Wie falsche Versprechen zur Falle wurden

Foto: Patrice Zongo

Mit elf Jahren verlässt Aline* die Schule, um Geld zu verdienen und ihre Mutter zu unterstützen. Auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive gerät sie mehrfach an Menschen, die ihre Situation ausnutzen. Heute kann sie trotzdem positiv in die Zukunft blicken.

Aline wächst mit ihrer Mutter in einem kleinen Dorf in der Region Djôrô im Südwesten Burkina Fasos auf. Ihr Vater stirbt, als sie noch ein Kind ist. Obwohl ihre Mutter jeden Tag versucht, die Familie zu versorgen, bleibt ihre wirtschaftliche Situation schwierig. Aline möchte sie unterstützen. „Ich habe die Schule mit elf Jahren verlassen, um Arbeit zu suchen“, erzählt sie. „Wie andere Mädchen in meinem Alter wollte ich Geld verdienen.“

Die Hoffnung auf eine Ausbildung

Eine Tante, die in der Stadt lebt, fragt Alines Mutter, ob das Mädchen sie besuchen und bei der Betreuung ihres Babys helfen könne. Zugleich stellt sie Aline in Aussicht, sie später zu einer Ausbildung anzumelden. Aline hat zu diesem Zeitpunkt bereits einen Berufswunsch: Sie möchte lernen, traditionelle Kleider zu weben. „Ich freute mich darauf, meine Tante zu besuchen, weil ich dachte, dass ich bald meine Ausbildung beginnen könnte“, sagt sie.

Aline steht in ihrer Gemeinde in Burkina Faso
Aline lernt das Weben traditioneller Kleidung und verfolgt damit ihren Wunsch, sich beruflich eine eigene Perspektive aufzubauen Patrice Zongo

Doch das Versprechen erfüllt sich nicht. Aline betreut das Kind ihrer Tante und erledigt umfangreiche Hausarbeit. „Manchmal hatte ich Schwierigkeiten, genug Schlaf zu bekommen“, berichtet sie. Was als Aussicht auf eine Ausbildung begonnen hat, wird zu ausbeuterischer Haus- und Sorgearbeit.

Zwei Jahre Arbeit statt Ausbildung

Aline erzählt ihrer Mutter, wie es ihr bei der Tante ergeht. Ihre Mutter wendet sich daraufhin an Plan International. Mitarbeitende suchen zunächst das Gespräch mit der Tante. An Alines Situation ändert sich jedoch nichts. Daraufhin werden von Plan International unterstützte Sozialarbeiter:innen einbezogen. Auch nach deren Intervention darf Aline zunächst nicht nach Hause zurückkehren. Erst nach wiederholtem Drängen stimmt die Tante der Rückkehr zu. Zu diesem Zeitpunkt hat Aline zwei Jahre bei ihr gelebt. 

Nach ihrer Rückkehr unterstützt Plan International die Jugendliche dabei, eine Ausbildung im Weben zu beginnen. Damit kann sie erstmals den Beruf erlernen, die sie sich schon vor ihrem Aufenthalt bei ihrer Tante gewünscht hat.

Doch schon bald wird ihr Ausbildungsweg erneut unterbrochen.

Erneut mit falschen Versprechen getäuscht

Aline ist 14 Jahre alt, als eine ältere Mitschülerin und Freundin sie zu sich nach Hause einlädt. Die Freundin ist mit einem Mann verheiratet, der im handwerklichen Goldabbau arbeitet. Gemeinsam stellen sie Aline einen Freund und Arbeitskollegen des Mannes vor. Die drei versprechen Aline ein vermeintlich leichtes Leben. Sie werde alles bekommen, was sie wolle, müsse keinen Beruf erlernen und nicht mehr arbeiten. 

Als Aline in das Haus des Mannes kommt, sperrt er sie ein und verhindert, dass sie zu ihrer Familie zurückkehrt.

„Als ich zu ihm ging, sperrte er mich ein. Er wollte nicht, dass ich zurück nach Hause ging. Ich durfte mit niemand anderen sprechen.“

Aline (16), über die Zeit ihrer Isolation

Zunächst erkennt Aline nicht, wie gefährlich die Situation ist. Das ändert sich, als Aline bemerkt, dass die Beteiligten jeden Kontakt zu ihrer Familie verhindern. „Zuerst hatte ich keine Angst“, erklärt Aline. „Aber als ich merkte, dass sie jeden Kontakt zu meiner Mutter unterbanden, wusste ich, dass ich gefangen war.“

Während Aline festgehalten wird, suchen ihre Mutter und Mitglieder ihrer Gemeinschaft gemeinsam mit Unterstützung von Plan International nach ihr. Schließlich finden sie die Jugendliche. Aline kann das Haus verlassen und darf zu ihrer Familie zurückkehren. „So wurde ich aus meinem Gefängnis befreit“, sagt sie. Nach ihrer Rückkehr nimmt Aline ihre Ausbildung wieder auf.

Zurück in die Ausbildung

Vor rund drei Jahren hat Aline damit begonnen, das Weben traditioneller Kleidung zu erlernen. Nachdem sie zu ihrer Familie zurückgekehrt war, nahm sie die unterbrochene Ausbildung wieder auf. In der Ausbildung eignet sie sich die Fähigkeiten an, mit denen sie später ein eigenes Einkommen erzielen und ihre Familie unterstützen möchte. Ein Abschluss kann ihr neue berufliche Möglichkeiten eröffnen. Für Aline bedeutet die Ausbildung aber auch, an einem Ziel weiterzuarbeiten, das sie trotz der Unterbrechung nicht aufgegeben hat.

Berufliche Perspektiven für junge Menschen

Viele junge Menschen in der Region Djôrô stehen vor erheblichen wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen. Besonders in ländlichen Gebieten gibt es nur wenige Möglichkeiten für qualifizierte Beschäftigung. Ein großer Teil der Beschäftigung gehört zum informellen Sektor und ist von unsicheren Arbeitsbedingungen geprägt. Für Mädchen kommen geschlechtsspezifische Erwartungen und der Druck, früh zum Familieneinkommen beizutragen, den Zugang zu Bildung und Ausbildung zusätzlich erschweren. Manche verlassen deshalb vorzeitig die Schule und suchen in größeren Städten nach Arbeit. Ohne sichere Beschäftigungsangebote und verlässliche Ansprechpersonen kann das Risiko steigen, getäuscht, ausgebeutet oder von Menschenhandel und anderen Formen von Gewalt betroffen zu sein.

Plan International unterstützt gemeinsam mit lokalen Akteur:innen technische und berufliche Ausbildungsangebote in der Region. Die Programme vermitteln Fähigkeiten unter anderem im Handwerk, in der Schneiderei und in der Landwirtschaft. Sie sollen jungen Menschen ermöglichen, eine anerkannte berufliche Qualifikation zu erwerben und eigene Einkommensmöglichkeiten zu entwickeln. 

Aline ist von hinten in einer ländlichen Umgebung zu sehen
Aline möchte ihre Ausbildung abschließen und eines Tages ein eigenes Unternehmen gründen Patrice Zongo

Aline will ihre Zukunft selbst gestalten

Auch Alines Ausbildung im Weben wird im Rahmen dieses Projekts unterstützt. Sie möchte das Gelernte nutzen, um ihren Lebensunterhalt künftig selbst bestreiten und ihre beruflichen Pläne umzusetzen. „Ich halte weiter an meinem Traum fest“, sagt sie. „Ich bin fest entschlossen, hart zu arbeiten, meine Ausbildung abzuschließen und mein eigenes Unternehmen zu gründen.“

*Der Name wurde zum Schutz der Identität geändert
Alines Geschichte wurde mit Material aus dem Plan-Büro in Burkina Faso erstellt.

Gezielt Mädchen stärken

Plan International setzt sich weltweit für den Schutz, die Bildung, Gesundheit, politische Teilhabe und wirtschaftliche Stärkung von Mädchen und jungen Frauen ein. Denn in vielen Ländern sind sie von Geburt an mit größeren Benachteiligungen konfrontiert als Jungen.

Mit Ihrer Spende in den Mädchen-Fonds unterstützen Sie Projekte, die Armut, Benachteiligung und Gewalt gezielt bekämpfen und Mädchen und Frauen dabei stärken, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Seit 2003 trägt der Fonds dazu bei, ihre Rechte zu stärken und ihnen bessere Zukunftsperspektiven zu eröffnen.

Jetzt unterstützen

Sie mögen diesen Artikel? Teilen Sie ihn gerne.