

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