FGM/C – Nicht nur Frauensache!
Die weibliche Genitalverstümmelung ist ein reines „Frauenthema“? Weit gefehlt, denn diese schwere Menschenrechtsverletzung, ausgelöst durch das sogenannte „female genital mutilation/cutting“ (FGM/C) lässt sich nur gemeinsam mit den Männern beenden.
Als Väter, religiöse Führer oder engagierte Mitglieder ihrer Gemeinschaften prägen sie Entscheidungen und gesellschaftliche Normen – sowohl in den Herkunftsländern als auch in der Diaspora; also jene Gruppen von Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und nun als Minderheit in anderen Ländern leben. Welche Verantwortung sie tragen und wie sie aktiv zum Schutz von Mädchen beitragen können, stand im Mittelpunkt der Paneldiskussion in Hamburg am 5. Februar 2026.
Auf dem Podium diskutierten Amadou Corrah, Koranlehrer aus Gambia, der heute in Bremen lebt und innerhalb religiöser Gemeinschaften Aufklärungsarbeit gegen FGM/C leistet, sowie Pastor Andrew Buraje aus Kenia, Theologe, Gesundheits- und Krankenpfleger, der in Nordrhein-Westfalen lebt und Glauben, medizinische Prävention und Kinderschutz miteinander verbindet. Ebenfalls auf dem Podium saß Franz Kapnang, Betriebswirt aus Kamerun, der sich seit vielen Jahren als Aktivist gegen FGM/C engagiert und gemeinsam mit seiner Frau den Berliner Verein Mama Afrika leitet. Künstlerische und aktivistische Perspektiven brachte Bai Babou ein – Musiker und Rapper aus Gambia, der mit seiner Musik Aufklärung über weibliche Genitalverstümmelung und Zwangsheirat betreibt. Komplettiert wurde das Panel durch Edell Otieno-Okoth, Referentin für FGM/C bei Plan International Deutschland. Sie brachte die fachliche Einordnung sowie die Perspektive der Programm- und Präventionsarbeit in Deutschland ein.
Weibliche Genitalverstümmelung ist keine religiöse Pflicht
Ein zentrales Thema des Podiumsgesprächs war die weit verbreitete Annahme, FGM/C sei eine religiöse Pflicht – insbesondere im Islam. Dem widersprach Koranlehrer Amadou Corrah entschieden. In seiner Arbeit erlebe er immer wieder, wie tief dieses Missverständnis verankert sei – obwohl es keine Grundlage habe: „Der Koran hat nicht gesagt, dass Mädchen beschnitten werden sollen.“ Für ihn sei klar, dass Traditionen hinterfragt werden müssten, wenn sie Kindern schadeten. „Die Welt hat sich verändert. Was man früher gemacht hat, muss man heute nicht mehr machen. Beschneiden ist inakzeptabel. Die Folgen für Mädchen und Frauen sind ein Leben lang spürbar.“
Auch Pastor Andrew Buraje machte aus theologischer Perspektive deutlich, dass FGM/C mit religiösen Werten unvereinbar ist. Es gebe in der Religion keine Rechtfertigung für diese Praxis. „Die Bibel sagt: Gott schützt die Schwachen.“ Körperverletzung an Mädchen sei unmenschlich und könne nicht im Namen des Glaubens legitimiert werden. Religiöse Führungspersönlichkeiten trügen daher eine besondere Verantwortung, offen Stellung zu beziehen und Männer zu ermutigen, Nein zu sagen. „Als Mann, als Vater, als Bruder muss ich mich fragen: Wie kann ich damit leben, wenn meine Frau, Tochter, Schwester verstümmelt ist?“
„FGM/C gehört nicht zum Islam, hat nichts mit Religion zu tun.“
Anschließend ordnete Edell Otieno-Okoth die Aussage fachlich ein. Es gebe muslimische Betroffene, aber auch Betroffene, die anderen Religionen angehörten. „FGM/C gehört nicht zum Islam, hat nichts mit Religion zu tun“, betonte sie. Die häufige Verknüpfung mit dem muslimischen Glauben sei eine Schein-Assoziation, die die Präventionsarbeit massiv erschwere. Sie lenke den Blick von anderen betroffenen „Communitys“ ab, verstärke Vorurteile und bringe Betroffene zum Schweigen. Umso wichtiger sei es, glaubwürdige religiöse Stimmen einzubeziehen, die mit Fakten widersprechen – so wie auf diesem Podium.
„Aber es gibt sie, die Männer, die sich Zeit nehmen und verstehen wollen.“
Männer als Schlüssel für Veränderung
Mehrfach wurde deutlich: Männer spielen eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung von FGM/C – als Väter, als Ehemänner, als religiöse Führer oder Vorbilder in ihren Gemeinschaften.
Franz Kapnang schilderte seine persönliche Motivation: Ursprünglich aus Kamerun stammend, lernte er FGM/C erst durch seine Frau und das Engagement seiner Schwiegermutter kennen. Die beiden stammen aus Guinea – einem Land, in dem weibliche Genitalverstümmelung weit verbreitet ist. Seine Schwiegermutter gründete den Verein Mama Afrika, den seine Frau und er nach ihrem Tod übernahmen.
„Niemand fasst unsere Töchter an!“
„Als ich erfuhr, wofür sich meine Schwiegermutter engagiert, habe ich gefragt: Was ist das?“, berichtet Kapnang. Er habe recherchiert, sich informiert und versucht zu verstehen, welche gesundheitlichen und lebenslangen Folgen FGM/C für Mädchen und Frauen hat – und ob es einen Grund gebe, warum es notwendig sei. Einen Grund habe er nicht finden können und mit dem Wissen um die Folgen habe er sofort gesagt: „Niemand fasst unsere Töchter an!“
FGM/C-Aktivist Kapnang betonte zudem, wie wichtig es ist, nicht mit Schuldzuweisungen zu kommen, sondern vielmehr Aufklärung zu betreiben. Viele wüssten schlicht nicht, was FGM/C bedeute, oder hielten die Praxis für eine unveränderliche Tradition. „Wir ermutigen sie, zu sagen, dass nicht alle Traditionen weitergeführt werden müssen. Nicht alle werden es akzeptieren, es ist ein langer Prozess. Aber es gibt sie, diejenigen, die sich Zeit nehmen und verstehen wollen.“ Er erinnerte zudem daran, dass viele Männer in der Diaspora großen Einfluss auf Familien in ihren Herkunftsländern hätten: „Diese Macht können sie nutzen und sagen, sie wollen nicht, dass Mädchen beschnitten werden.“
Auch Musiker Bai Babou machte deutlich, wie er seine Plattform nutzt, um andere zu erreichen: „Ich bin überzeugt, dass FGM/C falsch ist. Und was falsch ist, kann niemals richtig sein.“ Mit seiner Musik wolle er informieren, nicht belehren – und so insbesondere junge Menschen für die Folgen des irreversibler Eingriffs sensibilisieren. Seine Botschaft verbinde Respekt vor Kultur und Religion mit der klaren Ablehnung der Praxis, die mehr schade als nütze.
Fragen aus dem Publikum: Schutzbrief und Prävention in Deutschland
Am Ende des Podiumsgesprächs konnten Fragen aus dem Publikum gestellt werden. Dabei ging es unter anderem um den Schutzbrief gegen weibliche Genitalverstümmelung der Bundesregierung sowie die Rolle von Jugendämtern bei der Prävention.
Edell Otieno-Okoth erklärte, der Schutzbrief könne helfen, Familien auf die strafrechtlichen Konsequenzen hinzuweisen – auch, wenn FGM/C im Ausland durchgeführt wird. „Es gibt keine Garantie, dass er Kinder schützt. Aber es ist eine Hilfe.“
Zur Frage, wie Jugendämter helfen können, waren sich die Plan-Expertin und Franz Kapnang einig: Fachkräfte sollten sich schulen lassen und sensibel kommunizieren. „Wenn man das Gefühl hat, dass die Familie Informationen braucht, können sie Materialien wie unsere Broschüre mitgeben“, sagte Edell Otieno-Okoth. Wenn ein Verdacht sich verhärte, wünsche sie sich jedoch ein Einschreiten: „Lieber einmal zu viel tun als zu wenig. Denn wenn ein Kind beschnitten ist, ist es nicht mehr rückgängig zu machen.“
„Ich wünsche mir, dass FGM auf der ganzen Welt verboten ist.“
Ein gemeinsamer Appell
Das Panel machte deutlich: Männer können starke Verbündete im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung sein. Vorbildfunktion und Aufklärung sind zentrale Hebel. Amadou Corrah forderte stärkere politische Konsequenzen: „Die Bundesregierung sollte hart bestrafen, auch wenn es in einem anderen Land passiert.“ Und Pastor Buraje ergänzt: „Körperverletzung an Mädchen ist eine Verletzung ihrer Rechte.“
Edell Otieno-Okoth sagte zum Abschluss sichtlich bewegt: „Man findet tausende von Frauen, die bereit sind, darüber zu sprechen. Aber Männer – das ist schwierig. Danke an die Männer, die gekommen sind.“ Sie sei stolz und berührt, Männer zu sehen, die sich bei einem so schwierigen Thema so engagiert zeigten. „Mein Wunsch ist es, mehr Männer für den Kampf gegen FGM/C zu gewinnen, denn ich bin fest davon überzeugt, dass sie eine entscheidende Rolle spielen.“ Sie wünsche sich zudem mehr Ressourcen für die Aufklärung und Prävention.
Franz Kapnang appellierte eindringlich: „Ohne uns Männer kann FGM nicht beendet werden.“ Und Bai Babou ergänzte: „Ich wünsche mir, dass FGM auf der ganzen Welt verboten ist. Ich bin froh, einen Teil dazu beitragen zu können.“
Plan International setzt sich seit über 20 Jahren weltweit und in Deutschland gegen weibliche Genitalverstümmelung ein – durch Aufklärung, Community-Arbeit und politische Advocacy. Das Podiumsgespräch zeigte eindrücklich: Wenn Männer Verantwortung übernehmen, kann nachhaltiger Wandel gelingen.