Eine Flucht ins Ungewisse

Foto: Stefanny Peláez

Vor drei Jahren mussten Wendy (34) und ihr Mann die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen: Sollten sie ihre Heimat verlassen? Aus der Not heraus flohen sie mit ihren drei kleinen Kindern von Venezuela nach Ecuador.

Über 6,1 Millionen Menschen haben Venezuela inzwischen aus Not verlassen. Fünf Millionen von ihnen leben in den südamerikanischen Nachbarländern – Kolumbien, Peru und Ecuador –, viele von ihnen flohen zu Fuß. Eine katastrophale wirtschaftliche Lage sowie politische und sozioökonomische Instabilität lösten in den vergangenen fünf Jahren eine Massenflucht aus. Die Covid-19-Pandemie hat die Lage noch verschärft.

„Das Land zu verlassen, war die schwierigste Entscheidung unseres Lebens“, sagt Wendy. „Es bedeutete für uns, unser Zuhause, unsere Familie – alles, was wir kannten – zurückzulassen und mit sehr wenigen Mitteln und drei kleinen Kindern loszufahren, ohne sicher zu wissen, was uns auf der anderen Seite der Grenze erwartete.“ Die wirtschaftliche Stabilität sei einer der Hauptründe für ihre Flucht – so wie für viele andere ebenso. „Wir waren beide berufstätig, trotzdem reichten unsere Gehälter nicht aus, um unsere Kinder zu ernähren“, erzählt die 34-jährige Dreifachmutter.

Eine Frau sitzt an einem Tisch und unterhält sich
Wendy (34) erzählt von ihrer Flucht aus ihrer Heimat.Plan International

Auch gesundheitlich hat die Krise die Familie stark getroffen. „In den letzten Monaten ging es uns nicht gut. Nicht nur körperlich, auch geistig, wegen der Situation in unserem Land. Wir wussten nicht, ob wir am nächsten Tag Strom, Wasser oder Gas haben würden oder ob es wieder wochenlang abgeschaltet sein würde“, so Wendy.

Eine Familie zwischen Trauer und Hoffnung

Die Ausreise aus Venezuela dauerte Monate. Wendy und ihr Mann verkauften ihr gesamtes Hab und Gut, bereiteten alle wichtigen Dokumente vor. Als das erledigt war, packte die Familie drei Koffer voller Kleidung und brach auf – in der Hoffnung auf ein neues Leben in einem stabilen Land. „Die Busfahrt dauerte fünf Tage“, erinnert sich Wendy. „Während dieser Zeit fanden wir Wege, unsere Kinder zum Lachen zu bringen, ihnen die Reise wie einen Urlaub erscheinen zu lassen und ihnen zu helfen, jede Nacht auf dem harten Sitz zu schlafen.“ Während die Kinder schliefen, sahen die Eltern ihnen zu. Bei jedem Grenzübergang, so berichtet Wendy, weinten sie beide, weil sie wussten, dass sie sich mit jeder Minute weiter von ihrer Heimat entfernten.

„Meine Tochter musste eine schwere Zeit durchmachen. In einem Projekt von Plan hat sie gelernt, dass sie eine Stimme hat - jetzt geht es ihr besser.“

Wendy (34), floh mit ihren drei Kindern aus Venezuela

„Den Tag, als wir in Ecuador ankamen, werde ich nie vergessen“, sagt Wendy. „Es war 19:50 Uhr, mein Baby schlief in meinen Armen und ich war erschöpft von den vielen Stunden des Wartens. Mein Pass wurde abgestempelt und ich hörte: ‚Willkommen in Ecuador!‘“

Ecuador beherbergt heute mehr als eine halbe Million venezolanische Geflüchtete. Die meisten leben dort ohne Papiere. Die jüngste Entscheidung Ecuadors, ihren Status zu legalisieren, wird vielen den Zugang zu Rechten, grundlegenden Dienstleistungen und zum Arbeitsmarkt erleichtern und ihre Integration beschleunigen. Wir von Plan International reagieren auf die venezolanische Geflüchtetenkrise mit langfristigen Lösungen und Möglichkeiten für Kinder und ihre Familien. Dazu gehören humanitäre Hilfe, Entwicklungsarbeit und Unterstützungsprojekte, um den Familien bei der Integration in ihrer neuen Heimat zu helfen.

Stigmatisierung von Geflüchteten

Wendy und ihre Familie sind nun seit drei Jahren in Ecuador und haben sich gut eingelebt. Sie sind überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, auszuwandern, auch wenn es zu Beginn einige Schwierigkeiten zu überwinden gab: „Meine älteste Tochter hat mit neun Jahren aufgrund von Fremdenfeindlichkeit und Vorurteilen eine schwere Zeit durchgemacht“, berichtet Wendy. „Dank der Unterstützungsprogramme für Kinder und Jugendliche von Plan International, an denen sie teilnahm, kehrte ihr Lächeln nach und nach wieder zurück. Sie lernte, dass sie eine Stimme hat und gehört werden kann.“

Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten in vielen Ländern, die durch die Corona-Pandemie verstärkt wurden, werden Geflüchtete und Migrant:innen aus Venezuela oft zum Sündenbock gemacht und stigmatisiert, da der Wettbewerb um Arbeitsplätze zunimmt und der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen eingeschränkt ist. Um ihnen bei der Integration in ihre Gastgemeinden zu helfen, setzt sich Plan dafür ein, dass Solidarität gefördert wird und unterstützt die Bereitstellung von Berufsausbildungen für Venezolaner:innen. Wendy und ihr Mann nahmen letztes Jahr an einem Qualifizierungsworkshop teil, der es ihnen ermöglichte, ein neues Unternehmen zu gründen – und endlich in eine sichere Zukunft zu starten.

Der Nothilfe-Fonds

Spenden Sie für den Nothilfe-Fonds und schenken Sie dadurch Kindern, die heute in Not sind, eine Perspektive für morgen. Mit dem Nothilfe-Fonds leisten wir schnelle und unbürokratische Hilfe bei akuten Katastrophen und Notfällen.

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