Sharons Schule

Foto: Plan International

Die Not ihrer Familie trieb die damals 14-Jährige in eine Ehe. Der Weg zurück auf die Schulbank gelang nur durch neue Freundschaften.

Wenn der Schultag in Uganda zu Ende geht, strömen auch im Nordwesten des Landes die Mädchen und Jungen plaudernd aus ihren Klassenzimmern. Unter ihnen ist die 18-Jährige Sharon, die besser als die meisten anderen Kinder versteht, wie leicht man einen Platz an der Schule verlieren kann – und wie schwer es ist, dorthin zurückzukehren.

„Die Lage war so schwierig, dass ich die Schule verlassen musste – und geheiratet habe.“

Sharon (18), Schülerin im Nordwesten von Uganda
Eine junge schwarze Frau blickt unbestimmt in die Ferne.
Sharon (18) wuchs bei ihrer Tante auf – und heiratete mit 14 Jahren Plan International

Als sie klein war, ging Sharon gerne zur Schule. Sie erinnert sich an ihre Kindheit im Distrikt Adjumani und die gemeinsame Zeit mit Freundinnen. Sie lernten gemeinsam für den Unterricht und spielten draußen. Doch Sharons Schulzeit wurde unterbrochen, nachdem ihre Mutter die Familie verlassen und einen anderen Mann geheiratet hatte.

Das Mädchen zog zu ihrer Tante, die nun alles unternahm, um ihre Nichte in der Schule zu halten. Doch als die finanziellen Belastungen zunahmen, wurde es unmöglich, Schulgebühren sowie Bücher, Stifte und andere Lernmaterialien zu bezahlen. „Die Lage war so schwierig, dass ich die Schule verlassen musste – und geheiratet habe“, erinnert sich Sharon, die gerade einmal 14 Jahre alt war und in der Heirat den einzigen Ausweg für sich und ihre Familie sah.

Eine junge schwarze Frau steht zusammen mit anderen Jugendlichen draußen vor einem Gebäude.
Neue Freundschaften halfen Sharon (Mitte) dabei, Selbstvertrauen zurückzugewinnen Plan International
Blick aus der Vogelperspektive auf eine weite Ebene im Dunst, die voller Hütten und kleinen Häusern ist. Am Horizont im Dunst eine Bergkette.
Eine weite Ebene im ugandischen Adjumani im Grenzgebiet zum Nachbarland Sudan Rose+Sjölander

„Als ich heiratete, sah ich mich mit vielen Nöten konfrontiert.“

Sharon (18), Schülerin im Nordwesten von Uganda

Die Ehe brachte eine ganz andere Realität mit sich, als es sich die Teenagerin vorgestellt hatte. Während Sharon mitansehen musste, wie ihre ehemaligen Klassenkameradinnen ihre Ausbildung fortsetzten, war sie selbst mit Verantwortlichkeiten konfrontiert, die ihr kaum Raum für die eigene Entwicklung ließen. „Ich erinnerte mich daran, wie ich mit Freundinnen zusammen war, wir gemeinsam Dinge unternahmen. Wir hatten eine schöne Zeit. Aber als ich heiratete, sah ich mich mit vielen Kämpfen und Nöten konfrontiert“, sagt sie.

Schließlich bemerkte ein Freund der Familie ihre Lage – und informierte ihre Tante. Entschlossen, ihr zu helfen, holte ihre Tante Sharon wieder nach Hause. „Ich fühlte mich wieder besser und ausgeglichener“, sagt Sharon. Die Rückkehr in ihr früheres Zuhause war nur der erste Schritt, der Wiedereinstieg in die Schule sollte sich als weitaus schwieriger erweisen.

Der schwierige Weg aus der Kinderehe zurück auf die Schulbank

Während Sharon nach einem Weg suchte, ihre Schulausbildung wieder aufzunehmen, half sie ihrer Tante bei der Arbeit – auf dem Feld, beim Kochen und beim Wasserholen. Schließlich ermutigten Nachbarinnen ihre Tante, das Mädchen für ein Förderprogramm anzumelden, das Kinder ohne Schulabschluss dabei unterstützt, in den Unterricht zurückzukehren.

„Ich dachte, die anderen Kinder würden sich über mich lustig machen, weil ich eine verheiratete Frau bin, die wieder in die Klasse zurückkehrt.“

Sharon (18), Schülerin und geschiedene Ehefrau in Uganda
Mehrere junge Leute stehen in einer Klasse um einen Tisch und lachen.
Mit der Bildungsinitiative RISING unterstützt Plan International ugandische Mädchen und Jungen ohne Schulbildung bei ihrem Wiedereinstieg in den Unterricht Plan International

Das RISING-Projekt ist eine Bildungsinitiative in Uganda, die darauf abzielt, betroffenen Mädchen und Jungen den Wiedereinstieg in die Grundschulbildung zu ermöglichen. Es wird von Plan International und privaten Geldgebern mitfinanziert und partnerschaftlich unterstützt. „Zuerst war es mir peinlich, wieder zur Schule zu gehen“, erinnert sich Sharon. „Die anderen Kinder würden sich über mich lustig machen, weil ich eine verheiratete Frau bin, die wieder in die Klasse zurückkehrt.“

Was Sharon weitermachen ließ, war die Ermutigung durch Lehrkräfte. Sie argumentierten, dass sich die Zukunft des Mädchens nicht von ihrer Vergangenheit bestimmen lassen sollte. Vor allem die Lehrerinnen versicherten ihr, dass sie in die Klasse gehöre, und unterstützten sie dabei, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Eine Lehrerin besuchte sogar Sharons Zuhause, um mit ihrer Tante zu sprechen, und ermutigte beide, sich weiterhin für Sharons Ausbildung einzusetzen. Allmählich schwand die Angst, die sie bis ins Klassenzimmer begleitet hatte – ganz im Sinne des RISING-Projekts, das Lernhindernisse beseitigt, benachteiligte Kinder einbezieht und entwickelt sowie förderliche Unterrichtsmethoden stärkt.

Etwa 20 junge Leute stehen nebeneinander auf einem sandigen Hof vor einem Gebäude.
Mitglieder des „Girls’ Education Movement“, eines Jugendclubs im ugandischen Adjumani, der Bildungschancen speziell für Mädchen verbessern will Plan International

„Ich habe neue Freundinnen gefunden.“

Sharon (18), Schülerin und geschiedene Ehefrau in Uganda

Als eine weitere Quelle der Unterstützung erwies sich das „Girls’ Education Movement“, ein Jugendclub an Sharons neuer Schule, der Bildungschancen speziell für Mädchen verbessern will. Dort fand Sharon Freundschaft, Sicherheit und Gleichaltrige, mit denen sie ihre Erfahrungen teilen konnte. Nach und nach baute sie ihr Selbstvertrauen wieder auf, das durch ihre früheren Erlebnisse erschüttert worden war. „Ich habe neue Freundinnen gefunden. Wir lachen und scherzen. Das fühlt sich großartig und befreiend an“, sagt sie. „Manchmal, wenn ich traurig bin, merkt meine Freundin das und fragt, was los ist. Ich erzähle es ihr, und wir reden über meine Probleme.“

Mehrere junge schwarze Personen stehen vor einem Gebäude und lachen.
Inzwischen gibt Sharon etwas vom wiedergewonnenen Selbstverstrauen an andere Jugendliche weiter Plan International
Mehrere schwarze Jungen und junge Männer sitzen zusammen und beugen sich über einen Tisch in einem Raum.
Im Jugendclub lernen auch Jungen und junge Männer, aus Stoffen wieder verwendbare Monatsbinden für ihre Freundinnen herzustellen, und informieren sich über Familienplanung sowie sexuelle Rechte Plan International

Heute profitiert Sharon nicht nur von dieser Unterstützung, sondern gibt auch selbst etwas vom wiedergewonnenen Selbstverstrauen weiter. Als ein anderes Mädchen bei der Rückkehr in die Schule haderte, erzählte Sharon von ihrer eigenen Geschichte. „Ich habe ihr gesagt, sie solle nicht an ihre vergangenen Erfahrungen denken und geraten, nach vorne zu schauen, um sich auf ihr Studium zu konzentrieren.“

Sharons Ambitionen reichen mittlerweile über den Unterricht hinaus: Die heute 18-Jährige träumt davon, Ärztin zu werden – motiviert von dem Wunsch, anderen zu helfen, die mit Krankheit und Not zu kämpfen haben. Außerdem hofft sie, eines Tages ihre Tante besser unterstützen zu können, die ihr zeitlebens zur Seite stand. „Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich meiner Tante das Leben leichter machen“, sagt sie. „Ich würde ihr ein Haus bauen und mich um sie kümmern.“

Kinder verdienen es, sicher aufzuwachsen und ausgebildet zu werden

Mit Blick auf ihre Zukunft in Uganda ist Sharon davon überzeugt, dass jedes Kind die Chance verdient, in einem sicheren und unterstützenden Zuhause aufzuwachsen. Da sie selbst die Folgen eines Schulabbruchs im Kindesalter erlebt hat, bleibt sie entschlossen, andere Mädchen und Jungen von einem solchen Schicksal zu bewahren. „Ich weiß, dass ich für meine Familie am besten sorgen kann, wenn ich bei der Schule am Ball bleibe“, sagt sie entschlossen.

Sharons Gesichte wurde mit Material aus dem ugandischen Plan-Büro aufgeschrieben.

Ein schwarzer Junge und ein schwarzes Mädchen stehen zusammen an einem Tisch und halten Nadel und Faden und ein Stück bunten Stoff.
Nicht nur wie hier im Jugendclub steht Sharon (r.) für andere Jugendliche ein Plan International

Mit einer Patenschaft helfen

In Uganda schützt und stärkt Plan International Kinder und Jugendliche, insbesondere Mädchen und junge Frauen. Sie sollen eine Schule besuchen und auch abschließen können. Im Dialog mit den Gemeinden werden zudem lebenswichtige Informationen über sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte, Menstruationshygiene sowie Geschlechtergerechtigkeit geteilt. Auch die berufliche Bildung wird von der Kinderrechtsorganisation gefördert, um Wege aus finanzieller Unsicherheit zu ebnen.

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