Natalia wurde nie über Sexualität aufgeklärt, heute ist sie im Alter von 19 Jahren Mutter. © UNFPA/Plan International / Ruth Carr
Natalia wurde nie über Sexualität aufgeklärt, heute ist sie im Alter von 19 Jahren Mutter. © UNFPA/Plan International / Ruth Carr
09.11.2017

Timor-Leste: Mangelnde Aufklärung fördert frühe Schwangerschaft

„Ich wusste ein bisschen etwas darüber, wie Babys entstehen, aber nicht viel“ − In Timor-Leste wird fast jede vierte Frau vor ihrem 20. Lebensjahr schwanger − umso wichtiger ist umfassende Aufklärung.

Während der Regen auf das dünne Blechdach prasselt, schläft die kleine Afeena. Natalia wohnt mit ihrem Baby in einem typischen Haus in der Gemeinde Alieu, inmitten des felsigen Hochlandes. „Ich wusste ein bisschen etwas darüber, wie Babys entstehen, aber nicht viel“, vertraut uns die 19-Jährige an. „Ich wurde in der Schule darüber nicht aufgeklärt. Keine Unterrichtsstunde hat sich überhaupt auf dieses Thema bezogen.“ Timor-Leste ist eines der ärmsten Länder Asiens, das sich nur mühsam weiterentwickelt. Frauen und Mädchen werden erzogen, um unterwürfig und gehorsam zu sein: Sie haben kaum ein Recht auf Mitbestimmung.

 

Sexualität? Ein Tabu in Timor-Leste

„Unsere Kultur ist sehr patriarchisch und traditionell. Frauen und Mädchen haben nicht die Macht, Entscheidungen über ihr eigenes Leben und ihre Rechte selbst zu treffen − egal, ob es um ihre Gesundheit, den eigenen Körper, die soziale und politische Partizipation oder ihre Bildung geht“, sagt Lala Soares, Managerin für die Programme zur Stärkung von Frauen und Mädchen von Plan International in Timor-Leste. „Und auch, obwohl ein Lehrplan für Sexualkunde vorhanden ist, denken die Lehrer, dass die Informationen nur diejenigen angehen, die verheiratet sind. Sie erzählen mir, dass es ihnen so unangenehm ist, dass sie die entsprechenden Seiten aus dem Lehrbuch reißen“, erzählt Soares.

„Ich habe die Schule abgebrochen und bin weder zum Arzt gegangen noch habe ich mich beraten lassen“, verrät Natalia, die kurz nach ihrem positiven Schwangerschaftstestergebnis auch noch von ihrem Freund verlassen wurde. „Ich habe es sogar geschafft, es vor meiner Familie zu verheimlichen. Als ich Wehen bekam, erzählte ich meinem Vater, dass ich Rückenschmerzen habe, doch er bemerkte schnell, dass ich ein Baby bekomme.“ Traumatisiert und verängstigt, ohne eine Ahnung, was sie erwarten wird, wurde Natalia in eine örtliche Klinik gebracht. Natalia, die ihre eigene Mutter bei der Geburt eines jüngeren Geschwisterkindes verloren hatte, war umso erleichterter, als sie und ihre Tochter Afeena die Geburt sicher überstanden hatten.

 

Arrangierte Ehen werden als Lösung gesehen

Fast ein Viertel aller Mädchen in Timor-Leste hat im Alter von 20 Jahren schon ein Kind auf die Welt gebracht. Darüber hinaus sind etwa 19 Prozent schon vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Die Geschichte von Lucia*, einer Teilnehmerin eines Empowerment-Workshops von Plan International, verdeutlicht die Tradition rasch arrangierter Ehen, die häufig auf frühe Schwangerschaften in Timor-Leste folgen: Die heute 18-Jährige wurde von einem deutlich älteren Lehrer zu einem Verhältnis gedrängt. „Als meine Eltern davon erfuhren, waren sie sehr wütend. Sie sagten, dass sie mich zu Tode prügeln wollen. Ich war sehr verängstigt und landete im Krankenhaus“, erzählt Lucia leise. Dennoch nahm sie die Beziehung wieder auf und wurde bald schwanger. „Ich wusste nicht, dass man schwanger werden kann, wenn man Sex hat“, sagt Lucia. In diesem Moment stand sofort fest, dass eine Ehe folgen muss − der gängige Weg, um dieses Problem zu ‚lösen‘. Ihre Familie setzte sich unmittelbar mit der ihres Freundes auseinander, um über die Mitgift zu diskutieren.


Gravierende Folgen früher Schwangerschaft und Heirat

„Statistiken zeigen, dass Mädchen, die früh heiraten, häufiger von häuslicher Gewalt betroffen sind. In Timor-Leste liegt die Gewalt zwischen Intimpartnern derzeit bei alarmierenden 60 Prozent. Darüber hinaus sind Verhütungsmittel sind nur mit Einverständnis des Ehemannes zugänglich und für alle unverheirateten Personen verboten. Junge Frauen enden deshalb sehr schnell mit mehreren Kindern und noch weniger Chancen“, erläutert Candie Cassabalian, Jugendspezialistin bei UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, in Timor-Leste.

„Wenn ein Mädchen in Timor-Leste schwanger wird, wird erwartet, dass es die Schule verlässt. Die Schule wird als ein Ort nur für Kinder gesehen, und Kinder haben keinen Sex“, erklärt Cassabalian. Für Natalia hatte ihre Schwangerschaft zur Folge, dass sie nicht wieder zurück in die Schule gehen wird. Lucia hingegen wird in ihre Berufsschule zurückkehren - dies ist eine Situation, auf die sie und ihre Klassenkameraden sich noch einstellen müssen.
Vor kurzem hat die Regierung in Timor-Leste jedoch auf die Forderungen von Plan International reagiert und nun beschlossen, eine integrative Bildungspolitik zu verfolgen, Lehrerinnen und Lehrer, Schulen und Behörden zu sensibilisieren und Familien über die Vorteile aufzuklären, die es gibt, wenn Mädchen nach der Geburt wieder zur Schule gehen. In dem Land, in dem nur 20 Prozent aller Frauen erwerbstätig sind, ist dies eine bahnbrechende Errungenschaft.

 * Zum Schutz der Identität wurde der Name geändert.


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