Kinderrechte im Sportalltag
Der Weltkindertag erinnert uns jedes Jahr daran, dass Kinder ein Recht auf Schutz, Förderung und Beteiligung haben – und zwar überall dort, wo sie aufwachsen. Ein zentraler Ort in der Lebenswelt von Millionen Kindern und Jugendlichen ist der Sportverein. Hier lernen sie Teamgeist, erleben Freude an der Bewegung und wachsen über sich hinaus. Doch wie steht es um die Umsetzung der Kinderrechte im Vereinsalltag? Wie lassen sich wirksame Schutzkonzepte entwickeln, die nicht nur auf dem Papier existieren, sondern von Kindern und Jugendlichen aktiv mitgestaltet werden?
Darüber sprechen wir mit Luisa Gebauer, Referentin Kinderrechte und Kinderschutz bei Plan International Deutschland, und Stefan Raid, Vorsitzender der Deutschen Sportjugend (dsj). Gemeinsam zeigen sie, was Kinderrechte im Sportalltag bedeuten und wie Vereine sie konkret umsetzen können.
Die UN-Kinderrechtskonvention als verbindlicher Handlungsrahmen
UN-Kinderrechtskonvention gilt weltweit fast ausnahmslos. Vor welchen globalen Herausforderungen stehen wir aktuell bei der Durchsetzung dieser Rechte und was bedeutet das für unsere Arbeit hier vor Ort?
Luisa Gebauer: Weltweit sehen wir, dass die Verwirklichung der Kinderrechte durch die vielen gleichzeitigen Krisen vielerorts gefährdet ist. Dazu gehören die Folgen von Kriegen und des Klimawandels sowie damit verbundene Flucht und Vertreibung. Auch in digitalen Lebenswelten stehen Kinder und Jugendliche vor neuen Herausforderungen.
In Deutschland werden die Rechte von Kindern, die Schutz suchen, durch das Asyl- und Aufenthaltsrechts strukturell in ihrer Umsetzung beeinträchtigt. Weitere dauerhafte Herausforderungen sind Lücken beim Gewalt- und Kinderschutz, Kinderarmut und die fehlende Umsetzung des Rechts auf Beteiligung. Auch im Bildungs- und Gesundheitsbereich bestehen weiterhin Ungleichheiten beim Zugang und bei der tatsächlichen Wahrnehmung der entsprechenden Rechte. Insgesamt zeigen diese Herausforderungen, dass die Verwirklichung der in der UN-Kinderrechtskonvention verankerten Rechte in Deutschland zwar weit fortgeschritten ist, in der Praxis jedoch weiterhin strukturelle und soziale Zugangshürden bestehen.
Ob weltweit oder hier vor Ort: Kinderrechte müssen jederzeit beachtet werden – nicht nur in Krisenzeiten. Die UN-Kinderrechtskonvention bildet dafür einen verbindlichen Rahmen für Handlungs- und Entscheidungsrichtlinien.
Warum ist es gerade auch im Sport wichtig, die Rechte von Kindern in den Mittelpunkt zu stellen?
Stefan Raid: Wenn wir die UN-Kinderrechtskonvention ernst nehmen, müssen wir die Lebenswelt von Kindern konsequent auf Basis ihrer Rechte gestalten. Das gilt auch für den Sport. Rund zehn Millionen Kinder und Jugendliche verbringen ihre Freizeit im Sportverein. Er ist damit ein wichtiger Ort des Aufwachsens.
Gerade im Sport kommen Kinder mit unterschiedlichen Erwachsenen und Gleichaltrigen in Kontakt. Dabei können auch Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse entstehen. Umso wichtiger ist es, dass Kinder gehört werden, ihre eigenen Grenzen kennen und wissen, an wen sie sich wenden können, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
Als Deutsche Sportjugend stellen wir die Interessen und Bedürfnisse junger Menschen in den Mittelpunkt. Kinderrechte bedeuten für uns deshalb: Kinder und Jugendliche sollen nicht nur Zielgruppe von Angeboten sein. Sie müssen als eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Rechten wahrgenommen und beteiligt werden.
Stärken der Kinderrechte durch Beteiligung und Selbstbestimmung
Wenn wir auf den Sportalltag blicken: Welche spezifischen Kinderrechte stehen hier ganz besonders im Mittelpunkt?
Luisa Gebauer: Das Recht auf Spiel, das Recht auf Freizeit und Erholung sowie auf kulturelle Teilhabe kann im Sport aktiv gelebt werden. Viele Vereine ermöglichen Kindern und Jugendlichen zudem, ihr Recht auf Beteiligung und Mitbestimmung wahrzunehmen. Dazu gehört, ihre Perspektiven bei Regeln, Beschwerdewegen und wichtigen Entscheidungen im Verein einzubeziehen.
Aufgrund der besonderen Strukturen im Sport ist es besonders wichtig, auch die Schutzrechte stets zu berücksichtigen. Grundsätzlich gilt: Kinderrechte sind unteilbar. Kein Recht steht für sich allein und kein Recht ist wichtiger als ein anderes. Alle Kinder haben Anspruch darauf, dass ihre Rechte als Ganzes geachtet und geschützt werden.
Welche besondere Rolle kann der Sport dabei spielen, Kinderrechte zu stärken und Kinder und Jugendliche zu schützen?
Stefan Raid: Sportvereine sind besondere Erfahrungs- und Lernräume. Sie erreichen viele Kinder und Jugendliche regelmäßig und können Kinderrechte dadurch ganz konkret im Alltag erlebbar machen. Gleichzeitig bietet der Sport die Chance, nicht nur junge Menschen, sondern auch Trainer:innen, Übungsleiter:innen und Eltern für Kinderrechte zu sensibilisieren. Denn nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern.
Der Sport kann Kindern und Jugendlichen dabei ganz praktisch Beteiligung und Selbstbestimmung ermöglichen – etwa durch Jugendsprecher:innen im Verein oder Mitbestimmung bei der Gestaltung des Trainings. Zugleich trägt der Sport Verantwortung dafür, Kinder und Jugendliche wirksam zu schützen. Kinderrechte und Kinderschutz sind deshalb keine zusätzlichen Aufgaben, sondern gehören für uns zum Selbstverständnis eines guten Kinder- und Jugendsports.
Ein gutes Schutzkonzept entsteht nicht nur am Tisch der Erwachsenen. Welche Rolle spielen die Kinder und Jugendlichen selbst bei diesem Prozess?
Luisa Gebauer: Für ein wirkungsvolles und lebendiges Schutzkonzept ist die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen zentral. Es ist ihr Recht, in den gesamten Prozess einbezogen zu werden – von der Risikoanalyse über die Entwicklung von Beschwerdewegen bis hin zu Entscheidungen über strukturelle Veränderungen.
Bei der Risikoanalyse prüfen Kinder und Jugendliche gemeinsam mit Erwachsenen, wo im Vereinsalltag Gefahren oder unsichere Situationen entstehen können. Nur so kann Schutz gelingen, denn Kinder und Jugendliche sind die Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelt. Daran zeigt sich, wie eng die einzelnen Kinderrechte miteinander verbunden sind und warum sie unteilbar sind.
Kinderrechte als gemeinsamer Prozess
Was können Sportvereine und -organisationen konkret tun, damit Kinderrechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern im Vereinsalltag gelebt werden?
Stefan Raid: Kinderrechte klingen zunächst vielleicht abstrakt. Beschäftigt man sich aber näher damit, wird schnell deutlich, dass sich schon mit kleinen Veränderungen viel bewirken lässt. So kann die Gruppe zum Beispiel selbst entscheiden, welches Aufwärmspiel gespielt wird. Auch bei der Verpflegung können die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden.
Wichtig ist, Kinderrechte als gemeinsamen Prozess zu verstehen und alle im Verein mitzunehmen. Dazu gehört es, Kinderrechte kennenzulernen und zu verstehen, den eigenen Vereinsalltag kritisch zu betrachten, Kinder und Jugendliche zu beteiligen und konkrete Maßnahmen verbindlich zu verankern.
Dabei geht es nicht darum, alles auf einmal zu verändern. Vereine können Schritt für Schritt anfangen und ihre Maßnahmen gemeinsam weiterentwickeln. Hilfreich sind praxisnahe Angebote und Materialien, die zeigen, wie Kinderrechte konkret in Bewegung, Spiel und Sport eingebunden werden können.
Was ist eure Vision für eine Gesellschaft, in der Kinderrechte nicht nur geschützt, sondern von allen Akteuren im Alltag ganz selbstverständlich gelebt und gefördert werden?
Luisa Gebauer: Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der Kinderrechte das tägliche Handeln bestimmen und bei allen Entscheidungen vorrangig berücksichtigt werden – in sämtlichen gesellschaftlichen und politischen Bereichen.
Dafür müssen Kinderrechte verbindlich in Strukturen und Verantwortlichkeiten verankert werden. Kinder und Jugendliche werden ernst genommen, beteiligt, gefördert und geschützt – in ihren Familien, in Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, im Sport und in politischen Prozessen.
Stefan Raid: Unsere Vision für den Sport ist klar: Kinder sind sicher, werden gehört und können mitreden und mitentscheiden. Alle Kinder gehören dazu – unabhängig von ihren Voraussetzungen. Sie können sich bestmöglich entwickeln und selbstbestimmt Sport treiben.
Dafür müssen Kinderrechte im täglichen Handeln selbstverständlich werden. So entstehen Sportorte, an denen Kinder sich sicher und wertgeschätzt fühlen und erfahren, dass ihre Rechte, ihre Perspektiven und ihre Stimme zählen.