Humanitäre Helfer:innen unter Druck
Der heutige Welttag der humanitären Hilfe steht im Zeichen größter globaler Spannungen: Die Zahl der Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf 252 Millionen verdoppelt. Die Zahl der Krisen nimmt dramatisch zu: Derzeit werden 65 innerstaatliche Konflikte in 35 Ländern gezählt - die höchste Zahl seit 1946. Dieses Jahr ist das gewaltsamste seit dem Ende des Kalten Krieges. Gleichzeitig sinken die Ausgaben für die humanitäre Hilfe unter das Niveau von 2016. Allein Deutschland hat die Mittel im Vergleich zu 2024 auf eine Milliarde Euro halbiert.
Das ist die Ausgangslage für die vielen humanitären Helfer:innen, die sich der Unterstützung derjenigen verschrieben haben, die unter den Auswirkungen zu leiden haben: Kinder und Erwachsene ohne Schutz, auf der Flucht, mit Hunger und in Lebensgefahr. Die aktuelle Lage zwingt humanitäre Akteur:innen zunehmend, unter Triage-Bedingungen zu entscheiden. Das bedeutet: Sie müssen diejenigen Menschen auswählen, welche Hilfe erhalten und welche nicht. Das führt zu extremer psychischer Belastung und ist schwer mit dem Prinzip der Menschlichkeit vereinbar und dem eigenen Anspruch, Leid zu lindern. Ausgerechnet diejenigen, die sich aus innerem Antrieb für diese Art der Arbeit entschieden haben.
Dazu kommt, dass neue Notlagen mit langanhaltenden Krisen konkurrieren. Das System ist strukturell überlastet und die Hürden für die Helfer:innen enorm. Gleichzeitig sind auch sie direkt Betroffene der Konflikte: Die Zahl der getöteten Helfer:innen im vergangenen Jahr ist mit 350 weiter auf einem Allzeithoch. 322 wurden verwundet und 235 entführt.
Wie die Arbeit von humanitären Helfer:innen aussieht, weshalb sie sich ihrer Aufgabe verschrieben haben und sie trotz aller Widrigkeiten weitermachen, das schildern stellvertretend für die vielen anderen Kolleg:innen weltweit die Plan-Mitarbeitenden Alromisaa, Kinderschutzbeauftragte bei Plan International Sudan und Mohammad, Projektkoordinator bei Plan International Libanon.
Stimme aus Sudan: Alromisaa über Kinderschutz und humanitäre Hilfe
Alromisaa, warum hast Du Dich entschieden, in der humanitären Hilfe zu arbeiten?
Ich habe mich für die humanitäre Arbeit entschieden, weil ich Teil von etwas sein wollte, das einen echten Unterschied im Leben von Menschen macht – insbesondere für Kinder und Familien, die sich in Situationen befinden, die sie sich nie ausgesucht haben. Die Arbeit als Kinderschutzbeauftragte bei Plan International Sudan hat mir ermöglicht, Kinder und Familien zu unterstützen, die von Vertreibung und Krisen betroffen sind, in unterschiedlichen Kontexten, unter anderem in Kassala und im Northern State.
„Schutz bedeutet nicht nur, auf einen akuten Bedarf zu reagieren, sondern einem Kind zu helfen, sich wieder sicher, gehört und wertgeschätzt zu fühlen.“
Gibt es eine Erfahrung, die Dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Eine Erfahrung, die mich tief geprägt hat, war die Unterstützung von vertriebenen Kindern und Familien, die aus Darfur nach Kassala und Ad Dabba im Northern State gekommen waren. Viele von ihnen waren tagelang unterwegs gewesen, teilweise unter äußerst schwierigen Bedingungen, bevor sie schließlich einen Ort erreichten, von dem sie hofften, dass er sicher sei. Als sie ankamen, waren sie erschöpft, unsicher darüber, was als Nächstes geschehen würde, und trugen die emotionalen Folgen all dessen mit sich, was sie auf dem Weg erlebt hatten.
Zu sehen, wie Kinder nach solchen langen Reisen ankamen und versuchten, sich an eine völlig neue Umgebung anzupassen, ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Viele hatten ihr Zuhause, ihr Sicherheitsgefühl, ihre Routinen und manchmal auch Familienangehörige oder die Menschen und Dinge verloren, die ihnen Stabilität gegeben hatten. Das hat mich daran erinnert, dass Schutz nicht nur bedeutet, eine Dienstleistung bereitzustellen oder auf einen akuten Bedarf zu reagieren, sondern auch, einem Kind zu helfen, sich wieder sicher, gehört, respektiert und wertgeschätzt zu fühlen.
Es gab Momente, in denen ich nach Hause ging und die Geschichten und Gefühle der Familien, die ich getroffen hatte, mit mir trug. Es ist nicht immer leicht, so viel Leid mitanzusehen, besonders wenn man weiß, dass viele dieser Kinder Dinge erlebt haben, die kein Kind jemals erleben sollte. Gleichzeitig erinnert mich die Stärke und Widerstandskraft dieser Kinder und Familien daran, warum ich diese Arbeit weiterhin mache. Auch wenn wir nicht alles ändern können, was sie durchgemacht haben, kann es einen bedeutenden Unterschied machen, für sie da zu sein, ihnen zuzuhören und ihnen zu helfen, die Unterstützung zu bekommen, die sie brauchen.
Welchen Bedrohungen und Gefahren bist Du in Deiner täglichen Arbeit ausgesetzt?
In der humanitären Hilfe im Sudan zu arbeiten bedeutet, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem Unsicherheit, Vertreibung, eingeschränkter Zugang und Ungewissheit Teil des Alltags sind. Die Betroffenen zu erreichen, kann schwierig und manchmal unvorhersehbar sein, und es gibt immer Sorgen um die Sicherheit der Mitarbeitenden und der Menschen, die wir unterstützen wollen.
Die Situation ist in letzter Zeit deutlich schwieriger geworden. Der humanitäre Bedarf ist erheblich gestiegen, während der Handlungsspielraum und die Bedingungen für die Leistung von Hilfe schwieriger geworden sind. Als humanitäre Helfer:innen müssen wir manchmal unser Engagement, Menschen zu erreichen, mit der Verantwortung abwägen, uns selbst und unsere Kolleg:innen zu schützen.
Wie gehst Du persönlich – und Dein Team – mit den Risiken um, die diese Arbeit mit sich bringt?
Wir wissen, dass Angst und Unsicherheit zur humanitären Arbeit gehören, besonders in Sudan. Ich persönlich gehe damit um, indem ich informiert bleibe, Sicherheitsverfahren befolge, engen Kontakt zu meinem Team halte und mich auf das konzentriere, was ich kontrollieren kann.
Die emotionale Belastung kann schwer sein, besonders wenn wir Kinder und Familien leiden sehen. Wir unterstützen uns als Team gegenseitig, sprechen offen über unsere Sorgen, achten aufeinander und stellen sicher, dass sich niemand allein fühlt. Kolleginnen und Kollegen zu haben, die die Realität dieser Arbeit verstehen, gibt uns die Kraft, weiterzumachen – selbst an den schwierigsten Tagen.
„Vor allem hoffe ich, dass humanitäre Helfer:innen eines Tages nicht mehr so viel riskieren müssen, nur um Menschen beim Überleben zu helfen.“
Was würde Dir helfen, Deine Arbeit sicherer und leichter machen zu können?
Wir brauchen stärkere Unterstützung. Gute Sicherheitssysteme, zuverlässige Kommunikationsmöglichkeiten, sicherer Zugang zu den Gemeinschaften, ausreichende Ressourcen und realistische Planung sind essenziell.
Ich glaube aber auch, dass dem emotionalen Wohlbefinden humanitärer Helfer:innen viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Wir verbringen so viel Zeit damit, uns auf die Bedürfnisse der Gemeinschaften zu konzentrieren, denen wir dienen – und das zu Recht –, aber humanitäre Helfer:innen tragen ebenfalls eine große emotionale Last. Zugang zu psychosozialer Unterstützung, Möglichkeiten zur Ruhe und Erholung sowie eine Organisationskultur, in der man sagen kann: „Ich habe Schwierigkeiten“, helfen, diese Arbeit gesünder und sicherer zu leisten.
Was sind Deine Wünsche für die Zukunft: für Dich selbst, für die Menschen in Deinem Land und für die humanitäre Hilfe insgesamt?
Mein größter Wunsch ist einfach: dass sudanesische Kinder in Sicherheit aufwachsen können, bei ihren Familien, zur Schule gehen, spielen und von ihrer Zukunft träumen können, anstatt sich um Vertreibung, Gewalt oder das Überleben sorgen zu müssen.
Für mich selbst hoffe ich, weiter zu lernen und Kindern und Familien zu dienen, die von Krisen betroffen sind. Ich möchte jemand bleiben, der auch unter schwierigen Umständen einen Beitrag leisten kann.
Für die humanitäre Hilfe hoffe ich, dass wir mehr Menschen sicher und würdevoll erreichen können und dass die Stimmen der betroffenen Gemeinschaften immer im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen. Vor allem hoffe ich, dass humanitäre Helfer:innen eines Tages nicht mehr so viel riskieren müssen, nur um Menschen beim Überleben zu helfen. Wir sollten auf eine Zukunft hinarbeiten, in der Menschen überhaupt keine humanitäre Hilfe mehr benötigen und jedes Kind die Chance auf ein sicheres und hoffnungsvolles Leben hat.
„Bildung, Sicherheit und Schutz sind keine Privilegien, sondern grundlegende Menschenrechte.“
Humanitäre Hilfe in Libanon: Mohammad über Vertreibung, Schutz und Verantwortung
Mohammad, warum hast Du Dich entschieden, in der humanitären Hilfe zu arbeiten?
Ich habe mich entschieden, in der humanitären Hilfe zu arbeiten, weil ich eine starke Verantwortung empfinde, gefährdete Gemeinschaften zu unterstützen und einen bedeutenden Unterschied im Leben der Menschen zu machen. Schon als ich jung war, hat es mir das Herz gebrochen, wenn ich einen älteren Menschen gesehen habe, der Schwierigkeiten hatte, Nahrung zu finden, oder ein Kind, das auf der Straße arbeiten musste. Ich hatte immer das Gefühl, dass sich etwas ändern muss, und heute kann ich durch unsere Arbeit sehen, welche Wirkung selbst kleine Maßnahmen haben können.
Gibt es eine Erfahrung, die Dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Es war in einer Notunterkunft während des Krieges. Ich sah Kinder, die versuchten zu spielen und sich an eine völlig neue Umgebung anzupassen, ohne das Gefühl von Sicherheit, das jedes Kind verdient. Nur wenige Meter entfernt saß ein vertriebenes junges Mädchen mit seiner Schultasche und seinen Büchern und lernte. Es wusste nicht, ob es jemals in seine Schule zurückkehren würde, und doch hielt es an dem fest, was ihm noch vertraut war. Das hat mich daran erinnert, dass Bildung, Sicherheit und Schutz keine Privilegien sind, sondern grundlegende Menschenrechte.
Welchen Bedrohungen und Gefahren bist Du in Deiner täglichen Arbeit ausgesetzt?
Seit 2024 haben anhaltende Vertreibung, andauernde Feindseligkeiten, Unsicherheit und sich verändernde Sicherheitslagen die humanitäre Arbeit zunehmend erschwert. Im Einsatz haben wir Bedürfnisse erlebt, die weit über das hinausgehen, was derzeit bewältigt werden kann, während wir gleichzeitig die emotionale Last tragen, die Geschichten der Menschen über Verlust, Vertreibung, zerstörte Häuser und den Verlust ihres Sicherheitsgefühls anzuhören.
Gleichzeitig erlebte ich selbst mit meiner Familie Vertreibung, darunter meine junge Nichte, die sich in medizinischer Behandlung befand, und ein Säugling. Einer der schwierigsten Momente für mich war, meiner Verlobten sagen zu müssen, dass ihr Zuhause zerstört worden war. Sie hatte ihr Sicherheitsgefühl verloren, während ich zugleich weiterhin in einem Notfall arbeiten und stark für meine Familie und meine Gemeinschaft bleiben sollte.
Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass humanitäre Helfer:innen ebenfalls Menschen sind, die ihre eigenen Ängste und Verluste mit sich tragen, während sie versuchen, andere zu unterstützen.
Wie gehst Du persönlich – und Dein Team – mit den Risiken um, die diese Arbeit mit sich bringt?
Wir versuchen, so gut wie möglich über die Sicherheitslage auf dem Laufenden zu bleiben, und planen unsere Bewegungen sorgfältig entsprechend der verfügbaren Sicherheitsmaßnahmen und Empfehlungen. Wir unterstützen uns gegenseitig als Team und versuchen, auf die Menschen fokussiert zu bleiben, die unsere Hilfe brauchen.
Die Sorge verschwindet jedoch nie ganz. Wenn die Lage instabil und unvorhersehbar bleibt. Selbst nach einer Waffenruhe lernt man, diese Unsicherheit mit sich zu tragen und trotzdem weiterzuarbeiten.
Was würde Dir helfen, Deine Arbeit sicherer und leichter machen zu können?
Klare und zeitnahe Sicherheitsinformationen, starke Schutzmaßnahmen und fortlaufende Unterstützung für das Wohlergehen humanitärer Helfer:innen sind essenziell. Humanitäre Helfer:innen müssen das Gefühl haben, dass ihre Sicherheit und ihr emotionales Wohlbefinden genauso wertgeschätzt werden wie die Arbeit, die sie für andere leisten.
Was sind Deine Wünsche für die Zukunft: für Dich selbst, für die Menschen in Deinem Land und für die humanitäre Hilfe insgesamt?
Mein Wunsch ist Stabilität, Sicherheit und Frieden für alle, besonders für mein Land. Ich hoffe, dass humanitäre Hilfe so lange fortgesetzt werden kann, wie Menschen sie brauchen, denn der Bedarf ist nach wie vor enorm. Für diejenigen, die Krieg und Vertreibung überlebt haben, wird es Jahre dauern, ihr Leben, ihre Häuser und ihr Sicherheitsgefühl wieder aufzubauen.