„Veränderung beginnt zu Hause“
Christine Oseku ist Projektmanagerin bei Plan International Uganda. Im Rahmen des Projekts „Bold Step“ arbeitet sie mit Gemeinden in den Distrikten Kamuli und Buyende im Süden Ugandas zusammen, um Teenagerschwangerschaften vorzubeugen und junge Mütter zu unterstützen. Für sie steht fest: Ursachen und Lösungen liegen oft im direkten Umfeld von Kindern und Jugendlichen.
Veränderung beginnt im familiären Umfeld
„Vernachlässigung der Kinder ist die Hauptursache für Teenagerschwangerschaften“, sagt Oseku. Viele Eltern gingen davon aus, dass Schulen die Aufklärung über Sexualität und Verhütung übernehmen sollten. Aus ihrer Sicht reicht das jedoch nicht aus.
„Wenn Eltern nicht in der Lage sind, mit ihren Kindern über Sex und Verhütung zu sprechen, werden die Kinder möglicherweise anderswo falsch informiert“, sagt sie. Neben fehlender Aufklärung spielen auch Sicherheitsrisiken eine Rolle. Lange Schulwege, Kinderarbeit oder schlecht beleuchtete Orte, an denen sich Jugendliche aufhalten, können das Risiko von Gewalt und Missbrauch erhöhen.
„Vernachlässigung der Kinder ist die Hauptursache für Teenagerschwangerschaften.“
„Wenn ein Mädchen vergewaltigt wird, wollen manche Eltern das Problem lösen, indem sie das Mädchen mit dem Vergewaltiger verheiraten. Wenn die Ehe scheitert, wird die Polizei erst zu diesem Zeitpunkt informiert, und dann ist es schwierig, Beweise zu sammeln“, sagt Oseku.
Warum frühe Schwangerschaften weitreichende Folgen haben
In vielen Fällen stehen Teenagerschwangerschaften und Kinderheirat in engem Zusammenhang. Auf eine frühe Schwangerschaft folgt häufig eine Heirat, während umgekehrt Kinderheiraten oft zu frühen Schwangerschaften führen.
In Teilen der Distrikte Kamuli und Buyende wurde die Bildung von Mädchen lange weniger gefördert als die von Jungen. Gleichzeitig halten sich teilweise Vorstellungen, nach denen Mädchen bereits kurz nach ihrer ersten Menstruation als bereit für Ehe und Mutterschaft gelten.
Oseku begegnet den Folgen dieser Entwicklung regelmäßig. Ihre berufliche Laufbahn begann sie als Hebamme. Die jüngsten Mädchen, die ein Kind zur Welt bringen, waren erst 13 Jahre alt. Deshalb kennt Oseku die gesundheitlichen Risiken früher Schwangerschaften aus eigener Erfahrung. „Der Körper eines Teenagers ist noch nicht bereit für eine Schwangerschaft. Frühgeburten sind häufig, und viele Entbindungen enden mit einem Notkaiserschnitt, weil das Becken der Mutter nicht breit genug ist. Neurologische Schäden sind bei Babys sehr junger Mütter leider häufig. Ebenso wie Unterernährung und Entwicklungsverzögerungen, da diesen Müttern oft angemessene Erziehungskompetenzen fehlen“, sagt sie.
Die Folgen betreffen aus ihrer Sicht nicht nur einzelne Familien. Viele junge Mütter kehren nicht mehr in die Schule zurück. Dadurch steigen die Risiken von Armut und fehlenden Bildungschancen über Generationen hinweg. „Wenn Mädchen zur Schule gehen dürfen, bekommen sie erst dann Kinder, wenn sie dazu bereit sind, und sie werden ihre eigenen Kinder wahrscheinlich zur Schule schicken“, sagt Oseku.
„Früher haben Fachkräfte von Gesundheitszentren junge Menschen, die wegen Verhütungsmitteln kamen, oft verurteilt.“
Gemeinsam an Veränderungen arbeiten
Um Teenagerschwangerschaften vorzubeugen, arbeitet das Projekt „Bold Step“ mit Gesundheitszentren, Schulen, Behörden, religiösen Führungspersonen und lokalen Organisationen zusammen. Das zweieinhalbjährige Projekt wird von der Europäischen Union finanziert. Ein Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung von Gesundheitsfachkräften.
„Früher haben Fachkräfte von Gesundheitszentren junge Menschen, die wegen Verhütungsmitteln kamen, oft verurteilt. Wir haben Dutzende von Krankenschwestern und Hebammen geschult und eine deutliche Veränderung in den Kliniken festgestellt, mit denen wir zusammenarbeiten. Immer mehr junge Menschen haben den Mut, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn sie Ermutigung und die richtigen Informationen erhalten. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse des Projekts“, sagt Oseku.
Auch Jugendliche selbst übernehmen Verantwortung. Gleichaltrige Aufklärerinnen und Aufklärer informieren über Kinderheirat, sexuelle Gesundheit und Verhütung. Gleichzeitig werden Eltern in Gesprächsgruppen zu Themen wie positive Erziehung, Geschlechtergerechtigkeit, Drogenmissbrauch und geschlechtsspezifische Gewalt einbezogen.
Für die Umsetzung arbeitet Plan International mit den lokalen Organisationen zusammen, die unter anderem Radiosendungen und Gemeinschaftstheater nutzen, um Menschen in den Gemeinden zu erreichen. Auch traditionelle und religiöse Führungspersonen werden in die Arbeit eingebunden.
Inzwischen engagieren sich mehr als 50 Gemeindevorsteher:innen öffentlich für sexuelle und reproduktive Rechte von Kindern und Jugendlichen.
Auch die offiziellen Zahlen deuten auf Fortschritte hin: Während 2021 in Buyende 28 Prozent und in Kamuli 21 Prozent aller Ehen mit Minderjährigen geschlossen wurden, sank dieser Anteil bis 2025 in beiden Distrikten um vier Prozentpunkte.
Fortschritte und aktuelle Herausforderungen
Trotz dieser Entwicklungen bestehen weiterhin Herausforderungen. Oseku nennt insbesondere den Mangel an Medikamenten und medizinischer Ausstattung in vielen Gesundheitszentren. „Wenn ein junger Mensch Kondome holen kommt und keine bekommt, wird er wahrscheinlich nicht wiederkommen – oder schwanger oder HIV-positiv zurückkehren“, sagt sie.
Auch gesellschaftliche Normen verändern sich nur schrittweise. Während viele Familien und Gemeindevorsteher:innen die Risiken von Kinderheirat, geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung von Mädchen zunehmend anerkennen, halten manche weiterhin an traditionellen Vorstellungen fest.
Dennoch blickt Oseku optimistisch in die Zukunft. Sie ist überzeugt, dass die aufgebauten Strukturen auch nach dem Ende des Projekts bestehen bleiben werden.
„Lokale Organisationen werden ihre Arbeit fortsetzen. Das Vertrauen zwischen den Gemeinden, den Gesundheitszentren und der Regierung hört damit nicht auf. Wir konnten auch die Kompetenzen des Gesundheitspersonals verbessern und Ausrüstung wie Blutdruckmessgeräte und Entbindungsbetten anschaffen.“
Als wichtigen nächsten Schritt sieht sie den Ausbau beruflicher Bildungsangebote für junge Mütter. „Viele junge Mütter sind sich heute ihrer Rechte und Möglichkeiten stärker bewusst und wollen ihr Leben verbessern, können aber aufgrund von Armut, Arbeitsbelastung oder großen Entfernungen nicht zur Schule zurückkehren. Es besteht Bedarf an niederschwelligen Berufsbildungsangeboten, zu denen das Kind mitgenommen werden kann.“
Besonders ermutigend findet Oseku die Entwicklung bei den Jugendlichen selbst. „Jeden Tag sehen wir mehr und mehr junge Menschen, die für ihre Rechte eintreten. Sie trauen sich zu sagen, dass sie Verhütungsmittel brauchen und dass es für sie wichtig ist, die Schule weiter zu besuchen. Das macht mich sehr stolz.“
Der Artikel wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Uganda aufgeschrieben.