Es fehlt an allem in Tawila

Foto: Plan International

Nach dem Fall der eingekesselten Stadt El Fasher in Nord-Darfur sind viele Menschen auf der Flucht. Allein im etwa 70 Kilometer entfernten Tawila, wo sich diverse Camps befinden, sollen sich bis zu 100.000 intern geflüchtete Menschen aufhalten. Es fehlt an allem. Viele Menschen sind traumatisiert, vor allem unbegleitete Kinder und Frauen. Ein Gespräch mit Veronicah Mbogo, Plan-Kinderschutzexpertin zur Lage in Tawila

Wie geht es den vielen intern geflüchteten Menschen, die nach Tawila gekommen sind? 

Es fehlt leider an allem. Ich habe das Daba Naira Camp in Sudan besucht und gesehen, dass sich dort zwanzig Familien eine Toilette teilen mussten. Frauen fragen uns jeden Tag nach Hygieneartikeln, weil sie sich nicht versorgen können. Wir haben außerdem zu wenig Lebensmittel und Unterkünfte. Die Menschen bauen sich notdürftig Hütten aus Hirsestroh, das sie in der Umgebung finden. Viele sind mit Eselkarren geflohen, wurden aber unterwegs angegriffen und ausgeplündert. Und so kommen sie mit nichts hier an: keine Decken, keine Kleidung zum Wechseln und keine Schlafmatte. Im Camp Tawila Umda habe ich mich mit geflüchteten Frauen getroffen. In einem einzigen Raum lebten dort dreiundzwanzig alleinstehende Mütter mit ihren Kindern. Es gab keine Privatsphäre, keine Würde.

Eine Helferin in Plan-Weste übergibt Lebensmittelhilfen an Frauen und Kinder in einem Camp.
Veronicah Mbogo verteilt Hilfsgüter im Camp Tawila. Viele geflüchtete Familien sind ohne Vorräte angekommen und sind auf humanitäre Hilfe angewiesen Plan International
Mehrere Kinder stehen und sitzen in einem Camp in Tawila. Einige schauen in die Kamera, im Hintergrund sind Notunterkünfte aus Hirsegras zu sehen.
Unbegleitete Kinder im Camp Tawila: Viele von ihnen wurden auf der Flucht von ihren Familien getrennt und brauchen nun Unterstützung und Schutz Plan International

Du hast auch berichtet, dass es viele unbegleitete Kinder in den Camps gibt…

Ja, viele wurden während der Flucht von ihren Familien getrennt. Wir haben allein 500 Fälle von unbegleiteten Kindern bei Plan dokumentiert. Es ist oft schwierig, sie wieder mit ihren Eltern zusammenzubringen, weil diese zum Beispiel in Regionen gegangen sind, zu denen wir keinen Zugang haben. Wir haben Kinder gesehen, die mit Wunden hier angekommen sind, entweder wegen eines Drohnenangriffs oder weil sie unterwegs angegriffen wurden. Einige erzählten, dass sie Familienmitglieder verloren haben. Sie sind sich nicht sicher, ob diese entführt oder getötet wurden. Das größte Camp, Daba Naira, ist ungefähr 15 Kilometer von hier entfernt. Wir haben dort „Safe Spaces“, kinderfreundliche Räume für die Mädchen und Jungen eingerichtet, in denen sie sich geschützt aufhalten, spielen und Normalität erleben können. Religiöse Führer und Freiwillige aus den Gemeinden übernehmen außerdem viel Verantwortung und kümmern sich um diese unbegleiteten Kinder. 

„Wir von Plan leisten psychologische Hilfe und psychosoziale Unterstützung.“

Veronicah Mbogo, Plan-Kinderschutzexpertin in Sudan

Es wird viel darüber berichtet, dass Mädchen und Frauen auf der Flucht sexuelle Gewalt erleben. Was kann Plan für die Betroffenen tun?

In der sudanesischen Gesellschaft ist es ein großes Tabu, über solche Themen zu sprechen. Wenn eine Frau in ihrem Umfeld sagt, dass sie einen sexuellen Übergriff erlebt hat, dann ist sie oft nicht mehr sicher. Das ist der Grund, warum viele Überlebende sich eher an Hilfsorganisationen wenden. Wir arbeiten eng mit „Ärzte ohne Grenzen“ zusammen, die ein Notfallmanagement für vergewaltigte Frauen im einzigen Krankenhaus in Tawila anbieten. Wir von Plan leisten psychologische Hilfe und psychosoziale Unterstützung. Viele Menschen kennen und vertrauen uns, weil wir vor der Belagerung in El Fasher ein Büro hatten und dort gearbeitet haben. Über unsere Westen sind wir identifizierbar und werden aufgesucht. Unser Ansatz besteht darin, Betroffene ins Krankenhaus zu bringen. Aber auch sichere Räume zu schaffen, wo sich Frauen austauschen können, während sie Kaffee trinken oder ihre Handarbeiten machen.

Eine Mitarbeiterin von Plan International sitzt mit mehreren Frauen im Gespräch vor einer Unterkunft aus Stroh.
Veronicah Mbogo im Austausch mit geflüchteten Frauen. Gespräche und psychosoziale Unterstützung sind ein wichtiger Teil der Nothilfearbeit. Plan International

„Wenn meine Brüder davon erfahren, schlagen sie mich oder töten mich vielleicht.“

schutzsuchende Frau im Geflüchtetenlager Tawila

Warum gibt es dieses Stigma und was kann getan werden, damit die Betroffenen nicht allein gelassen werden?

Wenn ein unverheiratetes Mädchen offenlegt, dass es vergewaltigt wurde, dann wird es nicht mehr heiraten können, weil niemand es mehr will. Die sudanesische Gesellschaft legt sehr viel Wert auf die Ehre einer Familie und auf die Ehe. Eine Frau sagte zu uns: „Wenn meine Brüder davon erfahren, schlagen sie mich oder töten mich vielleicht.“ Die Wahrscheinlichkeit ist auch hoch, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, das Baby aussetzen, nachdem es zur Welt gebracht wurde. Und deshalb sagen wir, dass wir alle, wirklich jeden einzelnen dazu bewegen müssen, seine Einstellung zu diesem Thema zu ändern. Wir wollen erreichen, dass es leichter wird, über solche Themen zu reden. Außerdem arbeiten wir mit religiösen Führern zusammen und führen Schulungen mit ihnen durch, damit sie sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt und für den Schutz betroffener Frauen einsetzen. Das funktioniert. Wir stellen zum Beispiel fest, dass sie freitags vor dem Gebet anfangen, mit Männern über dieses Thema zu sprechen. 

Humanitäre Hilfe von Plan

Arjimand Hussain, regionaler Krisenkoordinator für Sudan: „Im letzten Jahr ist es uns gelungen, rund 17 Lastwagen mit 507 Tonnen Hilfsgütern nach Tawila zu schicken. Aber wir beobachten mit Sorge, dass die Finanzierung immer schwieriger wird: Der Rückzug von USAID zum Beispiel hat zu einer Art Vakuum im Land geführt. Deshalb ist es äußerst wichtig, die humanitäre Hilfe zu erhöhen. Sudan kämpft mit der größten Vertreibungskrise der Welt und darf nicht vergessen werden.“ 

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