Sharons Schule
Wenn der Schultag in Uganda zu Ende geht, strömen auch im Nordwesten des Landes die Mädchen und Jungen plaudernd aus ihren Klassenzimmern. Unter ihnen ist die 18-Jährige Sharon, die besser als die meisten anderen Kinder versteht, wie leicht man einen Platz an der Schule verlieren kann – und wie schwer es ist, dorthin zurückzukehren.
„Die Lage war so schwierig, dass ich die Schule verlassen musste – und geheiratet habe.“
Als sie klein war, ging Sharon gerne zur Schule. Sie erinnert sich an ihre Kindheit im Distrikt Adjumani und die gemeinsame Zeit mit Freundinnen. Sie lernten gemeinsam für den Unterricht und spielten draußen. Doch Sharons Schulzeit wurde unterbrochen, nachdem ihre Mutter die Familie verlassen und einen anderen Mann geheiratet hatte.
Das Mädchen zog zu ihrer Tante, die nun alles unternahm, um ihre Nichte in der Schule zu halten. Doch als die finanziellen Belastungen zunahmen, wurde es unmöglich, Schulgebühren sowie Bücher, Stifte und andere Lernmaterialien zu bezahlen. „Die Lage war so schwierig, dass ich die Schule verlassen musste – und geheiratet habe“, erinnert sich Sharon, die gerade einmal 14 Jahre alt war und in der Heirat den einzigen Ausweg für sich und ihre Familie sah.
„Als ich heiratete, sah ich mich mit vielen Nöten konfrontiert.“
Die Ehe brachte eine ganz andere Realität mit sich, als es sich die Teenagerin vorgestellt hatte. Während Sharon mitansehen musste, wie ihre ehemaligen Klassenkameradinnen ihre Ausbildung fortsetzten, war sie selbst mit Verantwortlichkeiten konfrontiert, die ihr kaum Raum für die eigene Entwicklung ließen. „Ich erinnerte mich daran, wie ich mit Freundinnen zusammen war, wir gemeinsam Dinge unternahmen. Wir hatten eine schöne Zeit. Aber als ich heiratete, sah ich mich mit vielen Kämpfen und Nöten konfrontiert“, sagt sie.
Schließlich bemerkte ein Freund der Familie ihre Lage – und informierte ihre Tante. Entschlossen, ihr zu helfen, holte ihre Tante Sharon wieder nach Hause. „Ich fühlte mich wieder besser und ausgeglichener“, sagt Sharon. Die Rückkehr in ihr früheres Zuhause war nur der erste Schritt, der Wiedereinstieg in die Schule sollte sich als weitaus schwieriger erweisen.
Der schwierige Weg aus der Kinderehe zurück auf die Schulbank
Während Sharon nach einem Weg suchte, ihre Schulausbildung wieder aufzunehmen, half sie ihrer Tante bei der Arbeit – auf dem Feld, beim Kochen und beim Wasserholen. Schließlich ermutigten Nachbarinnen ihre Tante, das Mädchen für ein Förderprogramm anzumelden, das Kinder ohne Schulabschluss dabei unterstützt, in den Unterricht zurückzukehren.
„Ich dachte, die anderen Kinder würden sich über mich lustig machen, weil ich eine verheiratete Frau bin, die wieder in die Klasse zurückkehrt.“
Das RISING-Projekt ist eine Bildungsinitiative in Uganda, die darauf abzielt, betroffenen Mädchen und Jungen den Wiedereinstieg in die Grundschulbildung zu ermöglichen. Es wird von Plan International und privaten Geldgebern mitfinanziert und partnerschaftlich unterstützt. „Zuerst war es mir peinlich, wieder zur Schule zu gehen“, erinnert sich Sharon. „Die anderen Kinder würden sich über mich lustig machen, weil ich eine verheiratete Frau bin, die wieder in die Klasse zurückkehrt.“
Was Sharon weitermachen ließ, war die Ermutigung durch Lehrkräfte. Sie argumentierten, dass sich die Zukunft des Mädchens nicht von ihrer Vergangenheit bestimmen lassen sollte. Vor allem die Lehrerinnen versicherten ihr, dass sie in die Klasse gehöre, und unterstützten sie dabei, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Eine Lehrerin besuchte sogar Sharons Zuhause, um mit ihrer Tante zu sprechen, und ermutigte beide, sich weiterhin für Sharons Ausbildung einzusetzen. Allmählich schwand die Angst, die sie bis ins Klassenzimmer begleitet hatte – ganz im Sinne des RISING-Projekts, das Lernhindernisse beseitigt, benachteiligte Kinder einbezieht und entwickelt sowie förderliche Unterrichtsmethoden stärkt.
„Ich habe neue Freundinnen gefunden.“
Als eine weitere Quelle der Unterstützung erwies sich das „Girls’ Education Movement“, ein Jugendclub an Sharons neuer Schule, der Bildungschancen speziell für Mädchen verbessern will. Dort fand Sharon Freundschaft, Sicherheit und Gleichaltrige, mit denen sie ihre Erfahrungen teilen konnte. Nach und nach baute sie ihr Selbstvertrauen wieder auf, das durch ihre früheren Erlebnisse erschüttert worden war. „Ich habe neue Freundinnen gefunden. Wir lachen und scherzen. Das fühlt sich großartig und befreiend an“, sagt sie. „Manchmal, wenn ich traurig bin, merkt meine Freundin das und fragt, was los ist. Ich erzähle es ihr, und wir reden über meine Probleme.“
Heute profitiert Sharon nicht nur von dieser Unterstützung, sondern gibt auch selbst etwas vom wiedergewonnenen Selbstverstrauen weiter. Als ein anderes Mädchen bei der Rückkehr in die Schule haderte, erzählte Sharon von ihrer eigenen Geschichte. „Ich habe ihr gesagt, sie solle nicht an ihre vergangenen Erfahrungen denken und geraten, nach vorne zu schauen, um sich auf ihr Studium zu konzentrieren.“
Sharons Ambitionen reichen mittlerweile über den Unterricht hinaus: Die heute 18-Jährige träumt davon, Ärztin zu werden – motiviert von dem Wunsch, anderen zu helfen, die mit Krankheit und Not zu kämpfen haben. Außerdem hofft sie, eines Tages ihre Tante besser unterstützen zu können, die ihr zeitlebens zur Seite stand. „Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich meiner Tante das Leben leichter machen“, sagt sie. „Ich würde ihr ein Haus bauen und mich um sie kümmern.“
Kinder verdienen es, sicher aufzuwachsen und ausgebildet zu werden
Mit Blick auf ihre Zukunft in Uganda ist Sharon davon überzeugt, dass jedes Kind die Chance verdient, in einem sicheren und unterstützenden Zuhause aufzuwachsen. Da sie selbst die Folgen eines Schulabbruchs im Kindesalter erlebt hat, bleibt sie entschlossen, andere Mädchen und Jungen von einem solchen Schicksal zu bewahren. „Ich weiß, dass ich für meine Familie am besten sorgen kann, wenn ich bei der Schule am Ball bleibe“, sagt sie entschlossen.
Sharons Gesichte wurde mit Material aus dem ugandischen Plan-Büro aufgeschrieben.