Jugendliche da abholen, wo sie sind

Foto: Mario Azzi auf Unsplash

Millionen Jugendliche in Deutschland leiden unter psychischen Problemen. Das gemeinsame Projekt „I see you“ von Plan International und krisenchat bietet ihnen Hilfe per Chat. Die Kooperationspartnerinnen Juliane Pougin von krisenchat und Ani Gogberashvili von Plan International berichten, was es mit dem Projekt auf sich hat.

„Fast zwei Drittel aller Jugendlichen, die sich bei uns melden, haben mit niemanden zuvor über ihre Probleme gesprochen“, sagt Juliane Pougin von krisenchat. „Zu groß sind die Hürden, um eine offizielle Beratung in Anspruch zu nehmen. Darum holen wir sie dort ab, wo sie ohnehin einen Großteil ihrer Zeit verbringen, in den sozialen Medien.“ 

Juliane Pougin ist als Fachbereichsleiterin für psychologische Beratung bei krisenchat für den inhaltlichen Bereich zuständig. Der Bedarf ist groß: Rund ein Viertel aller Jugendlichen leidet heute an psychischen Verhaltensauffälligkeiten. Tendenz steigend. Kriege, Klimakrisen und eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft machen ihnen Sorgen. „Aber auch die Corona-Zeit wirkt immer noch nach“, weiß Juliane Pougin. „Gerade bei jenen, die sich mit 12, 16 oder auch 18 Jahren in einer ganz entscheidenden Lebensphase befanden.“  

„Die Corona-Zeit wirkt bei vielen jungen Menschen noch nach.“

Juliane Pougin, Juristin und Fachbereichsleiterin für psychologische Beratung bei krisenchat
Eine Teenagerin hält ihr Mobiltelefon mit beiden Händen .
Rund um die Uhr auf Empfang krisenchat
Menschen stehen um einen Tisch und beschriften verschiedenfarbige Karteikarten.
Konzentrierte Zusammenarbeit: Die Teams von krisenchat und Plan International krisenchat

Niedrigschwellige Beratung per Chat

Gerade einmal 18 Jahre war auch krisenchat-Geschäftsführer Kai Lanz, als er 2020 – während des ersten Lockdowns – das gemeinnützige Start-up gemeinsam mit Freunden gründete. Die Idee: ein niedrigschwelliges und kostenloses Beratungsangebot für Jugendliche per Chat. Dieses wurde sehr gut angenommen: Heute hat krisenchat mehr als 120 feste und 400 ehrenamtliche Mitarbeiter:innen und ist damit in Deutschland die größte digitale Beratungsstelle für junge Menschen bis 25 Jahren.

Wie für krisenchat hat auch für Plan International Deutschland die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Krisen einen besonderen Stellenwert. So führt Plan in Deutschland mehrere Projekte mit dem Ziel durch, das Vertrauen von Mädchen und Jungen in sich und ihre Zukunft zu stärken. Dazu zählt seit Anfang dieses Jahres auch das „I see you“-Projekt, das von Plan International unterstützt und von krisenchat umgesetzt wird. „Jugendliche wollen gesehen und gehört werden“, sagt Plan-Projektleiterin Ani Gogberashvili. „Dass wir junge Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten sehen und ernst nehmen, soll sich auch im Namen des Projekts widerspiegeln.“

„Wir wollen, dass die Jugendlichen sich gesehen fühlen.“

Ani Gogberashvili, Projektleiterin und Fachreferentin für Gender & Inklusion bei Plan International Deutschland
Zwei Jugendliche sitzen auf einem Bett und schauen gemeinsam auf ein Mobiltelefon. Beide lächeln.
Lieber zusammen als allein: Vielen fehlt jedoch jemand, mit dem sie über ihre Probleme reden können Plan International / Mishchenko Mikhailo

Gendersensibel, inklusiv und nah an der Lebenswelt

Zur Lebensrealität vieler Jugendlichen gehören auch Ängste, mit denen sie sich konfrontiert fühlen. „Diese haben die Angewohnheit, immer größer zu werden, wenn man versucht einzuschlafen“, berichtet Juliane Pougin, Juristin und Psychologin mit einem besonderen Fokus im Bereich Kindeswohl. „Die Kernzeit, in der sich Jugendliche an uns wenden, ist deswegen nicht tagsüber, sondern zwischen 18 und 2 Uhr morgens.“ Das kostenlose Beratungsangebot besteht jedoch rund um die Uhr. Dafür wird neben WhatsApp ein von krisenchat eigens entwickeltes Chatprogramm genutzt. „Es wird ausschließlich gechattet“, bestätigt Juliane Pougin. „Für diese Generation ist der Start eines Chats viel selbstverständlicher und einfacher als ein Telefonat.“

Um auch Jugendlichen passende Hilfe zu geben, die in ihrem Alltag ständigen Diskriminierungen ausgesetzt sind, unterstützt Plan International das Team von krisenchat in Workshops mit seiner Expertise. Im Fokus: Gender- und Inklusionsthemen sowie Kinderschutz. Ani Gogberashvili von Plan: „Wir wollen uns mit dem „I see you“-Projekt auf die sehr unterschiedlichen Lebenssituationen und individuellen Bedürfnisse von jungen Menschen einstellen. Ziel ist nicht nur, ihnen einen niedrigschwelligen Zugang zu psychosozialer Unterstützung zu ermöglichen, sondern das Angebot auch gendersensibel und inklusiv zu gestalten.“

Mehr Jungen trauen sich, Hilfe anzunehmen

Zunehmend finden auch männliche Jugendliche den Weg zu krisenchat, oft auch über Gaming-Portale. „Wir sprechen von männlich gelesenen und weiblich gelesenen Jugendlichen“, ergänzt Juliane Pougin. „Denn welchem Geschlecht sie sich zuordnen, überhaupt, wie sie sich gesehen fühlen möchten, stellen wir nicht in Frage.“ Anfangs waren es noch knapp über 90 Prozent weibliche Jugendliche, die bei krisenchat Hilfe suchten, inzwischen ist der Anteil der männlichen Jugendlichen auf fast 18 Prozent gewachsen. Dabei geht es unter anderem auch um Themen wie geschlechtsspezifische Gewalt, über die sich männliche Jugendliche Gedanken machen.  Juliane Pougin wertet das als gutes Zeichen: „Die mentale Gesundheit von Männern ist eine der besten Schutzmechanismen für Frauen.“

Spendenbox

Psychische Belastungen nehmen bei jungen Menschen zu. Mit Ihrer Spende ermöglichen Sie niedrigschwellige und kostenlose Beratungsangebote wie „I see you“, damit Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen schnell Hilfe finden und nicht allein bleiben.

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