Schule oder Heirat?

Foto: Abdul-Manaph Ouro-Djeri

Als ein Heiratsantrag Dorcas’ Schulbesuch infrage stellt, gerät ein bislang vorgezeichneter Lebensweg ins Wanken. Was folgt, sind Gespräche innerhalb der Familie und der Gemeinde, an deren Ende eine Entscheidung steht.

Dorcas lebt in einem Dorf der Zentralregion Togos, einer überwiegend ländlich geprägten Gegend mit begrenztem Zugang zu weiterführender Bildung und stabilen Einkommensmöglichkeiten. Der Alltag ist durch gegenseitige Abhängigkeiten strukturiert: Familienmitglieder tragen gemeinsam Verantwortung für Landwirtschaft, Haushalt, Kinderbetreuung und soziale Beziehungen innerhalb der Gemeinde. Entscheidungen werden selten allein getroffen. Sie entstehen im Austausch mit Eltern, älteren Verwandten und lokalen Autoritäten.

In diesem sozialen Gefüge sind Lebenswege vergleichsweise klar umrissen. Für Mädchen bedeutet das häufig: ein früher Schulabbruch, gefolgt von Heirat und der Übernahme familiärer Pflichten. Diese Abfolge wird nicht primär als Einschränkung verstanden, sondern als Teil einer Ordnung, die Sicherheit, Zugehörigkeit und Anerkennung verspricht, insbesondere dort, wo Alternativen schwer zugänglich sind.

Dorca über ihren Lebensweg
Dorcas sagt, sie ist heute stark genug, ihren eigenen Weg im Leben selbst zu bestimmen Abdul-Manaph Ouro-Djeri

Kinderheirat im Kontext struktureller Ungleichheit

Kinder- und Frühverheiratung ist in Togo trotz gesetzlicher Regelungen weiterhin verbreitet. Das Mindestalter für die Eheschließung liegt bei 18 Jahren, doch landesweit wird etwa jedes vierte Mädchen früher verheiratet, in ländlichen Regionen deutlich häufiger. Diese Praxis steht in engem Zusammenhang mit Armut, ungleichem Zugang zu Bildung und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung.

Frühe Heirat ist dabei weniger eine singuläre Entscheidung als ein sozial eingebetteter Prozess. Sie betrifft nicht nur das betroffene Mädchen, sondern ganze Familien. Ökonomische Entlastung, soziale Absicherung und die Einbindung in bestehende Netzwerke spielen eine zentrale Rolle. Entscheidungen für oder gegen eine frühe Heirat werden daher entlang konkreter Lebensbedingungen getroffen.

„Ich hatte nie etwas anderes gesehen: Schule verlassen, heiraten, so wie es alle Mädchen in meiner Familie taten.“

Dorcas (16), über die üblichen Erwartungen an Mädchen in ihrem Dorf

Aufwachsen mit bekannten Wegen

Dorcas’ eigene Vorstellungen von Zukunft waren lange eng mit dem verbunden, was sie in ihrer Familie beobachtete. Ihre älteren Schwestern verließen früh die Schule, heirateten jung und gründeten Familien. Diese Lebenswege galten als respektabel und richtig. Bildung war wichtig, aber nicht unbedingt entscheidend. Sie bedeutete Grundkenntnisse, nicht zwingend einen langfristigen Berufsweg. Dorcas’ Alltag bestand aus Schule, Hausarbeit und sozialem Leben im Dorf. Fragen nach Rechten oder Selbstbestimmung spielten dabei keine Rolle.

Schule als Ort neuer Begriffe

Eine Veränderung begann mit einer schulischen Initiative. Der Jugendclub ihrer Schule organisierte gemeinsam mit lokalen Partnern eine Veranstaltung im Dorf, bei der Themen wie Bildung, frühe Heirat und Gesundheit besprochen wurden. Solche Treffen sind Teil gemeindebasierter Programme, die darauf abzielen, Gespräche anzustoßen, nicht Vorgaben zu machen.

Für Dorcas war entscheidend, dass hier Dinge benannt wurden, die zuvor nicht benannt worden waren. Sie hörte, dass der Schulabbruch von Mädchen kein individuelles Schicksal sein muss. Dass Bildung ein Recht ist, über das gesprochen werden kann.

„Ich hatte Angst vor dem Verlust der Schule, aber auch davor, meine Eltern zu enttäuschen.“

Dorcas (16), über die Spannungen zwischen Wünschen und Erwartungen

Wenn eine Entscheidung ansteht

Kurz nach der Veranstaltung trat ein Mann an Dorcas’ Eltern heran, um um ihre Hand anzuhalten. Solche Anfragen sind in der Region üblich und folgen klaren sozialen Regeln. Für Dorcas wurde die Situation dennoch zu einer Belastung. Sie wusste, dass eine Heirat sehr wahrscheinlich den Abbruch ihrer Schulbildung bedeutet hätte. Die Situation stellte sie vor einen inneren Konflikt: zwischen Loyalität gegenüber ihrer Familie und dem Wunsch, weiterzulernen. 

Gespräche innerhalb der Familie

Dorcas sprach zunächst mit ihrer Mutter. Diese reagierte zurückhaltend. Für sie stand nicht die Frage im Vordergrund, ob Dorcas lernen darf, sondern wie die Familie als Ganzes bestehen kann. Eine abgesagte Hochzeit kann soziale Folgen haben: Gerede, Spannungen, der Eindruck mangelnder Dankbarkeit.

Dorcas suchte daraufhin Unterstützung bei einem Lehrer, der auch den Jugendclub leitete. Er hörte ihr zu und schlug vor, gemeinsam mit einem Gemeindevorsteher das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Diese Vorgehensweise entsprach lokalen Gepflogenheiten. Entscheidungen dieser Tragweite werden selten ohne die Einbindung anerkannter Autoritäten getroffen.

Dorcas redet mit Mutter
Dorcas spricht offen mit ihrer Mutter über die Zukunft Abdul-Manaph Ouro-Djeri

Aushandlung statt Bruch

Das Gespräch mit den Eltern war von Zurückhaltung geprägt. Dorcas’ Wunsch wurde angehört, aber auch hinterfragt. Es ging um Verantwortung, um Zukunftsbilder und um die Frage, was es bedeutet, eine Tochter gut zu begleiten. Schrittweise entstand Raum für eine andere Sicht: Bildung als Investition in die Familie, nicht als Abkehr von ihr.

Am Ende erklärten sich Dorcas’ Eltern bereit, die Hochzeit abzusagen. Diese Entscheidung fiel nicht leicht. Sie bedeutete, gegen Erwartungen zu handeln und Unsicherheiten in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig eröffnete sie Dorcas die Möglichkeit, die Schule fortzusetzen.

Dorcas mit Familie
Dorcas mit ihren Eltern und jüngeren Geschwistern Abdul-Manaph Ouro-Djeri

Unterstützung im Alltag

Nach der Absage erhielt Dorcas praktische Unterstützung für den Schulbesuch: Schulmaterialien, Hygieneartikel und regelmäßige Gespräche mit Vertrauenspersonen. Diese Maßnahmen zielten darauf ab, den Alltag zu stabilisieren. Sie sollten sicherstellen, dass der Schulbesuch nicht an fehlenden Ressourcen scheitert und dass Dorcas einen Ort hat, an dem sie über ihre Sorgen sprechen kann.

Solche Unterstützungsangebote sind Teil eines Programms von Plan International zur Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt, das seit 2019 in Togo mit lokalen Organisationen umgesetzt wird. Der Ansatz setzt auf bestehende soziale Strukturen und arbeitet mit Lehrkräften, Eltern und Gemeindeverantwortlichen zusammen.

Beteiligung im Jugendclub

Mit der Zeit begann Dorcas, sich aktiver im Jugendclub zu engagieren. Sie sprach mit anderen Schülerinnen über ihre Erfahrungen und nahm an Besuchen in benachbarten Dörfern teil. Dort erzählte sie von ihrem Schulweg und von den Gesprächen mit ihrer Familie. Ihre Geschichte wurde nicht als Beispiel präsentiert, sondern als eine von vielen möglichen Erfahrungen.

„Ich erzähle, was passiert ist“, sagt sie. „Dann können andere darüber nachdenken, was für sie wichtig ist.“ In diesen Gesprächen ging es weniger um Überzeugung als um Austausch. Dorcas besucht weiterhin die Schule und sagt, sie möchte später Lehrerin werden. Dieser Wunsch ist eng mit ihren eigenen Erfahrungen verbunden. Sie hat erlebt, wie wichtig es sein kann, Informationen zu haben und darüber sprechen zu können.

Die Geschichte von Dorcas und ihrer Familie wurde mit Material aus dem togolesischen Plan-Büro aufgeschrieben.

Dorcas selbstbewusst in die Zukunft
Dorcas blickt selbstbewusst in ihre Zukunft Abdul-Manaph Ouro-Djeri

Menschen in Togo helfen

Plan International arbeitet seit 1988 in Togo und setzt sich vor Ort insbesondere für sexuelle und reproduktive Rechte, Bildung sowie Kinderschutz ein. Mit einer Patenschaft helfen Sie, die Lebenssituation für die Kinder und Familien in den Plan-Projektgebieten in Togo langfristig zu verbessern. Zum Beispiel durch Schulungen für Lehrkräfte und Eltern, damit Schulen zu sicheren Lernumgebungen für Kinder werden, durch den Bau neuer Klassenzimmer, Spielplätze und geschlechtergerechter Toiletten oder durch die Gründung von Spar- und Kreditgruppen, die Frauen wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichen.

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