Eine Gemeinschaft setzt auf Bildung
Weit oben im Norden Liberias, in einem kleinen Dorf im Lofa County, ruht ein weitläufiges, halb fertiggestelltes Gebäude am Rande des Ortskerns. Und obwohl die Wände dort noch weitgehend kahl und viele Durchgänge offen sind, gehen jeden Morgen die beiden Sechstklässler Marita und Ibrahim dorthin. Der von der Dorfgemeinschaft ursprünglich als Gemeindekirche geplante Bau kommt derzeit einen für alle Kinder dringlichen Zweck zugute: Er dient als Schule und erfüllt dadurch die Träume der meisten Mädchen und Jungen, die entschlossen sind, hier zu lernen.
„Wenn ich mir anschaue, wo wir jetzt lernen“, sagt Marita und berührt sanft den rauen Holztisch, den sie sich mit ihrem Klassenkameraden Ibrahim teilt, „frage ich mich, wie unsere Zukunft ausgesehen hätte, wenn uns dieser Ort nicht zur Verfügung gestanden hätte. Egal, wie motiviert man zum Lernen ist, ohne geeignete Lernbedingungen gibt es keinen Erfolg.“
„Ohne geeignete Lernbedingungen gibt es keinen Erfolg.“
Eine ungewöhnliche Initiative für die Töchter und Söhne
Die Entscheidung, die halbfertige Kirche in eine Schule umzuwandeln, wurde getroffen, nachdem das alte Schulgebäude baufällig geworden war. Nach mehreren Unwettern war ein Aufenthalt darin schlicht zu gefährlich geworden. Stürme hatten das Dach abgedeckt und Teile der Wände waren eingestürzt. Und weil es ohnehin stets an Platz gemangelt hatte, war schon zuvor ein Lernen fast unmöglich geworden.
Ein Lehrer erinnert sich, wie verängstigt die Schulkinder jedes Mal waren, wenn der Wind das alte Gebäude abermals erfasste. „Nichts und niemand wäre darin noch sicher gewesen“, sagt er. „Deshalb hat die Gemeinde die Initiative ergriffen.“
Als sich alle Familien der Risiken am alten Gemäuer bewusst wurden kamen Eltern, Lehrer und Gemeindevorsteher zusammen, um eine schwierige, aber gewichtige Entscheidung zu treffen: Sie gaben ihre teilweise fertiggestellte Gebetsstätte auf, damit die Kinder ihre Ausbildung in Sicherheit fortsetzen konnten. Jetzt schallt in der Kirche unter der Woche der Klang des Unterrichts anstatt von Gebeten. Der geräumige Saal wurde durch Holzwände in Klassen unterteilt, in denen Marita, Ibrahim und die anderen Kinder lernen, auf improvisierten Tafeln schreiben und trotz Staub und Lärm durchhalten.
„Es ist nicht einfach, in einer halbfertigen Kirche zu lernen“, sagt Ibrahim, „aber es ist besser, als draußen in der Sonne oder unter einem kaputten Dach zu sitzen. Unsere Ausbildung liegt uns sehr am Herzen. Wir wollen lernen, damit unsere Eltern morgen stolz auf uns sein können.“
„Wir wollen lernen, damit unsere Eltern morgen stolz auf uns sein können.“
Marita nickt. Für die Schülerin sind diese vorübergehenden Räumlichkeiten mehr als eine Notlösung – sie sind ein Versprechen. „Mein größter Wunsch ist es, weitzukommen und meiner Gemeinde zu helfen, die Not zu überwinden, in der wir leben.“
Wo die Zukunft der Mädchen und Jungen an erster Stelle steht
Dazu könnte auch ein gänzlich neues Schulgebäude beitragen. Mit Unterstützung von Plan International wird derzeit eines errichtet – mit soliden Klassenzimmern, Toiletten und genügend Platz für jedes Kind. Für Marita und Ibrahim ist die Vorstellung, ein richtiges Klassenzimmer zu betreten, fast unwirklich.
„Wir warten geduldig“, sagt ihre Lehrerin. „Sobald die Arbeiten abgeschlossen sind, werden die Kinder richtige Klassenzimmer haben – größere, sichere und für das Lernen besser geeignete. Die Lernbedingungen werden sich sowohl für die Kinder als auch für uns Lehrkräfte erheblich verbessern. Wir sind wirklich dankbar für diese Unterstützung, die bereits jetzt Leben verändert.“
Während die Erwachsenen sich dafür entschieden haben, ihren Kirchenraum zeitweise aufzugeben, ist es die Entschlossenheit von Kindern wie Marita und Ibrahim, die diese Entscheidung rechtfertigt. Ihr Optimismus und ihre harte Arbeit verkörpern die Hoffnung der ganzen Gemeinschaft. Indem die Dorfgemeinschaft einen Ort der Spiritualität in einen Ort des Lernens verwandelt hat, beweist sie, dass auch Bildung heilig ist – und die Zukunft der Mädchen und Jungen an erster Stelle steht.
Die Geschichte wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Liberia erstellt.