Psychische Unterstützung für Helfer:innen

Foto: El-Amal Rehabilitation Society

In Gaza unterstützen Helfer:innen Kinder und Familien, obwohl sie selbst Verlust, Vertreibung und große Unsicherheit erlebt haben. Ein Programm von Plan International zeigt, warum psychische Unterstützung für sie so wichtig ist.

Jeden Tag arbeiten in Gaza Menschen, die sich für Kinder und ihre Familien einsetzen. Sie begleiten Lernangebote, geben psychosoziale Unterstützung und helfen Familien, mit Vertreibung, Trauer und Unsicherheit umzugehen. Doch viele Helfer:innen leben unter denselben Bedingungen wie die Menschen, die sie unterstützen. 

Dazu gehört auch Esraa. Sie ist 37 Jahre alt und arbeitet als Fachkraft für psychosoziale Unterstützung. Der Krieg hat ihr Leben tief verändert. Drei ihrer fünf Kinder hat sie im Krieg verloren. „Vor dem Konflikt waren unsere Tage voller Liebe, Glück und Freude, und wir waren eine ganze, vollständige Familie, die alles miteinander geteilt hat“, erinnert sich Esraa. „Aber jetzt sind wir eine Familie, die durch Verlust zerbrochen ist und der so viel fehlt.“

Auch Mohammed kennt diese Belastung. Er ist 30 Jahre alt und koordiniert Bildungsprogramme für Kinder. Nach seiner Vertreibung lebt er nun mit Familienmitgliedern in einem Zelt. Im Krieg hat er seine Tochter und seine Mutter verloren. Auch um Kolleg:innen und enge Freund:innen hat er getrauert, während er weiter Programme für Kinder leitete. „Am schwierigsten war es, mit den emotionalen Folgen des Verlusts umzugehen“, sagt er. „Auch die fortlaufende Arbeit unter ständigem Druck und in Unsicherheit war sehr herausfordernd.“

Esraa steht vor einem Flipboard und hält einen Vortrag
Esraa (37) gibt einen Workshop für Eltern, in dem es darum geht, wie man mit stressigen Situationen umgehen kann El-Amal Rehabilitation Society
Mohammed steht vor mehreren handgeschriebenen Plakaten und hält einen Vortrag
Mohammed (30) vermittelt Betreuer:innen die Strategie des spielerischen Lernens El-Amal Rehabilitation Society

Wie wirkt sich der Krieg in Gaza auf die psychische Gesundheit aus?

Der Krieg belastet Menschen in Gaza weit über die akute Gefahr hinaus. Familien leben mit Trauer, Angst, Unsicherheit und dem täglichen Kampf um Schutz und das Nötigste. Viele Menschen wurden mehrfach vertrieben.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erleben fast alle Menschen in Krisen psychische Belastung. 22 Prozent der Menschen, die in den vergangenen zehn Jahren Krieg oder bewaffneten Konflikt erlebt haben, leben mit Depressionen, Angststörungen, posttraumatischer Belastungsstörung oder anderen psychischen Erkrankungen. Psychische Gesundheit ist auch deshalb ein wichtiger Teil humanitärer Hilfe.

„Als ich meine Kinder verlor, fühlte ich, als hätte das Leben selbst mich mit ihnen verlassen.“

Esraa (37), Programmteilnehmerin

Was bedeutet das für Helfer:innen vor Ort?

Menschen, die andere in einer Krise unterstützen, sind oft selbst betroffen. Sie arbeiten weiter, obwohl sie dieselbe Unsicherheit erleben wie die Familien, die sie begleiten.  

Für Esraa ist die Erinnerung an ihre Kinder immer da. „Als ich meine Kinder verlor, fühlte ich, als hätte das Leben selbst mich mit ihnen verlassen“, sagt sie. „Ich fiel in tiefe Trauer und in eine schwere Depression. Aber dann kam die Hoffnung zurück, und ich wurde stärker als je zuvor.“ Trotz ihres eigenen Schmerzes unterstützt Esraa weiterhin Kinder und Eltern an der Schule, an der sie arbeitet. „Was mir hilft, damit umzugehen und stark zu bleiben, ist die Liebe der Kinder und ihr schöner Geist“, sagt sie. „Jeden einzelnen Tag bei der Arbeit sehe ich in ihnen meine eigenen Kinder, und ich liebe sie sehr.“  

Esraa ist umringt von Kindern, einem Mädchen malt sie mit Schminke ein Herz auf die Wange
Esraa (37) spielt mit und begleitet Kinder im kinderfreundlichen Raum El-Amal Rehabilitation Society

Auch Mohammed beschreibt diese doppelte Belastung klar. „Auch wenn wir weiterarbeiten und andere unterstützen, bedeutet das nicht, dass uns all das nicht betrifft“, sagt er. 

Wie unterstützt Plan International Helfer:innen in Gaza?

Plan International hat mit Unterstützung des Gaza Emergency Duty of Care Fund des britischen Disasters Emergency Committee ein Programm zur psychischen Gesundheit und psychosozialen Unterstützung für Helfer:innen in Gaza umgesetzt. Aus Sicherheitsgründen fand das Angebot remote statt. So konnten auch Menschen teilnehmen, die vertrieben wurden oder sich nicht sicher bewegen konnten. Das Programm umfasste Gruppen-Workshops, Einzelberatung und psychoedukative Einheiten. Themen waren Stressbewältigung, Emotionsregulation, Problemlösung, soziale Unterstützung und Selbstfürsorge.

Zwischen Anfang und Mitte 2025 nahmen 26 Helfer:innen an dem siebenmonatigen Programm teil. Das Angebot wird nun erweitert, damit mehr humanitäre und lokale Mitarbeitende in Gaza erreicht werden. 

„Die Workshops halfen mir, viele Schwierigkeiten zu überwinden. Sie gaben mir einen Raum, den ich vorher nicht hatte.“

Mohammed (30), organisiert Bildungsprogramme für Kinder in Gaza

Was hat das Programm bei den Teilnehmenden verändert?

Für viele Teilnehmende war das Programm eine seltene Möglichkeit, an die eigene psychische Gesundheit zu denken. Esraa sagt: „Die Workshops halfen mir, viele Schwierigkeiten zu überwinden, und gaben mir sowohl psychologische als auch moralische Unterstützung. Sie gaben mir einen Raum, den ich vorher nicht hatte.“

Auch Mohammed konnte konkrete Methoden aus dem Programm in seinem Alltag nutzen. Er beschreibt, dass er dort strukturierte Wege kennengelernt hat, um mit Problemen umzugehen. Das half ihm auch bei der Arbeit, zum Beispiel in einer Budgetkrise, die ein Bildungsprojekt gefährdete. „Anstatt panisch zu reagieren, habe ich die Fähigkeiten zum Problemlösen angewendet, die ich gelernt hatte“, sagt er. 

Für Mohammed war auch wichtig, dass er über Gefühle sprechen konnte. „Die Sitzung über emotionalen Ausdruck und die Verarbeitung von Gefühlen ist mir tief im Gedächtnis geblieben“, erzählt er. „Wir hatten die Möglichkeit, offen über unsere Ängste und die Herausforderungen zu sprechen.“

Warum ist Unterstützung für Helfer:innen auch wichtig für Kinder und Familien?

Wenn Helfer:innen selbst Unterstützung bekommen, kann das auch Kindern und Familien zugutekommen. Esraa und Mohammed sagen, dass das Programm ihre Kraft gestärkt hat, weiter für andere da zu sein. Die Unterstützung wirkte sich zudem für alle Teilnehmenden des Programms nicht nur auf die Arbeit aus, sondern auch auf das persönliche Wohlbefinden und auf Beziehungen in der Familie. 

„Ich habe mich zum Besseren verändert, und ich habe jetzt einen weiteren Blick auf vieles“, sagt Esraa. Mohammed beschreibt es mit einem einfachen Bild: „In unserem Arbeitsumfeld kann man nicht aus einer leeren Tasse schenken. Einen sicheren Raum zu bekommen, um meinen eigenen Stress zu verarbeiten und Fähigkeiten zum Problemlösen zu erwerben, hat mein inneres Gleichgewicht und meine positive Energie wiederhergestellt.“ Damit verdeutlicht er: Fürsorge ist für Helfer:innen kein Zusatz. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Unterstützung für andere langfristig möglich bleibt.

Die Geschichten von Esraa und Mohammed zeigen, wie wichtig Unterstützung für Menschen ist, die in einer Krise anderen beistehen. Esraa sagt: „Hinter jeder Zahl steht eine menschliche Geschichte, und hinter jeder Krise steht eine Familie, die versucht, mit Würde und Hoffnung zu leben.“

Psychosoziale Hilfe kann dabei unterstützen, dass Helfer:innen ihre Arbeit weiterführen und zugleich besser auf sich selbst achten können. Gerade in einer langen Krise ist das ein wichtiger Teil humanitärer Hilfe.

Der Artikel wurde mit Material von Plan International erstellt.

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