„Ich wollte nach Beirut – aber nicht so“
Seit die Gewalt im Nahen Osten erneut eskaliert ist, wurden Millionen Menschen in Libanon vertrieben. Landesweit sind Bildungseinrichtungen geschlossen, ein Großteil der öffentlichen Schulen wurde zu Notunterkünften umfunktioniert. Wohnhäuser sind beschädigt, gewohnte Strukturen unterbrochen. Besonders für Kinder bedeutet das einen tiefen Einschnitt in ihren Alltag.
Die elfjährige Amal musste alles zurücklassen, nur eines konnte sie vor der Flucht noch schnell greifen: ihre Inline-Skates. Diese nahm sie mit in die Unterkunft und fährt so oft, wie es ihr möglich ist. Während sie dahingleitet, die Luft in ihrem Gesicht spürt, fühlt sie sich für einen Moment frei. „Ich wünschte, ich könnte einfach weiterfahren … den ganzen Weg zurück nach Hause“, sagt sie. Denn wenn sie langsamer wird, kehrt die Realität zurück. „Ich weiß nicht einmal, ob mein Zuhause noch da ist.“
„Ich wünschte, ich könnte einfach weiterfahren … nach Hause.“
Wie Kinder versuchen, Normalität zu bewahren
Auch die achtjährige Laila denkt an das, was sie zurücklassen musste. Besonders fehlt ihr das rosa T-Shirt, das sie früher gern zur Schule trug. Als ihre Familie aus ihrem Zuhause fliehen musste, blieb keine Zeit zum Packen – nicht einmal für ihr geliebtes Shirt. Oft fragt Laila sich, ob es noch in ihrem Zimmer liegt, ordentlich gefaltet, so wie sie es zurückgelassen hat. Sie mag in letzter Zeit oft grübeln, doch es ist ihr Lachen, das im Gedächtnis bleibt, wenn man sie trifft. „Mach ein Foto von mir“, bittet sie, steht stolz da und lächelt. Sie möchte gesehen werden – nicht nur als vertriebenes Kind, sondern als Persönlichkeit mit einer eigenen Geschichte.
Für viele Kinder in der Unterkunft wird Freundschaft zu einem wichtigen Anker. Hani (9) und Youssef (6) lernten sich hier kennen. Trotz ihres Altersunterschieds wurden sie schnell unzertrennlich. An einem Ort, an dem es kaum Platz zum Spielen gibt und nichts Vertrautes um sie herum ist, schaffen sich die beiden Jungen ihre eigenen Momente der Freude. Ihre Freundschaft gibt ihnen inmitten der Unsicherheit Stabilität. Sie lachen und erzählen sich Geschichten, als würden sie sich ewig kennen. „Wenn ich nach Hause zurückkehre, soll Hani mitkommen“, sagt Youssef.
Welche Träume bleiben?
Amani ist acht Jahre alt und hatte lange davon geträumt, eines Tages in Beirut zu leben. Als einen Ort voller Möglichkeiten stellte sie sich die libanesische Hauptstadt vor. Jetzt ist sie dort – aber in einer Unterkunft für Binnenvertriebene, weit entfernt von dem Gefühl der Unbegrenztheit, das sie einst mit der Stadt verband. „Ich wollte nach Beirut kommen, um dort zu leben … aber nicht in einer Notunterkunft“, sagt sie leise. Trotzdem richtet sie ihren Blick nach vorn. Als sie Mitarbeitende von Plan International beobachtet, entsteht ein neuer Wunsch: Später möchte sie selbst Menschen unterstützen, die Ähnliches erleben wie sie.
Ein Baum als Zufluchtsort
Der achtjährige Karim hat vieles verloren, aber nicht seine Fantasie. In der Unterkunft hat der neugierige Junge einen kleinen Baum entdeckt, der schnell zu „seinem Platz“ wurde. Wenn er darauf klettert, eröffnet sich ihm eine andere Perspektive – nicht nur auf den Raum, sondern auch auf seine Möglichkeiten.
Von oben, sagt er, könne er „viel sehen“. Jeder Aufstieg wird in seiner Vorstellung zu einem neuen Abenteuer. So verwandelt er eine ungewohnte Umgebung in eine Landschaft voller Spiel und Fantasie.
Wie Eltern unter extremen Bedingungen Verantwortung tragen
Nicht nur Kinder, auch Eltern stehen vor großen Herausforderungen. Mariam ist 36 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Ihr jüngster Sohn, Jad, ist im autistischen Spektrum. Vor der Flucht besuchte der Fünfjährige ein spezialisiertes Zentrum, feste Routinen halfen ihm im Alltag. In der Unterkunft sind diese Strukturen weggefallen. Hier läuft er häufig barfuß umher, findet Trost in dem, was er kennt.
Gleichzeitig versuchen Mariam und ihr Mann, ihren Kindern Halt zu geben, die fragen, warum sie fliehen mussten und wann das Leben wieder normal wird. Der Verlust der Arbeit und die Ungewissheit über die Zukunft belasten die Familie stark. Dennoch beschreibt Mariam ihre Situation mit ruhiger Entschlossenheit.
„Mein Garten ... dort ist mein Herz.“
Erinnerungen an das, was verloren ging
Für die 65-jährige Jihan ist der Verlust ihres Hauses besonders schmerzhaft. Sie musste ihr Dorf im Süden Libanons verlassen und konnte nur mitnehmen, was sie tragen konnte. Zweimal brach sie auf der Flucht unter der Last von Schock und Trauer zusammen. Am meisten vermisst sie ihren Garten. „Mein Haus ist mein ganzes Leben. Und mein Garten … dort ist mein Herz“, sagt sie. Jeden Baum hatte sie selbst gepflanzt. Ihre Geschichte macht deutlich: Vertreibung bedeutet nicht nur den Verlust von Wohnraum, sondern auch von Lebensleistungen und Identität.
Die aktuelle Lage in Libanon – und wie Plan International hilft
Seit der erneuten Eskalation der Krise im Nahen Osten Anfang März hat sich die humanitäre Lage in Libanon weiter verschärft. Nach Angaben der libanesischen Behörden sind über eine Million Menschen innerhalb des Landes vertrieben. Einige von ihnen reisen derzeit laut Medienberichten zurück in ihre Häuser in Südlibanon, obwohl die zehntägige Waffenruhe, die am 17. April 2026 in Kraft getreten ist, äußerst brüchig ist.
Während die Bildung für Hunderttausende Schüler:innen weiterhin unterbrochen ist, steht auch die Gesundheitsversorgung in Libanon unter hohem Druck. Mehrere Gesundheitszentren und Krankenhäuser mussten schließen oder evakuiert werden, gleichzeitig erschweren Strom- und Treibstoffengpässe den Betrieb medizinischer Einrichtungen. Besonders für Kinder, ältere Menschen und Personen mit Behinderungen ist der Zugang zur Versorgung aktuell stark eingeschränkt.
Plan International arbeitet in Libanon gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen und in Abstimmung mit Behörden und anderen Hilfsorganisationen. Die Unterstützung konzentriert sich auf Nahrungsmittel, sauberes Wasser, Hygiene- und Baby-Sets, grundlegende Hilfsgüter wie Decken und Matratzen, Dieselkraftstoff für Generatoren in Sammelunterkünften, Bargeldhilfe sowie psychosoziale Angebote. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Schutz von Kindern, insbesondere von Mädchen und anderen besonders gefährdeten Gruppen.
Die Lage bleibt dynamisch. Umfang und Ort der Vertreibung, der Zugang zu Hilfe sowie die Sicherheitslage können sich regional und kurzfristig verändern. Plan International passt seine Unterstützung laufend an die aktuellen Bedürfnisse an.
Helfen, obwohl man selbst betroffen ist
Die Hilfe wird auch von Menschen getragen, die selbst von Vertreibung betroffen sind. Mohammad arbeitet als Projektkoordinator für Plan International Libanon. Als er Anfang März sein Dorf verlassen musste, war er selbst Teil der wachsenden Zahl Binnenvertriebener. Dennoch setzte er seine Arbeit fort und unterstützt Familien in Sammelunterkünften, organisiert Hilfsgüter und begleitet psychosoziale Angebote für Kinder.
„Ich erkenne ihre Situation, weil es auch meine ist“, sagt Mohammad. Diese Nähe prägt seine Arbeit – und zeigt, wie wichtig lokal verankerte Hilfe und Partnerschaft auf Augenhöhe sind.
Der Beitrag wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Libanon erstellt.