Lernen in erreichbarer Nähe
K’iche’ ist eine der indigenen Gemeinschaften in Guatemala, der auch Kimberly angehört. Die 13-Jährige lebt im ländlichen Distrikt Quiché, und wie viele andere Kinder in ihrem Dorf beendete sie die Grundschule mit einer Lebensfrage: Wie geht es weiter? Eine weiterführende Schule gibt es vor Ort nicht, doch die nächste ist mehr als anderthalb Stunden Fußweg entfernt. „Es gibt keine Verkehrsmittel“, sagt sie. „Und zu Fuß ist es gefährlich.“
Kimberlys Situation ist kein Einzelfall. Der Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe ist einer der kritischsten Punkte im Bildungssystem in Guatemala, insbesondere in ländlichen, indigenen Regionen. Und insbesondere für Mädchen. Für viele von ihnen bedeutet das Ende der Grundschule faktisch auch das Ende ihrer formalen Schulbildung.
Als Kimberly von einem neuen Bildungsangebot in ihrer Gemeinde hört, ist sie sofort interessiert. Es handelt sich nicht um eine klassische Schule, sondern um ein flexibles Lernmodell, das an die Lebensrealitäten der Jugendlichen und ihre Verpflichtungen angepasst ist.
Herausforderungen im Alltag
In ländlichen Gemeinden Guatemalas sind Schulabbrüche selten Ausdruck von mangelndem Willen. Häufig entscheiden strukturelle Faktoren über Bildungswege: lange Schulwege, fehlende Transportmöglichkeiten, Sicherheitsrisiken, ökonomische Zwänge, familiäre Arbeitsverpflichtungen und geschlechtsspezifische Erwartungen. Hinzu kommt das Bildungssystem selbst: Es ist überwiegend spanischsprachig organisiert, während viele Kinder mit K’iche’ oder einer anderen von insgesamt 22 Maya-Sprachen aufwachsen. Dies erschwert nicht nur den Zugang zu Lerninhalten, sondern auch die Zugehörigkeit zu einem System, das ihre kulturellen Wissensformen nicht vollständig berücksichtigt.
Kimberlys Mutter María besuchte selbst nur ein Jahr lang die Schule. Ihre älteren Töchter konnten nach der sechsten Klasse nicht weiterlernen. Umso klarer erkennt sie nun die Bedeutung dieses Bildungsangebots, das sich Kimberly bietet: „Ich erinnere sie immer daran, dass Bildung sehr wertvoll ist.“
Ein höherer Schulabschluss wird weniger als ein Mittel zum individuellen Aufstieg verstanden, sondern vielmehr als langfristige Ressource – eingebettet in familiäre Verantwortung und kollektive Zukunftsvorstellungen. Einschließlich der Hoffnung, dass die eigene Tochter später etwas zum Leben und Überleben der Familie beitragen kann.
„Ich erinnere sie immer daran, dass Bildung sehr wertvoll ist.“
Bildung und Indigenität
Das Departement Quiché liegt im westlichen Hochland Guatemalas und ist mehrheitlich von indigenen Maya-Gemeinschaften geprägt, insbesondere von Sprecher:innen der K’iche’-Sprache. Diese Region ist historisch wie politisch mehrfach marginalisiert. Die Folgen kolonialer Enteignung, jahrzehntelanger struktureller Diskriminierung und des bewaffneten Konflikts (1960–1996), der hier besonders verheerend wütete, sind bis heute spürbar, auch im Bildungsbereich.
Schulabbrüche sind in Quiché Ausdruck eines Systems, das Bildung räumlich, sprachlich und sozial ungleich verteilt. Viele Gemeinden verfügen lediglich über Grundschulen. Weiterführende Schulen liegen oft mehrere Stunden Fußweg entfernt, öffentliche Verkehrsmittel sind unzuverlässig oder nicht vorhanden, und die Wege können, insbesondere für Mädchen, mit realen Sicherheitsrisiken verbunden sein. Bildung findet hier nicht in einem neutralen Raum statt. Sie ist eingebettet in lokale Lebensweisen, ökonomische Realitäten und kulturelle Ordnungen.
Bildung als Beziehung
Bildung bedeutet bei vielen indigenen Gemeinden in Guatemala meist mehr als ein Schulgebäude und Lehrpläne. Vielmehr entsteht Lernen hier in Beziehungen – zwischen Kindern, ihren Familien, Lehrkräften und der Gemeinschaft. In vielen Regionen des mittelamerikanischen Landes wird Wissen im Alltag weitergegeben, gemeinschaftlich und über Generationen hinweg.
Schule steht deshalb nicht außerhalb dieser tradierten Wissensformen, sondern durchaus in einem spannungsvollen Verhältnis dazu. Wenn dieser Kontext ignoriert wird, entstehen Brüche auf dem Bildungsweg der Schulkinder. Hier bieten neue, flexible Formen des Lernens eine Chance, um Kinder aus indigenen Gemeinsachften anschlussfähig zu machen.
Flexibles Lernen
Das Programm „Generation mit Chancen“, umgesetzt von Plan International, richtet sich gezielt an Jugendliche und junge Erwachsene in ländlichen Regionen. Der Unterricht findet einmal pro Woche statt, in Gemeindezentren oder anderen öffentlichen Räumen, die für die Mädchen und Jungen gut erreichbar sind. Dieser flexible Ansatz erkennt an, dass Jugendliche in ländlichen Gemeinden Verantwortung tragen – in der Familie, in der Landwirtschaft, im Haushalt –, und dass Bildung nur dann zugänglich ist, wenn sie diese Verantwortung berücksichtigt.
„Durch eine Vereinbarung mit dem Bildungsministerium können wir dieses flexible Angebot ermöglichen“, erklärt Mynor Morales, Bildungsfachmann bei Plan International Guatemala. Lehrkräfte werden gestellt, Materialien bereitgestellt, und die Inhalte orientieren sich an nationalen Bildungsstandards, ohne dabei die lokalen Kontexte auszublenden.
„Anfangs hatte ich keine Lernmaterialien. Erst der Lehrer stellte mir Heft und Buch zur Verfügung.“
Das Recht zu lernen
Zu Beginn des Unterrichts hatte Kimberly keine Schulmaterialien. Durch das Projekt wurden ihr die notwendigen Hefte, Bücher und Stifte zur Verfügung gestellt. Materielle Ausstattung ist hier mehr als funktionale Unterstützung, sie markiert Zugehörigkeit zum Lernprozess.
Kimberly lernt gern. Besonders Mathematik hat es ihr angetan. „Ich möchte mein Leben durch Lernen verbessern“, sagt sie. „Und ich möchte meinen Eltern helfen.“ Kimberlys Worte spiegeln eine Haltung wider, die viele Jugendliche in Quiché teilen: Bildung als Mittel zur Selbstbestimmung.
Strukturelle Wirkung
Das Programm ist Teil einer langfristigen Präsenz von Plan International in Quiché. Seit 2010 arbeitet die Kinderrechtsorganisation in der Region. Im Fokus stehen nicht nur schulische Abschlüsse, sondern auch der Übergang in die Sekundarstufe, die Senkung von Abbrecherquoten und die Vermittlung praktischer Kompetenzen in Produktivität, beruflicher Orientierung und wirtschaftlicher Selbstständigkeit.
Kimberly weiß, dass viele Mädchen vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie sie. Ihre Hoffnung richtet sich nicht nur auf sich selbst, sondern auf andere Kinder in ländlichen Gemeinden. „Ich hoffe, dass sie weiterlernen und ihre Träume verwirklichen können“, sagt sie.
Die Geschichte von Kimberly wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Guatemala aufgeschrieben.