Die Jugendaktivistinnen setzen sich dafür ein, dass alle Mädchen eine Chance auf Bildung und ein gewaltfreies Leben haben. © Girls Advocacy Alliance / Ilvy Njiokiktjien
Die Jugendaktivistinnen setzen sich dafür ein, dass alle Mädchen eine Chance auf Bildung und ein gewaltfreies Leben haben. © Girls Advocacy Alliance / Ilvy Njiokiktjien
19.12.2019 - von Lara Betz

Von Mädchen für Mädchen

Gemeinsam setzen sich fast 500 Jugendaktivistinnen in Indien unter dem Dach der Girls Advocacy Alliance (GAA) unter anderem gegen Gewalt an Mädchen und Frauen sowie gegen Kinderhandel ein.

Gewalt gegen Mädchen und Frauen kommt in Indien sehr häufig vor*. Kinder-, Früh- und Zwangsheiraten sind immer noch ein großes Problem. 27 Prozent der Mädchen werden verheiratet, bevor sie 18 Jahre alt sind und sieben Prozent sogar schon vor ihrem 15. Geburtstag**. Schätzungen zufolge hat eine von drei Frauen im letzten Jahr sexuelle, psychische oder eine andere Form von Gewalt erfahren.

Zwar gibt es keine verlässlichen Daten zum Kinderhandel, jedoch zeigt eine aktuelle Studie***, dass ungefähr 18 Millionen Menschen in Indien Opfer von Sklaverei sind. In keinem anderen Land der Welt ist dieses Problem so stark. Rund drei Millionen Mädchen und Frauen wurden in die Prostitution gezwungen – 60 Prozent davon sind minderjährig. Prostitution geht daher oft einher mit Kinderhandel.

Die Girls Advocacy Alliance (GAA), eine Kooperation von Plan International, Defence for Children, ECPAT****, Terre des Hommes und dem niederländischen Außenministerium, wurde 2016 gegründet, um diese Probleme gemeinsam anzugehen. Die GAA setzt sich in allen Bereichen der Gesellschaft für gleiche Rechte und Möglichkeiten für Mädchen und junge Frauen ein. Sie ist nicht nur in Indien aktiv, sondern auch in Nepal, Bangladesch, den Philippinen, Äthiopien, Kenia, Uganda, Ghana, Liberia und Sierra Leone.

Kinderheirat und Gewalt beenden

In Indien lernen knapp 500 Jugendliche bei speziellen Trainingseinheiten, wie sie religiöse Anführer, Mitglieder der Gemeinde und lokale Behörden beeinflussen können, um Kinderheirat, Kinderhandel und andere Formen von Gewalt gegen Mädchen und Frauen zu reduzieren. Gleichzeitig hat sich das Programm zum Ziel gesetzt, Mädchen einen besseren Zugang zu Bildung zu verschaffen. Dadurch soll ihre Position auf dem Arbeitsmarkt gestärkt und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit gefördert werden. So soll das Risiko gesenkt werden, dass sie aufgrund einer existenziellen Notlage und damit einhergehenden Abhängigkeiten Opfer von Gewalt werden.

Innerhalb von zwei Jahren konnte das Projekt bereits viele Verbesserungen erreichen, erklärt Jos van Heijningen von Plan International Niederlande. „Wir haben einige Veränderungen in Indien gesehen. Wir konnten zum Beispiel durch Diskussionen und Studien Politikerinnen und Politiker beeinflussen, sich das Gesetz gegen Kinderheirat genauer anzugucken. Dieses Gesetz hat immer noch viele Lücken, aber die Regierenden scheinen offen für unsere Verbesserungsvorschläge zu sein.“

Auch bei ihrem Ziel, Gewalt in Schulen zu verhindern, konnte die GAA einen Erfolg verzeichnen: Führende Politikerinnen und Politiker haben in einigen Bundesstaaten Indiens Richtlinien für Schulleitungen und Lehrkräfte festgelegt. Die GAA unterstützt jetzt das Schulpersonal dabei, Eltern zu überzeugen, ihre Töchter in die Schule gehen zu lassen, anstatt sie zu verheiraten. Jos van Heijningen: „Wenn Mädchen weiter zur Schule gehen können, haben sie eine bessere Ausgangslage für ihren Einstieg in den Arbeitsmarkt und eine Chance auf ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben.”

Bewusstsein verändern

Ein weiteres Arbeitsergebnis der GAA ist ein Kurzfilm, der zeigt, wie wichtig es ist, Kinderheirat zu beseitigen. Die Regierung genehmigte es, den Film in mehreren Kinos vier Monate lang vor den Hauptfilmen zu zeigen. „Das ist super. Man darf nicht vergessen, dass die Väter, Mütter, Onkel, Tanten und Gemeindeältesten entscheiden, ob ein Kind verheiratet wird oder nicht“, fügt Van Heijningen hinzu.

Ein wichtiges Ziel der GAA ist, dass sich das Wissen, welches die Mädchen in ihren Trainingsgruppen erhalten, in ganz Indien verbreitet. „In erster Linie ist unsere Hoffnung, dass die Trainingseinheiten das Wissen und Bewusstsein der Mädchen erhöhen“, betont Van Heijningen. „Zweitens möchten wir, dass sie sich gestärkt und selbstbewusst fühlen, sodass sie in ihren eigenen Dörfern die Initiative ergreifen, selbst kleine Gruppen bilden und dann für ihre Rechte eintreten können.“

 

* https://evaw-global-database.unwomen.org/fr/countries/asia/india

** https://data.unicef.org/topic/child-protection/child-marriage/

*** https://www.globalslaveryindex.org/2018/findings/country-studies/india/

**** ECPAT steht für „End Child Prostitution, Child Pornography & Trafficking of Children for Sexual Purposes” (dt. etwa: „Kinderprostitution, Kinderpornographie und Handel von Kindern für sexuelle Zwecke beenden“) und ist ein internationales Netzwerk zum Schutz von Kindern gegen sexuelle Ausbeutung.


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