Für eine Kindheit – ohne Ehe
„Ich hatte das Gefühl, dass meine Stimme keine Rolle spielt“, sagt Kakoly. „Mein Vater arbeitet als Tagelöhner im Betelblatt-Anbau, und Geld war in meiner Familie immer knapp.“ Als älteste Tochter spürte die heute 18-Jährige auch deshalb schon von klein auf den Druck, heiraten zu müssen. „Ich spürte die Erwartung meiner Eltern und der Gemeinde. Ich fühlte mich gefangen und gestresst, wusste aber nicht, wie ich mich wehren sollte.“
Trotz anhaltender Bemühungen der Regierung und gesetzlicher Verbote hat Bangladesch eine der höchsten Raten von Kinderheirat in Südasien. Weltweit zählt die Volksrepublik sogar zur unrühmlichen Liste der Top-10-Länder – so auch in dem Dorf in Kurigram, jenem Distrikt im Norden von Bangladesch, in dem Kakoly lebt.
Ursächlich für die Fälle von Frühverheiratung ist eine Mischung vieler Faktoren – allen voran die verbreitete Armut. Bangladesch ist einer der ärmsten Staaten der Welt und rangiert laut dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen auf Platz 130 von 193 (zum Vergleich: Deutschland 5 und Österreich 22). Traditionelle Geschlechternormen und die illegale, aber weit verbreitete Praxis der Mitgift, bei der die Kosten für die Familie der Braut oft steigen, je älter ein Mädchen verheiratet wird, tragen ebenfalls zu überdurchschnittlich vielen Kinderehen bei.
Wo Armut zur Früh- und Zwangsheirat führt
In dem Land zwischen den mächtigen Flüssen Brahmaputra, Ganges und Meghna kommt es in der Regenzeit häufig zu Überschwemmungen. Doch die Folgen des Klimawandels mit steigendem Meeresspiegel sowie mehr zerstörerischen Wirbelstürmen verschärfen auch und gerade hier in Bangladesch die bestehenden Probleme. Familien werden immer öfter durch Überschwemmungen oder Erosion von Flussufern von ihrem Grund und Boden vertrieben. Wer sein Zuhause verliert, verheiratet seine Töchter früher, um sie in die vermeintliche Sicherheit einer Ehe zu bringen und die eigene finanzielle Belastung zu verringern.
Ähnlich erging es Kakoly, und als der Druck zu einer frühen Heirat immer größer wurde, beschloss sie schließlich, selbst etwas zu unternehmen. „Ich wandte mich an den Dorfvorsteher und lokale Jugendgruppen, um Unterstützung zu erhalten“, erzählt sie. „Das war das erste Mal, dass ich für mich selbst einstand.“
Ein Einspruch verhindert eine frühe Heirat
Ihr Selbstvertrauen wuchs weiter, seitdem das Mädchen an dem Schutzprojekt „Child, Not Bride – Kind, nicht Braut“ von Plan International teilnahm. „Als ich mehr über die rechtlichen Schutzmaßnahmen und die sozialen Systeme erfuhr, die dazu beitragen, Kinder- und Zwangsehen zu verhindern, veränderte sich etwas in mir. Mir wurde klar, dass ich Rechte habe und dass ich nicht allein bin mit dem Stress. Diese Erkenntnis gab mir den Mut, meine eigene Hochzeit zu verhindern. Sie inspirierte mich, anderen Mädchen zur Seite zu stehen und ihnen zu helfen, zu erkennen, dass auch sie Wahlmöglichkeiten haben“, sagt Kakoly.
Das Plan-Projekt zielt darauf ab, Früh- und Zwangsehen zu reduzieren oder ganz zu verhindern, indem es Jugendliche – insbesondere Mädchen – stärkt. Durch Trainings werden ihre Führungskompetenzen sowie das Wissen über sexuelle und reproduktive Gesundheit gefördert. Die Kombination aus Kompetenztraining, Jugendführung und Unterstützung auf Gemeindeebene fördert eine sicherere und unabhängigere Zukunft für Mädchen. Gleichzeitig sollen die schädlichen Faktoren minimiert werden, die Familien zu einer frühen Heirat ihrer Töchter bewegen.
Mütter und Väter als Champions für geschützte Kindheit
Kakolys Entschlossenheit, ihre frühe Heirat abzulehnen, überzeugte irgendwann auch ihre Eltern. Diese schlossen sich im Rahmen des Projekts sogar einer freiwilligen Elterngruppe an, der „Champions der Mütter und Väter“. Bei ihren Zusammenkünften schulen die Plan-Teams die Erwachsenen über die Kinderrechte sowie die Folgen von Kinderheirat. Denn wenn Kinder Kinder kriegen, ist das gesundheitlich für die werdende Mutter und ihr Baby riskant. Um Kinderehen zu verhindern, wird zudem über die Bedeutung von schulischer Bildung von Mädchen sowie einer Geburtenregistrierung informiert. Denn nur wer volljährig ist, darf laut einschlägiger Gesetzgebung in Bangladesch den Bund der Ehe eingehen. Daran halten können sich die Gemeinden indes nur, wenn die Bräute über eine Geburtsurkunde verfügen.
Während viele Eltern im Dorf inzwischen über die Folgen ihres Handelns nachdenken, ist Kakoly selbst zur Vizepräsidentin der Jugendorganisation in ihrer Gemeinde gewählt worden, die ihr einst Hilfe bot. Die 18-Jährige sensibilisiert nun regelmäßig andere Mädchen: „Ich sage ihnen: ,Ihr habt das Recht, über eure Zukunft zu entscheiden.‘“ Das brachte der engagierten Aktivistin sogar eine Auszeichnung ein. Stolz zeigt sie ihre Trophäen und sagt: „Durch die Auszeichnungen fühlte ich mich wahrgenommen. Sie haben mich daran erinnert, dass Veränderung möglich ist.“
Kakoly wurde außerdem eingeladen, an einem zweimonatigen Kurs für technische und berufliche Bildung für diejenigen Mädchen teilzunehmen, die von einer frühen Heirat bedroht sind.
„Wenn ich meine eigene Geschichte ändern kann, glaube ich, dass ich auch anderen dabei helfen kann.“
Was als Schritt ins Unbekannte begann, wurde zu einem Wendepunkt in Kakolys Leben, der nicht nur ihr eigenes Selbstbewusstsein veränderte, sondern auch die Art und Weise, wie ihre Familie sie wahrnimmt. „Der Weg war nicht einfach, und es gab Momente der Angst, aber jeder Schritt machte mich stärker. So wie ich mich veränderte, veränderte sich auch das Verständnis meiner Familie. Wenn ich heute ihren Stolz sehe, wird mir bewusst, wie weit ich gekommen bin.“
Derzeit bereitet sich Kakoly auf die Zulassung für ein Hochschulstudium vor, während sie in einem Kindergarten die Kleinsten unterrichtet. „Ich möchte Lehrerin werden“, sagt sie. „Wenn ich meine eigene Geschichte ändern kann, glaube ich, dass ich auch anderen dabei helfen kann.“
Marc Tornow hat Bangladesch mehrfach bereist und die Geschichte von Kakoly mit Material aus dem örtlichen Plan-Büro aufgeschrieben.