„Meine Schule war nicht für Kinder mit Behinderungen angepasst“

Foto: Fabien Akakpo

Arbeitslosigkeit trifft Menschen mit Behinderung in Niger besonders – auch Lawali, der nun selbst anderen helfen will.

Einen Job bekommen, seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen, sich weiterbilden – die Wahrscheinlichkeit, dass Lawali ein solches Leben führen kann, war lange Zeit gering. Denn im westafrikanischen Niger können viele Menschen mit Behinderung nicht zur Schule gehen. Viele Klassenräume sind nicht für die besonderen Bedürfnisse ausgestattet. Das hat Folgen: Der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit zu entkommen, ist schwierig. Lawalis Leben beginnt so wie das vieler nigrischer Menschen mit Behinderung – und nimmt schließlich doch eine Wendung.

Junger, einarmiger Mann auf einem Motorrad
Bis zum nächsten Motorradmechaniker ist es zu weit. Lawali will das in seinem Dorf übernehmen Fabien Akakpo

Ein Unfall mit schwerwiegenden Folgen

Als Kleinkind gerät der heute 24-Jährige in einen Unfall, verliert dabei seinen linken Arm – und somit den Zugang zu Bildung. „Ich verließ die Vorschule im Alter von vier Jahren, weil meine Behinderung mich am Lernen hinderte. Meine Schule war nicht für Kinder mit Behinderungen angepasst“, erklärt Lawali. Jahre später wandert er aus Not nach Libyen aus – er ist einer von vielen jungen Menschen, die dort auf bessere Chancen hoffen. Doch auch er kann in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt des nordafrikanischen Landes nicht Fuß fassen, lebt stattdessen bettelnd auf der Straße.

Als er beschließt, in seine Heimat Niger zurückzukehren, wendet sich sein Leben: Er erfährt von einem Berufsausbildungszentrum, fünf Kilometer von seinem Heimatdorf in der Region Maradi entfernt. Hier unterstützt das Plan-Projekt „Juriyar Matassa – Résilience des Jeunes“ (Resilienz von Jugendlichen) junge Menschen dabei, einen Beruf zu erlernen und eine angemessene Arbeit zu finden. Für Lawali steht von da an fest: Er will Motorradmechaniker werden.

„Mit dieser Ausbildung kann ich Motorräder reparieren und ein bisschen Geld verdienen.“

Lawali (24), Projektteilnehmer in Niger
Gruppe Auszubildende im Klassenraum vor einer Tafel
Schritt für Schritt lernt die Gruppe hier das Viertaktprinzip eines Motors Fabien Akakpo

Mehr Eigenständigkeit statt Einschränkung

Zunächst saß Lawali für den theoretischen Teil im Seminarraum am Schreibtisch. Zusammen mit den anderen Auszubildenden erfuhr er, wie ein Motor funktioniert und wie man sich bei der Arbeit vor Verletzungen schützen kann. Im praktischen Teil lernte die Gruppe schließlich, Motorräder in ihre Einzelteile zu zerlegen, mögliche Fehler zu erkennen und wieder zusammenzusetzen. 

„Vor der Ausbildung wusste ich nichts über Mechanik. Dank dieses Kurses weiß ich jetzt, wie man Motorradteile ausbaut und repariert“, erklärt er stolz.

„Ich fühle mich als Teil einer Gruppe.“

Lawali (24), Projektteilnehmer in Niger

Obwohl die Arbeit viel Körpereinsatz erfordert und Lawali nur einen Arm hat, kann er die meisten Reparaturen ohne fremde Hilfe vornehmen. „Ich habe meine eigenen Arbeitstechniken. Ich kann Kupplungsscheiben einbauen und Spulen reparieren. Beim Einbauen der Nockenwelle habe ich allerdings Schwierigkeiten, da helfen mir meine Kollegen.“

Dass ihm ein Arm fehlt, ist nun kein Ausschließungsgrund mehr. Wurde ihm vorher verwehrt, zur Schule zu gehen, weil seine Behinderung nicht mitbedacht worden war, so fühlt er sich heute als Teil der Gesellschaft: „Diese Ausbildung hat mein Leben verändert. Menschen mit Behinderungen sind oft arbeitslos. Dank dieser Berufsausbildung geben mir die Leute mehr Bedeutung. Ich fühle mich als Teil einer Gruppe.“

Junger, einarmiger Mann schraubt an einem ausgebauten Motor
Zugehörig: Die Ausbildung hat Lawali nicht nur zu mehr Mechanikwissen verholfen, sondern ihm auch das Gefühl gegeben, dazuzugehören Fabien Akakpo
Junge Auszubildende stehen um einen Motor und lächeln in die Kamera
Bei schwierigen Reparaturen helfen die Kollegen Fabien Akakpo

Das Ziel: Eine inklusive und resiliente Gesellschaft

Neben Lawali profitieren noch 791 weitere Jugendliche von den Ausbildungen und Schulungen aus dem Projekt „Juriyar Matassa – Résilience des Jeunes“ – darunter 599 Mädchen und 193 Jungs. Das Vorhaben will den sozialen Zusammenhalt und die wirtschaftliche Stabilität stärken, denn anhaltende Herausforderungen wie Armut, Arbeitslosigkeit und die Landflucht junger Menschen belasten den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Niger. Viele ziehen aus den Dörfern in die Großstädte oder andere Länder, suchen dort nach mehr Lebensqualität. Das führt dazu, dass hilfsbedürftige Personen in den ländlichen Regionen zurückgelassen werden, etwa junge Mütter, alte Gemeindemitglieder oder jene, die keine Schule besuchen können.

Anderen Kindern mit Behinderungen helfen

In der nigrischen Region Maradi rückt das Plan-Projekt mit finanzieller Unterstützung internationaler Partner daher Unabhängigkeit und Emanzipation in den Fokus, um die gesellschaftliche Inklusion und die wirtschaftliche Lage in der Region zu verbessern. Junge Nigrer:innen zwischen 18 und 24 gestalten hierbei ihre Zukunft mit, wählen eine Ausbildung, die ihnen auf lange Sicht finanzielle Eigenständigkeit ermöglicht. Geschulte Ausbilder:innen leiten Kurse in unterschiedlichen Fachrichtungen wie beispielsweise Schneiderei- und Tischlereihandwerk, Mechanik oder Handy-Reparatur sowie Alphabetisierungsseminare. Sie betreuen die jungen Auszubildenden bei der Suche nach Praktika und Jobs.

Die Ausbildung selbst dauert drei Monate, danach sind die teilnehmenden Jugendlichen, ausgestattet mit Wissen für ein Handwerk, haben ein Abschlusszeugnis und sind bereit für erste berufliche Erfahrungen. Lawali nimmt noch mehr aus dem Projekt mit: den Wunsch, selbst zu helfen: „Heute ist es mein Traum, anderen Kindern mit Behinderungen zu helfen, indem ich das Wissen, das ich hier gelernt habe, weitergeben kann“, erzählt er.

Der Artikel wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Niger erstellt.

Nahaufnahme einer Hand, die an einem ausgebauten Motor schraubt
Anpacken! Lawali will sein Wissen weitergeben Fabien Akakpo

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