Starke Eltern, starke Kinder
Lange Zeit waren Bharats Tage von Arbeit bestimmt. Früh am Morgen verließ er sein Zuhause im Distrikt Kalikot im Westen Nepals – zu einer Zeit, wenn seine Kinder sich gerade auf den Schulweg machten. Abends kehrte er erst zurück, wenn sie längst schliefen.
Wie viele Eltern war auch er überzeugt: Der Schulbesuch allein würde seinen Kindern den Weg in eine gute Zukunft ebnen.
„Ich dachte, es reicht, meine Kinder in der Schule anzumelden“, sagt Bharat heute. „Aber ich habe verstanden, dass Kinder unsere Präsenz brauchen – dass wir sie begleiten, nachfragen und sie in ihrem Lernen ermutigen müssen.“ Ein Umdenken, das nicht nur seinen Familienalltag verändert hat, sondern auch die Bildungschancen seiner Kinder.
Ein Perspektivwechsel mit Wirkung
Der Wendepunkt kam, als Bharat am Parental Awareness Programme von Plan International Deutschland teilnahm. In den Schulungen lernen Eltern, wie entscheidend ihre Rolle für die schulische Entwicklung ihrer Kinder ist – unabhängig von Einkommen oder Bildungsgrad.
„Die Moderatorinnen und Moderatoren haben uns so viel Praktisches vermittelt“, erzählt Bharat. „Heute schaue ich jeden Tag die Hausaufgaben meiner Kinder durch und frage sie, was sie in der Schule gelernt haben.“
Auch der Kontakt zur Schule ist enger geworden. Regelmäßig sucht er das Gespräch mit den Lehrkräften, informiert sich über Lernfortschritte und mögliche Herausforderungen. Eine neue Form der Zusammenarbeit ist zwischen Eltern und Lehrenden entstanden.
Ein Leseeck als Symbol für Veränderung
Inspiriert von dem Programm richtete Bharat in einer ruhigen Ecke seines Hauses eine sogenannte „Reading Corner“, also eine Leseecke ein – einen festen Lernort mit Büchern, Heften, Stiften und ordentlich aufbewahrten Schuluniformen.
Was zunächst unscheinbar wirkt, hat große Wirkung.
„Meine Kinder lernen jetzt viel konzentrierter“, sagt er stolz. „Sie organisieren ihre Materialien selbstständig und übernehmen Verantwortung.“
Die Idee dahinter ist einfach und zugleich kraftvoll: Das Zuhause ist die erste Schule eines Kindes. Mit dem Ansatz „Ein Haus: Ein Leseeck“ ermutigt Plan Familien, eine lernfreundliche Umgebung in den eigenen vier Wänden zu schaffen – auch mit begrenzten Mitteln.
„Hier kann ich mich besser konzentrieren“
Für Pabitra, Bharats Tochter, ist die Leseecke mehr als nur ein Platz zum Lernen. Es ist ein geschützter Raum.
„Nach der Schule esse ich etwas und mache dann dort meine Hausaufgaben. Morgens lerne ich noch einmal“, erzählt sie. „Wenn ich in meiner Leseecke bin, bitten mich meine Eltern nicht, im Haushalt zu helfen. Ich kann mich besser konzentrieren.“
Gerade in ländlichen Regionen Nepals übernehmen Kinder, insbesondere Mädchen, oft früh Verantwortung im Haushalt. Unter dieser Care-Arbeit leidet oft ihre Ausbildung. Feste Lernzeiten und ein eigener Lernort sind daher ein wichtiger Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit.
„Lehrkräfte allein können unmöglich alle Bildungsbedürfnisse eines Kindes erfüllen.“
Wenn Eltern und Schule an einem Strang ziehen
Auch in der Schule sind die Veränderungen spürbar.
„Früher kamen nur wenige Eltern, um sich nach ihren Kindern zu erkundigen“, berichtet Lehrerin Basanta. „Heute besuchen uns die meisten regelmäßig.“
Die engere Zusammenarbeit erleichtert nicht nur die Unterrichtsplanung, sondern stärkt auch das Vertrauen zwischen Schule und Familien.
Lehrerin Muna beobachtet deutliche Fortschritte: „Es gab eine Zeit, in der ich die Kinder ständig an ihre Hausaufgaben erinnern musste. Heute geben sie ihre Aufgaben pünktlich ab.“ Für sie ist klar: Diese Entwicklung zeigt, wie kraftvoll elterliches Engagement sein kann.
Auch Schulleiter Tapendra Mahatara bestätigt den positiven Trend: „Lehrkräfte allein können unmöglich alle Bildungsbedürfnisse eines Kindes erfüllen. Die Einbindung der Eltern ist entscheidend.“ Die Einführung der Leseecken habe die Lernleistungen vieler Kinder sichtbar verbessert. „Wir werden weiterhin eng mit den Familien zusammenarbeiten, um die Bildung in unserer Gemeinde zu stärken.“
Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen unterstützt Plan International Familien in Kalikot dabei, ihre Rolle im Bildungsprozess aktiv wahrzunehmen. Das Parental Awareness Programme vermittelt nicht nur Wissen, sondern stärkt Beziehungen – zwischen Eltern und Kindern ebenso wie zwischen Familien und Schulen.
Denn wenn Eltern ihre Kinder nicht nur zur Schule schicken, sondern sie aktiv begleiten, entsteht mehr als Bildung: Es entsteht Zuversicht. Und genau dort beginnt eine bessere Zukunft.
Diese Geschichte wurde mit Material aus dem nepalesischen Plan-Büro aufgeschrieben.