Rias Weg in die Selbstbestimmung
„Kein Mädchen sollte das durchmachen müssen, was ich durchgemacht habe“, sagt Ria. „Wenn ich es geschafft habe, aus dieser Dunkelheit herauszukommen, können andere das auch. Wir brauchen nur jemanden, der an uns glaubt.“
Heute ist Ria 18 Jahre alt. Sie lebt im Norden Bangladeschs, in der Nähe des Teesta-Flusses und wächst in einer Familie auf, die viel arbeitet und dennoch kaum über die Runden kommt. Ihr Vater verdient Geld als Rikschafahrer in der Hauptstadt Dhaka, ihre Mutter arbeitet in fremden Haushalten. Das Einkommen ist unregelmäßig, Rücklagen gibt es nicht. Gleichzeitig ist die Region, in der Ria lebt, stark von Umweltveränderungen betroffen. Überschwemmungen während der Monsunzeit und wiederkehrende Dürren zerstören Ernten und erschweren das Leben zusätzlich.
Als Rias Familie ihre Heirat arrangiert, besucht die damals 13-Jährige die siebte Klasse. „Ich erinnere mich, dass ich dachte, dass das nicht mein Leben ist", sagt sie. „Aber ich hatte damals keine Möglichkeit, mich durchzusetzen.“
Ihr Ehemann ist deutlich älter. Nach der Hochzeit zieht Ria in den Haushalt seiner Familie. Dort erlebt sie Isolation sowie emotionale und körperliche Gewalt. „Ich fühlte mich gefangen und allein“, beschreibt sie diese Zeit. Als sie versucht, Unterstützung zu finden, wendet sie sich an ihre Mutter. Diese reagiert zunächst zurückhaltend, weil sie selbst in denselben gesellschaftlichen Strukturen lebt und die möglichen Konsequenzen eines Bruchs kennt.
Warum Familien frühe Ehen als Schutz sehen
Für viele Familien in Bangladesch, insbesondere in ländlichen Regionen, ist diese Entscheidung eng mit sozialen Normen und Sicherheitsüberlegungen verbunden. Mädchen bewegen sich häufig in einem gesellschaftlichen Rahmen, in dem ihre soziale Akzeptanz stark davon abhängt, wie gut sie bestimmten Erwartungen entsprechen.
Dazu gehört auch die Vorstellung, dass ein unverheiratetes Mädchen potenziell Risiken ausgesetzt ist, etwa Belästigungen, Gerüchten oder sozialer Ausgrenzung. Solche Situationen können nicht nur das Mädchen selbst betreffen, sondern auch Auswirkungen auf die gesamte Familie haben, etwa auf ihre Stellung in der Gemeinschaft oder auf zukünftige Heiratschancen von Geschwistern. Frühe Heirat wird in diesem Kontext von manchen Familien als eine Möglichkeit gesehen, ihre Tochter „abzusichern“, sozial und wirtschaftlich. Gleichzeitig spielt Armut eine zentrale Rolle: Eine zusätzliche Person im Haushalt weniger zu versorgen, kann kurzfristig entlasten.
„Die Leute sagten, ich hätte versagt.“
Der Entschluss zu gehen
Nach fünf Monaten trifft Ria eine Entscheidung, die viel Mut erfordert: Sie verlässt ihren Ehemann und kehrt zu ihrer Familie zurück. „Die Leute sagten, ich hätte versagt“, erinnert sie sich. „Aber ich wusste, dass ich mich für meine Sicherheit entschieden hatte.“
Mit dieser Entscheidung endet die Gewalt, aber neue Herausforderungen beginnen. In vielen Teilen Bangladeschs sind geschiedene Frauen mit Vorurteilen konfrontiert. Ihnen wird häufig die Verantwortung für das Scheitern der Ehe zugeschrieben. Auch Ria erlebt diese Reaktionen. „Die Nachbarn gaben mir die Schuld und ich habe mich geschämt“, sagt sie. Solche Erfahrungen können dazu führen, dass Betroffene sich zurückziehen und isoliert fühlen.
Ein Raum zum Zuhören und Verstehen
Ein entscheidender Wendepunkt in Rias Leben ist ihre Teilnahme am Projekt „Child, Not Bride“ (dt.: „Kind, nicht Braut“) von Plan International. Das Programm arbeitet mit Jugendlichen, Familien und Gemeinden zusammen und setzt genau dort an, wo Veränderung entstehen kann: im Dialog.
„Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mir jemand wirklich zuhört“, sagt Ria. In Workshops und Gruppentreffen setzt sie sich mit Themen auseinander, die ihr Leben unmittelbar betreffen: Kinderheirat, Gesundheit, Rechte von Mädchen und jungen Frauen sowie Möglichkeiten, sich auszudrücken und Gehör zu verschaffen. Dabei geht es nicht nur um Wissen, sondern auch um Selbstvertrauen.
Zu Beginn steht Rias Mutter dem Engagement ihrer Tochter skeptisch gegenüber. Sie sorgt sich, wie andere in der Gemeinschaft reagieren könnten. Doch das Projekt bezieht Familien bewusst mit ein. Als Rias Mutter selbst an Treffen teilnimmt und mehr über die Inhalte erfährt, beginnt sich ihre Haltung zu verändern. „Heute sagt sie, dass sie vieles besser versteht“, erzählt Ria.
Wissen weitergeben und andere stärken
Ein mehrtägiger Führungs-Workshop wird für Ria zu einem wichtigen Schritt. Dort lernt sie nicht nur Hintergründe zu Kinderheirat und Gesundheit, sondern auch, wie sie Diskussionen moderiert und andere ermutigt, ihre Meinung zu äußern. Mit diesen Erfahrungen kehrt sie in ihr Dorf zurück und beginnt, selbst aktiv zu werden.
Sie organisiert regelmäßige Treffen mit anderen Mädchen und jungen Frauen. In diesen Gruppen sprechen sie offen über Themen, die im Alltag oft keinen Raum bekommen: über ihre Rechte, über Bildung, über körperliche Veränderungen und über ihre Zukunft. „Ich sage ihnen: ‚Eure Stimme zählt‘“, erklärt Ria.
Vom eigenen Weg zum Engagement für andere
Mit der Zeit schließen sich immer mehr Mädchen den Treffen an. Auch Menschen aus der Gemeinde beginnen, sich zu beteiligen. Ihre Initiative bleibt nicht unbemerkt. Lokale Behörden werden aufmerksam.
2023 erhält Ria eine Auszeichnung im Rahmen der nationalen Kampagne „Joyeeta Onneshone Bangladesh“ (dt.: „Bangladesch im Glanze des Erfolgs”), in der Kategorie für Frauen, die Gewalt überwunden und ein neues Leben begonnen haben.
Erlebtes in Worte fassen
Ria hat einen Weg gefunden, ihre schwierigen Erfahrungen in etwas Positives zu verwandeln. Sie betrachtet sich nicht länger nur als Betroffene, sondern als jemand, der aktiv die eigene Zukunft gestaltet und andere Mädchen in ihrem Dorf unterstützt. Durch ihre Initiative entstehen sichere Räume, in denen junge Mädchen über ihre Rechte, Bildung und die Herausforderungen von Kinderheirat sprechen können.
„Meine Vergangenheit definiert mich nicht“, sagt Ria. „Sie gibt mir die Kraft, die Zukunft zu verändern.“
Die Geschichte von Ria wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Bangladesch aufgeschrieben.