Kinderehe kostet Träume
In den Bergen im Nordwesten Vietnams steht die 15-jährige Ngân vor einer Entscheidung, die über ihr ganzes Leben bestimmen könnte: Heiraten oder weiter zur Schule gehen?
Ngân träumt davon, zu studieren und eines Tages die Welt zu sehen. So hat sie es in ihrem Tagebuch festgehalten. Mit schüchterner Stimme liest sie einige Sätze daraus vor: „Was für ein Mädchen werde ich sein? Werde ich meinen Traum erreichen? Erst studieren, dann arbeiten.“ Noch besucht sie die Mittelschule, bald stehen die entscheidenden Prüfungen für den Wechsel auf die weiterführende Schule an. Bildung bedeutet für sie Hoffnung, Freiheit und die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.
„Das war ein großer Schock für mich“
Eine arrangierte Ehe bedroht die Zukunft
Ihre Worte sind voller Hoffnung, doch die Realität holt Ngân schnell ein: Ihre Mutter nimmt eine Mitgift an – ein klares Zeichen für eine geplante Hochzeit. In ländlichen Regionen Vietnams sind arrangierte Ehen und frühe Eheschließungen noch immer verbreitet. Traditionen, Armut und sozialer Druck führen dazu, dass viele Mädchen vor dem gesetzlichen Mindestalter verheiratet werden.
Für Ngân wäre eine Ehe gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Schulbildung. Ihre eigenen Wünsche spielen zunächst keine Rolle. „Das war ein großer Schock für mich. Ich habe so viele Geschichten gehört, aber diesmal passierte es mir selbst“, erinnert sie sich. „Ich hatte Angst und war wütend. Ich wusste, dass ich ihn nicht heiraten wollte.“ Doch sich gegen die Entscheidung der Eltern zu stellen, erfordert Mut. Als sie ihre Mutter Lan darauf anspricht, ist diese enttäuscht. Er sei ein netter Junge, habe sie gesagt – und auch ihr Vater habe zugestimmt: „Er sagte, es sei gut, einen Nachbarn zu heiraten.“
Hilfe aus der Schule: Lehrerinnen machen den Unterschied
Ngân sucht Unterstützung bei ihrer Lehrerin Hồng. Sie bittet sie, mit ihrer Mutter zu sprechen und die Folgen einer frühen Heirat zu erklären. Gemeinsam mit weiteren Lehrkräften besucht Hồng die Familie. Sie sprechen offen über Risiken: Schulabbruch, eingeschränkte Berufschancen und Abhängigkeit.
Die Lehrerinnen machen deutlich, was auf dem Spiel steht. Mit Bildung, erklären sie, hat Ngân bessere Chancen auf einen sicheren Beruf und ein unabhängiges Leben. Ohne Schulabschluss drohen harte Arbeitsbedingungen und geringe Einkommen.
Eine mutige Entscheidung
Ngâns Mutter hört zu – und beginnt umzudenken. Schließlich trifft sie eine mutige Entscheidung: Sie gibt die Mitgift – zwei Silbermünzen, eine Flasche Reiswein und ein Kilo Schweinefleisch im Wert von etwa 250 Euro – zurück. Damit stellt sie sich gegen gesellschaftliche Erwartungen und gibt ihrer Tochter die Chance, weiter zur Schule zu gehen.
Für Ngân ist dieser Moment befreiend. Sie kann lernen, träumen und selbst über ihre Zukunft entscheiden. „Eine von den Eltern arrangierte Ehe macht ein Mädchen nicht glücklich“, sagt sie. „Wir müssen stark sein, um gegen diese Unterdrückung zu kämpfen.“
Kinderehen bleiben ein großes Problem
Ngâns Geschichte ist kein Einzelfall. In ihrer Region gehen fast 30 Prozent der Kinder zwischen 11 und 14 Jahren aufgrund vorzeitiger Ehen nicht zur Schule. Eine aktuelle Studie von Plan International zeigt, dass Kinderehen dort weiterhin verbreitet sind – mit gravierenden Folgen für die betroffenen Mädchen.
Umso wichtiger sind langfristige Programme, die Mädchen stärken, sie über ihre Rechte aufklären und Familien Alternativen aufzeigen. Plan International unterstützt Schulen, schafft Schutzräume und fördert Jugendclubs, in denen Mädchen Selbstvertrauen entwickeln und lernen, für sich einzustehen.
Ein Schritt näher an der eigenen Zukunft
Ngâns Einsatz hat sich gelohnt: Sie besteht ihre Prüfungen und besucht heute die weiterführende Schule. In einem Internat kann sie sich ganz auf das Lernen konzentrieren. Ihr Traum vom Studium lebt weiter.
Ihre Geschichte macht Mut. Sie zeigt, dass sich Traditionen verändern lassen – wenn Mädchen Unterstützung bekommen und Erwachsene bereit sind zuzuhören.
Ngâns Geschichte wurde mit Material aus dem vietnamesischen Plan-Büro erstellt.