Wenn Hochwasser Teil des Alltags wird
Wenn es in Aníbals (43) Gemeinde in Alta Verapaz in Guatemala zu regnen beginnt, wird Schlaf zu einem Luxus. Tagelang bleibt er wach und lauscht auf das Geräusch des steigenden Wassers.
„Wenn es tagelang und auch nachts regnet, machen wir uns Sorgen“, sagt er. „Oft bleiben wir wach, weil wir wissen, wie schnell das Wasser steigen kann.“
Der 43-Jährige lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in einer ländlichen Gemeinde an einem hochwassergefährdeten Fluss. Er baut Mais und Bohnen an, um seine Familie zu ernähren. Gleichzeitig trägt er als Leiter der lokalen Koordinationsstelle für Katastrophenschutz Verantwortung für 138 Familien und damit für rund 580 Menschen in seiner Gemeinde.
Warum Überschwemmungen zum Alltag gehören
Überschwemmungen sind in der Region zu einem wiederkehrenden Problem geworden. Während der Regenzeit 2024 registrierte die Nationale Koordinierungsstelle für Katastrophenschutz landesweit 2.397 Notfälle. Mehr als 26.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Alta Verapaz gehörte zu den am stärksten betroffenen Departements. Allein in Aníbals Gebiet sind sieben bis acht Gemeinden mit rund 6.000 Einwohner:innen betroffen, darunter etwa 1.000 Kinder.
Die Überschwemmungen treten meist zwischen September und November auf, können aber vier- oder fünfmal im Jahr vorkommen. Dann steht die Gemeinde oft ein bis zwei Wochen lang unter Wasser. Der Fluss kann auf das Achtfache seines normalen Pegels ansteigen und hinterlässt nach dem Rückgang des Wassers eine zehn bis 30 Zentimeter dicke Schlammschicht.
„Manchmal regnet es hier in der Gemeinde gar nicht, während es in den Bergen heftig regnet“, erklärt Aníbal. „Dann steigt der Fluss plötzlich an, und ehe man sich versieht, ist die Gemeinde überflutet.“
An die Hurrikane Eta und Iota erinnert er sich besonders gut. Damals stieg das Wasser um mehr als einen Meter. „Wenn es zu Überschwemmungen kommt, brechen alle Kommunikationswege ab“, sagt er. „Wir wissen oft nicht, was in den anderen Gemeinden passiert. Wenn wir zurückkehren, finden wir manchmal zerstörte Häuser vor. Einige stürzen durch die Strömung ein.“
„Wir verlieren unsere Tiere und vieles von dem, was wir besitzen. Am Ende stehen wir mit leeren Händen da.“
Was Hochwasser für Familien bedeutet
Für viele Familien in der Region ist Landwirtschaft die wichtigste Lebensgrundlage. Entsprechend schwer wiegen die Folgen der Überschwemmungen.
„Manchmal haben wir gerade erst ausgesät. Manchmal wachsen die Pflanzen bereits, und manchmal steht die Ernte kurz bevor“, sagt Aníbal. „Doch die Strömung kann alles mit sich reißen.“
Wenn Ernten verloren gehen, versuchen die Familien, andere Feldfrüchte wie Chili oder Tomaten anzubauen. Doch auch diese leiden häufig unter starken Regenfällen oder den anschließenden Trockenperioden. Zusätzlich kommt es immer wieder zu Engpässen bei der Lebensmittelversorgung. „Dann haben wir oft nicht genug Essen für den Tag“, sagt Aníbal. „Häufig sind wir auf die Unterstützung unserer Nachbarn angewiesen.“
Warum Kinder besonders betroffen sind
Kinder gehören zu den Menschen, die die Folgen der Überschwemmungen besonders deutlich spüren. Straßen werden unpassierbar, Schulen schließen und der Zugang zu Gesundheitsdiensten wird schwieriger. „Die Kinder leiden unter Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Hautausschlägen“, berichtet Aníbal. „Wenn die Gesundheitsstation überflutet ist, muss ich in andere Orte fahren, um Medikamente zu besorgen.“
Auch die psychische Belastung ist spürbar. „Meine Söhne und Töchter haben Angst vor den Überschwemmungen“, sagt er. „Oft bleiben wir wegen des Schlamms tagelang im Haus.“
„Meine Söhne und Töchter haben Angst vor den Überschwemmungen.“
Wenn das Wasser steigt, kümmert sich seine Frau um die Kinder, während Aníbal versucht, das Haus zu sichern. Mit Brettern und Holzstücken schafft er Wege durch den Schlamm. Erst wenn seine Familie in Sicherheit ist, macht er sich mit dem Katastrophenschutzteam auf den Weg, um andere Familien zu unterstützen.
Wie sich die Gemeinde vorbereitet
In den vergangenen Jahren hat sich die Gemeinde stärker auf die wiederkehrenden Überschwemmungen eingestellt. Durch Schulungen zur Katastrophenvorsorge haben viele Familien gelernt, früher zu reagieren und Evakuierungen besser vorzubereiten.
„Man hat uns gezeigt, wie wir evakuieren, unsere Kinder schützen und uns auf Notfälle vorbereiten können“, sagt Aníbal. „Wir haben gelernt, dass wir gehen müssen, bevor die Überschwemmung einsetzt. Wenn wir erst im Wasser feststecken, ist es oft zu spät.“
Heute sind Evakuierungswege gekennzeichnet und Treffpunkte festgelegt. „Wir sind heute besser vorbereitet“, sagt er. „Jeder weiß, wohin er während der Hochwassersaison gehen muss.“
Welche Unterstützung Familien erhalten
Unterstützung erhält die Gemeinde auch über das Projekt „Anticipatory Action“ (dt. etwa „vorausschauende Maßnahmen“) von Plan International. Die Hilfe ermöglicht es betroffenen Familien, nach Überschwemmungen dringend benötigte Lebensmittel, Kleidung, Medikamente oder Ersatz für verlorene Nutztiere zu beschaffen.
„Nach einer Überschwemmung steht man oft mit leeren Händen da“, sagt Aníbal. „Die Unterstützung hilft uns, Lebensmittel, Kleidung und Medikamente zu kaufen und die schwierigste Zeit zu überstehen.“
Wie die Gemeinde in die Zukunft blickt
Um das Risiko langfristig zu verringern, suchen einige Familien nach Möglichkeiten, ihre Häuser auf höher gelegenem Gelände neu zu bauen. „Das wäre eine Lösung, die wir uns wünschen“, sagt Aníbal. „Aber vielen Familien fehlen die finanziellen Mittel dafür.“
Während die nächste Regenzeit näher rückt, bleibt die Wachsamkeit in der Gemeinde groß. Für Aníbal und viele andere Familien gehört sie inzwischen zum Alltag.
Die Geschichte von Aníbal wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Guatemala aufgeschrieben.