„Wir werden nicht schweigen“
In vielen Gemeinden in Guinea-Bissau ist weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation/Cutting, FGM/C) noch tief verwurzelt. Obwohl die Praxis gesetzlich verboten ist, prägt sie weiterhin das Leben und die Zukunft tausender Mädchen. Sozialer Druck und die Angst, ausgegrenzt zu werden, sorgen dafür, dass weibliche Genitalverstümmelung fortbesteht.
Doch immer mehr junge Frauen brechen ihr Schweigen. Zu ihnen gehören die 21-jährige Aissatu und die 22-jährige Dam. Beide wurden als Kinder beschnitten, beide litten jahrelang still. Und beide haben sich entschieden, ihre Stimme zu erheben, damit kommende Generationen dieses Leid nicht mehr erfahren müssen.
„Es raubte mir einen Teil meiner Kindheit“ – Aissatus Geschichte
Aissatu war erst sieben Jahre alt, als sie beschnitten wurde. Die Angst und die körperlichen Schmerzen begleiten sie bis heute. „Die Genitalverstümmelung hat mir einen Teil meiner Kindheit geraubt. Es hat mir sehr großen Schaden zugefügt“, sagt die 21-Jährige.
Wie bei vielen Mädchen in Guinea-Bissau wurde auch bei ihr der Eingriff als kulturelle Notwendigkeit dargestellt und von einer traditionellen Beschneiderin durchgeführt. Für Aissatu sind die Folgen lebenslang spürbar. Intimität in ihrer Ehe ist für sie schwierig und häufig schmerzhaft – eine ständige Erinnerung an das erlittene Trauma.
„Nähe, die eigentlich verbinden sollte, ist oft schmerzhaft“, sagt sie. „Manchmal fühlt es sich eher nach Zerbrechen als nach Verbundenheit an.“ Halt findet die junge Frau in der Unterstützung ihres Mannes. Sie beschreibt ihn als ihren „Zufluchtsort“, als jemanden, der ihr mit Mitgefühl, Geduld und Verständnis begegnet. Diese Unterstützung hat ihr auch den Mut gegeben, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen.
„Manchmal fühlt es sich eher nach Zerbrechen als nach Verbundenheit an.“
„Nachdem ich diese Grausamkeit selbst erlebt habe, erhebe ich jetzt meine Stimme“, sagt Aissatu entschlossen. „Ich habe keine Angst. Ich schäme mich nicht, den Menschen um mich herum meine Wahrheit zu erzählen. Ich weiß, dass viele Mädchen sich schämen und große Angst haben, verurteilt oder ausgegrenzt zu werden.“
Viele Menschen in ihrer Gemeinde wissen nicht, dass sie selbst betroffen ist. Doch Aissatu hat keine Angst mehr, sich zu öffnen. Wenn FGM/C verteidigt wird, schweigt sie nicht mehr. Ihre Botschaft an andere Mädchen ist klar und solidarisch: „Dein Schmerz ist real und deine Stimme verdient es, gehört zu werden. Es gibt Hilfe. Es gibt einen Weg nach vorne.“
„Es ist ein großes Tabu, darüber zu sprechen“ – Dams Weg aus dem Schweigen
Auch Dam war noch ein Kind, als sie beschnitten wurde. Viele Jahre lang behielt sie ihr Leid für sich. „In unserer Gesellschaft ist es ein großes Tabu, darüber zu sprechen. Die Menschen beschimpfen oder verurteilen dich – oder bringen dich einfach zum Schweigen.“
Der Wendepunkt kam, als Dam sich zunächst engen Freund:innen anvertraute. Später fand sie den Mut, mit den Ältesten ihrer Gemeinde zu sprechen. Sie wusste, dass sie Kritik oder Ablehnung erfahren könnte. Doch Schweigen, erkannte sie, ließ den Kreislauf der Gewalt nur weiterbestehen. „Als Überlebende habe ich jetzt den Mut, meine Erfahrung mit anderen zu teilen“, sagt sie. „Ich kenne viele Mädchen, die das Gleiche erlebt haben. Sie haben Angst.“
„Ich möchte nicht, dass auch nur ein weiteres Mädchen so leiden muss wie ich.“
Für Dam ist klar: Weibliche Genitalverstümmelung ist keine kulturelle Tradition, sondern Gewalt. „Was ich erlebt habe, hatte körperliche Folgen und hat tiefe Traumata hinterlassen. Es ist eine sehr schädliche Praxis. Ich möchte nicht, dass auch nur ein weiteres Mädchen so leiden muss wie ich“, betont sie.
Heute setzt sich die 22-Jährige offen für ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung ein. Sie appelliert an Jugendliche ebenso wie an Erwachsene, schädliche Traditionen zu hinterfragen und die Rechte von Mädchen zu verteidigen. „Wir müssen alles tun, um FGM/C zu beenden. Noch immer gibt es viele Erwachsene, die diese Praxis als Tradition verteidigen, die fortbestehen müsse. Genau deshalb müssen wir weiter aufklären“, sagt Dam.
Warum FGM/C trotz Verboten weiterbesteht
Weibliche Genitalverstümmelung ist in Guinea-Bissau nach wie vor weit verbreitet, besonders in ländlichen Regionen. Mehr als 400.000 Frauen und Mädchen im Land sind betroffen, 52 Prozent der Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren wurden beschnitten. Trotz Verbote wird das Gesetz nicht überall konsequent durchgesetzt. Viele Familien stehen weiterhin unter dem Druck, sich sozialen Normen anzupassen. Ein „unbeschnittenes“ Mädchen gilt vielerorts nach wie vor als unrein, nicht heiratsfähig und gesellschaftlich nicht akzeptiert.
Plan International kämpft gegen weibliche Genitalverstümmelung
Plan International arbeitet in Guinea-Bissau daran, FGM/C zu verhindern: Schutzsysteme in den Gemeinden werden gestärkt und staatliche Stellen unterstützt. Junge Menschen und lokale Führungspersonen werden befähigt, schädliche Traditionen zu hinterfragen. Durch langfristige Gemeindearbeit und geschlechtertransformative Programme trägt Plan dazu bei, soziale Normen zu verändern, damit Mädchen sicher, unterstützt und frei von Gewalt aufwachsen können.
„Ein Kampf für uns alle“ – Gemeinsam FGM/C beenden
Überlebende wie Aissatu und Dam verändern die Erzählung: Sie stellen sich gegen Scham, machen ihre Wahrheit sichtbar und drängen auf kollektive Veränderungen.
„Ich spreche jetzt, damit andere Mädchen ohne diese Narbe leben können … sicher, unversehrt und frei“, sagt Aissatu. Sie träumt von einem Guinea-Bissau, in dem kein Mädchen mehr das erleben muss, was sie erlebt hat.
Dam teilt diese Vision: „Meine Geschichte handelt nicht nur davon, was mir passiert ist. Sie handelt davon, wofür ich mich danach entschieden habe: zu handeln. Dies ist ein Kampf für uns alle. Und wir werden nicht aufhören.“
Aissatus und Dams Geschichten wurden mit Material aus dem Plan-Büro in Guinea-Bissau erstellt.
Hinweis: Sollten Sie von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen oder gefährdet sein, finden Sie in unserer Broschüre in vier Sprachen Informationen und Anlaufstellen in Deutschland. Außerdem können Sie sich bei dem Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen rund um die Uhr in einer von 18 Sprachen kostenlos und anonym beraten lassen: 116 016