„Unsere Arbeit bedeutet ganz konkret: ein besseres Leben“
Frau Berner, Herr Winkelmeier, die Welt sieht neue Krisen und Kriege und gleichzeitig sinken die staatlichen Budgets für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit, auch hierzulande. Wie geht Plan International Deutschland damit um?
Petra Berner: Der Befund zur aktuellen Lage ist richtig und auch schmerzhaft. Deshalb haben wir früh auf die sich abzeichnenden Entwicklungen reagiert. So gibt es etwa eine neue Strategie, die eine klare Richtung vorgibt. Sie bekräftigt unseren Fokus auf Kinder und speziell Mädchen, sie stärkt unser Fundament, die Patenschaften, und zugleich unsere Arbeit in den Programmen. Gleichzeitig verleiht sie der Organisation die notwendige Agilität, um auf Veränderungen reagieren zu können. Durch die Einführung von innovativen Spendenprodukten etwa oder mit neuen Einnahmequellen. Gleichzeitig ist es mir aber auch wichtig, sich immer wieder klarzumachen, dass sich die Situation für Kinder in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt massiv verbessert hat.
Stephan Winkelmeier: Und daran hat Plan International ja auch maßgeblich mitgewirkt. So gibt es etwa einen Rückgang bei der Kindersterblichkeit und der Zahl der Kinderehen oder einen verbesserten Zugang zu Bildung. Das zeigt, dass unsere Arbeit wirkt und dass die Unterstützung durch unsere Pat:innen, Spender:innen sowie die staatlichen Geber nachhaltig ist. Auf dieser Weise schaffen wir es gemeinsam, das Leben von Kindern zu verbessern. Das tun wir sowohl bei den aktuellen Krisen als auch auf lange Sicht. Angesichts der Verschärfungen weltweit und auch hierzulande hat das Management von Plan International Deutschland die richtigen Antworten gefunden.
Petra Berner: Angesichts dieser Entwicklungen lohnt sich auch der Blick nach innen. Gerade in diesen herausfordernden Zeiten ist es ein starkes Zeichen, dass unsere Einnahmen stabil bleiben, ein Grund für echte Zuversicht.
„Unsere Arbeit zeigt, wie entscheidend Schule, Schutz und Gleichberechtigung für eine bessere Zukunft sind.“
Welche Rolle spielt die Förderung von Mädchenrechten heute, auch im Hinblick auf die globalen Krisen?
Petra Berner: Der Einsatz für Mädchenrechte ist hochaktuell. In vielen Teilen der Welt erleben wir, dass Errungenschaften wie Bildung, Teilhabe und Chancengleichheit gerade für Mädchen massiv zurückgedrängt werden. In Zeiten von Kriegen, Wirtschaftskrisen oder Klimakatastrophen sind sie es, die zuerst keinen Unterricht mehr bekommen, in Kinderehen gezwungen werden oder sexualisierte Gewalt erleben. Unsere Arbeit zeigt, wie entscheidend Schule, Schutz und Gleichberechtigung für eine bessere Zukunft sind. Damit uns das noch besser gelingt, haben wir den „Weltmädchenindex“ auf den Weg gebracht. In zwei Jahren werden die Ergebnisse vorliegen. Damit können wir konkrete Forderungen an die Regierung und die Zivilgesellschaft richten und gleichzeitig Mädchen mit unseren Projekten gezielter fördern.
Stephan Winkelmeier: Mädchenrechte zu fördern, ist nicht nur eine moralische Aufgabe, sondern auch der Schlüssel, um nachhaltig etwas zum Positiven zu verändern – weltweit. Wenn Mädchen Zugang zu Bildung haben und selbstbestimmt leben können, entwickeln sie sich zu echten Gestalterinnen von politischem und gesellschaftlichem Wandel. Ihre Förderung und ihr Schutz sind somit eine Investition in stabilere Gesellschaften, eine stärkere Demokratie und wirtschaftliches Wachstum. Am Ende profitieren wir alle davon. Einer Ihrer neuen Ansätze ist die Einführung innovativer Spendenprodukte.
Was hat es damit auf sich?
Petra Berner: Unser Projekt „Ein Platz für Leben“ in Kombination mit einem dafür entwickelten „Humanitäre-Hilfe-Baukasten“ hat für uns einen neuen Weg eröffnet. Mit diesem digitalen Produkt können Unterstützer:innen ganz gezielt entscheiden, was sie finanzieren möchten – seien es feste Unterkünfte, Sanitäranlagen oder Moskitonetze. Und all das für ein Geflüchtetencamp in Ura in Äthiopien, wo bis zu 30.000 Menschen Zuflucht vor dem Bürgerkrieg in Sudan finden. Mitte 2024 war in Ura noch wenig zu sehen. Doch bei meinem jüngsten Besuch im Sommer 2025 war ich tief beeindruckt: Ein Gesundheitszentrum, eine Schule und sichere Orte für Kinder – sie stehen heute dort und verändern das Leben der Menschen. Diese Momente machen den Erfolg nicht nur messbar, sondern unglaublich fühlbar.
„Wir setzen ganz bewusst auf die bewährten Patenschaften – sie sind der verlässliche und nachhaltige Rückhalt für unsere Arbeit.“
Stephan Winkelmeier: In Zeiten, in denen weltweit Regierungen ihre Mittel kürzen, werden private Spenden für die humanitäre Hilfe immer wichtiger. Projekte wie „Ein Platz für Leben“ sind wegweisend. Plan International Deutschland setzt zusätzlich ganz bewusst auf die bewährten Patenschaften – sie sind der verlässliche und nachhaltige Rückhalt für unsere Arbeit. Gleichzeitig erweitert die Organisation das Portfolio und baut Partnerschaften mit unterschiedlichsten Geber:innen aus. Genau diese Vielfalt ist der Schlüssel, um langfristig stark und widerstandsfähig zu bleiben. Aber, das ist auch klar: Die politische Lage verlangt, dass wir als Organisation weiter kreativ bleiben, wenn es darum geht, neue Mittel zu erschließen.
Petra Berner: Wir legen großen Wert darauf, die Wirkung unserer Projekte noch klarer nachzuweisen. Gleichzeitig entwickeln sich auch die Finanzierungsmodelle weiter: Geber:innen knüpfen ihre Mittel heute stärker an konkrete Ergebnisse. Das passt gut zu uns, denn wir messen unsere Wirkung schon lange sehr genau – und wollen sie künftig noch belastbarer belegen.
Sie setzen auch stark auf Partnerschaften – mit Unternehmen, Stiftungen und engagierten Bürger:innen. Was sind die Vorteile?
Stephan Winkelmeier: Ganz einfach: Starke Partner machen die Arbeit von Plan noch stärker. Dazu gehören etwa der Verbund „Joining Forces“, in dem sich Plan mit anderen großen Kinderrechtsorganisationen zusammengetan hat, sowie Projekte mit der GIZ, der PATRIP Stiftung, der adidas Foundation oder Melitta. Und natürlich die Partnerschaft mit der HELM AG, die ermöglicht, dass die Spieler des Fußball-Bundesligisten HSV das Plan-Logo auf ihrem Trikot-Ärmel tragen und uns damit Reichweite und neue Zielgruppen erschließen. Die Wege, die Plan hier eingeschlagen hat, setzen auf Wirkung und langjähriges gemeinsames Engagement.
Petra Berner: Dazu gehören auch unsere prominenten Unterstützer:innen. Zuletzt hatten wir die Freude, Caren Miosga in die Plan-Familie aufzunehmen. Sie und die vielen anderen Botschafter:innen tragen unsere Anliegen in die Gesellschaft und stärken das Vertrauen in uns als Organisation. Darüber hinaus sind auch unsere Ehrenamtlichen im ganzen Land eine wichtige Säule bei uns. Neben ihren zahlreichen Aktivitäten machen sie den Weltmädchentag jedes Jahr zu einem großartigen Fest. Wenn dann dank ihnen mehr als 50 Wahrzeichen in Pink erstrahlen und auf Mädchenrechte aufmerksam machen, macht mich das stolz. Ihr Engagement ist ein Geschenk.
Was gibt Ihnen Hoffnung für die kommenden Jahre?
Petra Berner: Der Einsatz und die Solidarität unserer Unterstützer:innen. 43 Millionen Kinder erreichen wir jährlich durch unsere Projekte – eine Zahl, die zeigt, wie groß die Stärke einer globalen Gemeinschaft sein kann. Vor allem aber ist es unsere Wirksamkeit. Wenn ich sehe, wie etwa jüngst bei einem Besuch in Nepal, dass in einer Patenschaftsgemeinde die Zahl der Kinderehen um 20 Prozent gesunken ist, dann wird aus Hoffnung Realität. Für die Mädchen bedeutet das ganz konkret: ein besseres Leben.