Textilabfälle werden zu Chancen für Frauen

Foto: Annet Maina

Aus Textilabfällen entstehen in Mathare neue Produkte und Arbeitschancen. Was einst als Umweltkatastrophe begann, hat sich zu einem erfolgreichen Unternehmen entwickelt, das jungen Frauen Einkommen und Sicherheit bietet.

Dass sie einmal ein eigenes Unternehmen aufbauen würde, hätte Faith lange nicht gedacht. Die 24-Jährige ist in Mathare, einem dicht besiedelten Stadtteil von Nairobi in Kenia, aufgewachsen. 

Heute leitet sie eine Kreativwerkstatt für Wiederverwertung, wo Textilabfälle weiterverarbeitet und unter anderem wiederverwendbare Damenbinden hergestellt werden.

Faith steht in ihrer Werkstatt in Mathare
Faith arbeitet mit recycelten Textilien Annet Maina
Faith fegt den Hof ihres Zuhauses in Mathare
Faith bei der Hausarbeit im Hof ihres Zuhauses in Mathare Annet Maina

Kindheit in Mathare

Faith wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Konflikte innerhalb der Familie gehörten zu ihrem Alltag. Wenn sie über diese Zeit spricht, erinnert sie sich vor allem an die Gewalt, insbesondere gegenüber ihrer Mutter: „Ich habe oft miterlebt, wie meine Mutter von meinen Onkeln schikaniert wurde.“ Solche Situationen waren keine Ausnahmen. Als Kind konnte sie nicht eingreifen und fühlte sich oft machtlos, wie eine Zeugin, die nichts sagen konnte.

Auch später sah sie sich lange nicht in einer aktiven Rolle. Sie beschreibt sich als zurückhaltend. „Ich war sehr schüchtern“, sagt sie. In größeren Gruppen fühlte sie sich unwohl und erlebte zeitweise sogar Panikattacken. Gleichzeitig zweifelte sie stark an sich.

Faith als frühe Teilnehmerin des „She Leads“-Projekts
Faith war eine der ersten, die am Projekt teilnahmen Annet Maina
Faith mit anderen Projektteilnehmerinnen in Mathare
Faith (l.) im Austausch mit Teilnehmerinnen beim Projektreffen in Mathare Annet Maina

Ein neuer Zugang über Sprache

Alles änderte sich, als Faith unerwartet angesprochen und gebeten wurde, einen Text über Geschlechterfragen zu schreiben und vorzutragen. Dabei sprach sie zum ersten Mal vor anderen Menschen über eigene Erfahrungen. So kam sie in Kontakt mit dem Programm „She Leads“ von Plan International, das junge Frauen stärkt und sie darin schult, Führungsrollen zu übernehmen. Dort arbeitete sie mit anderen Mädchen zusammen und beschäftigte sich mit Fragen der Mitbestimmung in ihrer Gemeinschaft.

Faith beschreibt diese Zeit als einen Wendepunkt. Sie begann, sich selbst anders zu sehen. „Ich habe das Gefühl, dass ich in meiner Gemeinschaft eine Aufgabe habe“, sagt sie.

„Ich habe das Gefühl, dass ich in meiner Gemeinschaft eine Aufgabe habe.“

Faith (24), Teilnehmerin des Projekts „She Leads"

Was die Überschwemmung sichtbar machte

Im Frühjahr 2024 kam es in Nairobi zu starken Regenfällen. Auch Mathare war betroffen: Der Fluss trat über die Ufer, Wasser ströhmte durch die Siedlung, Häuser wurden weggerissen. 

Während dieser Zeit fiel Faith etwas auf. An vielen Stellen war der Fluss durch Abfälle blockiert, darunter große Mengen Textilien. Stoffreste und Kleidung lagen im Wasser, behinderten den Abfluss und verstärkten die Überschwemmungen. 

 

Ein von Überschwemmungen betroffenes Wohngebiet in Kenia
Menschen leben in einem von Überschwemmungen betroffenen Wohngebiet in Kenia Martin Ndichu
Faith in ihrer Gemeinde, in der sie Veränderungen anstößt
Faith ist Gründerin der Kreativwerkstatt für Wiederverwertung Annet Maina

Eine Idee, die beides verbindet

Die Überschwemmungen brachten Faith auf eine Idee: Textilabfälle sollten nicht länger ein Problem sein, sondern genutzt werden. So gründete Faith die Kreativwerkstatt für Wiederverwertung. Dort werden Stoffreste gesammelt und zu neuen Produkten verarbeitet, darunter Kleidung und Alltagsgegenstände, vor allem aber wiederverwendbare Damenbinden.

Denn Faith wusste: Viele Mädchen und Frauen in Mathare fehlt es an verlässlichen Zugang zu Hygieneprodukten während der Menstruation. „Periodenarmut ist hier ein großes Thema“, sagt Faith. Das kann dazu führen, dass Schülerinnen dem Unterricht fernbleiben. Wiederverwendbare Binden bieten hier eine Möglichkeit: Sie sind langlebig, kostengünstig und immer verfügbar. 

„Periodenarmut ist hier ein großes Thema.“

Faith (24), über den mangelnden Zugang zu Hygieneprodukten
Faith und ihr Team in der Werkstatt neue Produkte verarbeitend
Faith (vorne) und ihr Team verarbeiten Abfallmaterialien zu neuen Produkten Annet Maina

Wenn Einkommen neue Wege öffnet

Mit ihrer Werkstatt schaffte sie Arbeitsplätze für derzeit 22 Frauen. Sie verdienen dort ihr eigenes Geld. „Mein größter Erfolg war es, diese Frauen einzustellen zu können“, sagt Faith. Für viele von ihnen ist es die erste regelmäßige Arbeit.

In einem Umfeld, in dem Geld oft knapp ist, hat ein eigenes Einkommen große Bedeutung. Es ermöglicht nicht nur den Zugang zu alltäglichen Dingen, sondern kann auch die eigene Rolle im sozialen Umfeld verändern. „Finanzielle Unabhängigkeit ist für die eigene Sicherheit unerlässlich", betont Faith. „Wenn Frauen in missbräuchlichen Beziehungen leben, müssen sie vielleicht aussteigen. Mit der Werkstatt biete ich Frauen eine Alternative. Ich sage: Kommt und arbeitet bei uns, verdient etwas Geld, dann könnt ihr mit einem Plan B aussteigen.“ Die Kreativwerkstatt für Wiederverwertung verbindet dabei zwei Ansätze: Textilabfälle werden weiterverarbeitet und gleichzeitig entstehen Produkte, die im Alltag gebraucht werden.

Faith in der Werkstatt mit Kolleginnen
Aus dieser Arbeit mit recycelten Materialien entstehen neue Einkommensmöglichkeiten vor Ort Annet Maina

„Mein größter Erfolg war es, diese Frauen einstellen zu können.“

Faith (24), über die Schaffung von Arbeitsplätzen für Frauen in Mathare
Faith in Kenia eine Bandschleife tragend
Faith trägt die Bandschleife, die sie als Miss Environment Kenia gewonnen hat Annet Maina
Faith und ihre Kolleg:innen überprüfen ihre hergestellten Produkte
Faith (r.) überprüft die Qualität eines der wiederverwendbaren Damenbinden, die ihr Team hergestellt hat Annet Maina

Was dieser Ort bedeutet

In Mathare ist die Werkstatt heute Teil des Alltags. Hier wird gearbeitet, Stoff zugeschnitten, Materialien weiterverarbeitet, und daraus entstehen neue Produkte. Für die Frauen vor Ort bedeutet dieser Ort vor allem eines: die Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen.

Für Faith ist die Werkstatt das Ergebnis eines Weges, der sich Schritt für Schritt entwickelt hat, oft aus Momenten heraus, in denen sie einfach gehandelt hat, trotz Unsicherheit. „Manches musst du einfach tun, auch wenn du Angst hast“, sagt sie. Heute zeigt sich, wohin sie dieser Weg geführt hat: Faith wurde Miss Environment 2024/25 in Kenia. 

Die Geschichte von Faith wurde mit Material aus dem kenianischen Plan-Büro aufgeschrieben. 

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