Verheiratet und verfolgt: Bildungschancen für Rohingya-Geflüchtete

Foto: Zia Haque Oisharjh

Zwischen Kinderheirat und Flucht müssen Mädchen aus Myanmar schnell erwachsen werden. Die Chance auf Schulbildung weckt Hoffnung.

Aleya* (16) sitzt im Klassenzimmer ihrer Mädchenschule in Bangladesch und hat gerade eine Mathe-Stunde hinter sich. Es ist nicht irgendeine Schule, sie befindet sich in den Geflüchtetenlagern der Region Cox’s Bazar, die zu den größten derartigen Camps der Welt zählen. Neben solchen Mädchenschulen gibt es auch Schulen für Jungen. Hier aber stillt Aleya zwischen den Unterrichtsstunden ihr elf Monate altes Baby. Mit ihr leben fast eine Million andere Rohingya im Geflüchtetencamp, sie alle sind vor Verfolgung, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen im benachbarten Myanmar geflohen.

* Die Namen zum Schutz der Identität geändert.

Nahaufnahme von Kinderfüßen
Aleyas Sohn ist in Cox's Bazar geboren. Über die Hälfte der Geflüchteten in Cox's Bazar sind Kinder Zia Haque Oisharjh
Frau im Niqab mit Kleinkind auf dem Arm
Als Kind verheiratet und früh Mutter geworden, hatte die 16-jährige Aleya wenig Hoffnung – das änderte sich mit der Schule Zia Haque Oisharjh

Eine Kinderehe verändert ein Leben

Als sie neun Jahre alt ist, kommt Aleya aus dem Bundesstaat Rakhine im benachbarten Myanmar nach Bangladesch. Wie Tausende andere Rohingya legt sie Hunderte von Kilometern zu Fuß zurück, überquert Flüsse und Berge und erreicht – erschöpft und verängstigt – Cox’s Bazar, die Hafenstadt im Süden von Bangladesch am Golf von Bengalen. Da Aleya anfangs nur die Rohingya-Sprache beherrscht, versteht sie die Informationen und Ansagen der Autoritäten im Camp nicht.

Doch Aleya hat große Träume: „Ich träumte davon, zu studieren“, erzählt die junge Frau. „Ich wollte auf meinen eigenen Füßen stehen, wollte arbeiten, damit ich für mich selbst Verantwortung übernehmen kann. Aber dann platzte mein Traum. Meine Familie war arm und mittellos und beschloss daher plötzlich, mich zu verheiraten“, erinnert sie sich.

Geflüchtetenunterkünfte auf einem Hügel umgeben von grüner Landschaft
Auf den Hügeln von Cox‘s Bazar erstreckt sich eines der größten Geflüchtetenlager der Welt: Fast eine Million Rohingya leben hier auf engem Raum Zia Haque Oisharjh

„Ich wusste nicht, wie ich mich um mich selbst kümmern sollte, geschweige denn um ein Baby.“

Aleya (16), wurde als Kind verheiratet

Im Alter von 14 Jahren wird Aleya mit einem älteren Mann verheiratet und muss von da an bei ihm und seinen Eltern leben. „Ich wusste nicht, was es mit der Ehe und dem Familienleben auf sich hat. Ich wusste nicht, wie ich mich um mich selbst kümmern sollte, geschweige denn um ein Baby“, erzählt Aleya. „Ich erinnerte mich an meine Kindheit“, sagt sie. „Ich wollte ausgehen, mit meinen Freundinnen reden und Zeit verbringen. Aber meine Schwiegereltern und mein Mann haben es mir nicht erlaubt. Ich hatte davor schon eine sehr schwere Zeit, aber als sie mir das verbaten, wurde mein Schmerz noch größer.“

Fünf Monate später wird Aleya – gerade 15 geworden – schwanger. „Während meiner Schwangerschaft habe ich sehr gelitten. Ich konnte nicht schlafen, ich hatte immer Bauchschmerzen, Magenkrämpfe, Erbrechen. Es ist unerklärlich, welch starke Schmerzen ich während der Entbindung hatte. Aber das Leiden in meinem Leben begann schon, als ich als Kind verheiratet wurde.“

Frauen im Niqab lesend, ein Kind auf dem Schoß
In einer reinen Mädchenschule finden viele Geflüchtete neue Zugänge zu Bildung Zia Haque Oisharjh
Frauen mit Niqab auf dem Boden sitzend und in Hefte schreibend
In der Schule kommen viele Mädchen und jungen Frauen zusammen, die Ähnliches durchleben mussten Zia Haque Oisharjh

Aleyas Wunsch nach Bildung erfüllt sich

Zu dieser Zeit ist das Leben für die gebürtige Burmesin fast unerträglich. Aleya erzählt von den Herausforderungen, die die Versorgung eines kleinen Babys im Geflüchtetenlager mit sich bringt: die Toiletten sind weit entfernt und die Menschen müssen Schlange stehen, um sie zu benutzen; ihr Kind weint bis zur Bewusstlosigkeit, wenn die Mutter zum Wasserholen in entfernte Teile des Lagers gehen muss; außerdem sind Impfstoffe und Medikamente nur schwer zu bekommen. Zudem hat Aleya oft mit dem Eheleben zu kämpfen, sie und ihr Mann streiten oft. Unterstützung findet sie bei ihren Nachbar:innen: Sie sehen Aleyas schwierige Lage und versuchen, mit ihrem Mann zu sprechen, ihn zu besänftigen.

Irgendwann hört sie von der Eröffnung einer Schule in ihrer Nähe. Eine Klasse, in der der Unterricht auf der Rohingya-Sprache gehalten wird. Das von Plan International organisierte Lernzentrum hat sich zum Ziel gesetzt, im Geflüchtetenlager in Cox’s Bazar mittelfristig eine formale Schulbildung einzuführen. Hier arbeiten die Fachleute der internationalen Zusammenarbeit mit Rohingya-Geflüchteten zusammen, um Programme in den Bereichen Bildung in Notsituationen, Kinderschutz, geschlechtsspezifische Gewalt, Ernährungssicherheit und Lebensunterhalt umzusetzen.

Fest entschlossen, zur Schule zu gehen, versucht Aleya, ihren Mann und ihre Schwiegermutter von der Idee zu überreden. Als sie erfahren, dass ausschließlich Mädchen und Frauen diese Schule besuchen und auch die Klasse von einer Lehrerin geleitet wird, willigen sie ein.

Von da an verbessert sich Aleyas Leben. Mehrmals pro Woche geht sie nun zur Schule: Der Unterricht beginnt um neun Uhr mit der myanmarischen Hymne. Darauf folgt ein voller Stundenplan mit Fächern wie Englisch, Mathematik, Geografie, Naturwissenschaften, die alle dem akademischen Lehrplan Myanmars folgen. Gesprochen wird in der Rohingya-Sprache.

Nahaufnahme von Kinderhänden, die auf einem Schulplakat schreiben
Aleya kann nun endlich zur Schule gehen - das gemeinsame Lernen motiviert die Schülerin Zia Haque Oisharjh

„Seit wir hierhergekommen sind, haben wir viel gelernt; wir lieben es, jetzt zu lesen.“

Aleya (16), junge Mutter in Cox's Bazar
Frau an der Tafel vor jungen Mädchen im Klassenraum
Hafsa, geschiedene Rohingya und Mutter eines Sohns, setzt sich leidenschaftlich dafür ein, Mädchen zu unterrichten und zu inspirieren Zia Haque Oisharjh

Sinnstiften mit Schulunterricht

Viele der Mädchen, die hier zusammen lernen, haben Ähnliches erlebt wie Aleya – Kinderheirat, Flucht, frühe Schwangerschaft. Auch jene, die vor der Klasse stehen, haben ähnliche Lebensgeschichten. Eine von ihnen ist Hafsa*. Die 26-jährige Lehrerin ist selbst eine Rohingya aus Myanmar. Als, wie sie sagt, „die Regierung Menschen verhaftete und tötete“, flieht sie 2017 aus ihrer Heimat. Mit Bambus, Holz, Seilen und Planen baut sich ihre Familie dann eine erste Unterkunft im Geflüchtetenlager. Ein ganz anderes Leben als zuvor, erinnert sich Hafsa, lebte sie in Myanmar zuvor doch noch in einem zweistöckigen Holzhaus.

2018 heiratete die damals 18-jährige Hafsa in Bangladesch, heute ist sie alleinerziehende Mutter. Sie ließ sich von ihrem Mann scheiden, der eine zweite Frau heiratete, während sie schwanger war. Hafsa, die in ihrem Heimatland die achte Klasse besucht hatte, träumte immer davon, Lehrerin zu werden. Dank ihrer Arbeit an der Schule, der sie im Auftrag von Plan International nachgeht, kann sie nun für ihre Familie sorgen. Sie lebt mit ihrer Mutter, fünf Geschwistern und ihrem eigenen Baby unter einem Dach.

Die Rohingya-Krise

Die Hintergründe der Rohingya-Krise sind komplex. Sie reichen bis in die Kolonialzeit zurück und sind geprägt von sozio-ökonimischen und religiösen Spannungen. Mehr darüber können Sie auf unserer Hintergrundseite lesen. Dort erfahren Sie auch, wie Plan International vor Ort aktiv ist, um die Rohingya in ihrer schwierigen Lage zu unterstützen.

Mehr erfahren
Kind von hinten auf einer Brücke auf dem Weg in Richtung der Geflüchtetenhäuser
Das Camp ist eng behaust – häufig mit Bambus, Holz und Planen zusammengehalten Zia Haque Oisharjh

„Mit dem Gehalt, das ich als Lehrerin bekomme, kommen wir sehr gut über die Runden.“

Hafsa (26), Lehrerin in Cox’s Bazar

Wenn Bildungsangebote neue Träume wecken

Eine andere Lehrerin hingegen hofft auf besseren Lohn: Tahura* ist 2017 aus Myanmar hierher geflohen und unterstützt ebenfalls mit dem Gehalt ihre Familie. Trotz der aus ihrer Sicht zu geringen Geldmittel schätzt die 26-Jährige ihren Job als Lehrerin sehr. „Wir können unsere Kinder unterrichten und gleichzeitig unsere Familien versorgen. Wir unterrichten unsere Kinder und die aus anderen Familien“, berichtet sie.

„Mädchen, die früher nicht zur Schule gehen konnten, bekommen jetzt eine Schulbildung“, stimmt Hafsa zu. „Einige träumen davon, Ärztin zu werden, andere wollen Ingenieurin werden, wieder andere Lehrerin wie ich. Die Mädchen aus meiner Gemeinde erhalten eine Schulbildung und haben wieder Träume. Und sie wollen sie verwirklichen!“

Portrait einer jungen Frau mit Kopftuch
Tahura wünscht sich mehr Unterstützung, etwa mehr Unterrichtsmaterialien Zia Haque Oisharjh
Nahaufnahme von zwei Händen im Schoß
Seit 2017 ist Tahura in Cox's Bazar. Hier unterrichtet sie geflüchtete Rohingya. Zia Haque Oisharjh

Aleya will nicht zulassen, dass ihr Kind verheiratet wird

Der Unterricht im Geflüchtetenlager geht weit über Rechnen und Lesen hinaus und umfasst auch Aufklärungskurse über Kinderheirat, Kinderarbeit, Menschenhandel und häusliche Gewalt. Schutzmaßnahmen unterstützen die geflüchteten Mädchen beim Aufbau eines neuen Lebens und verringern die Wahrscheinlichkeit, dass sie Diskriminierung, Gewalt oder Ausbeutung ausgesetzt sind.

Der Wunsch nach mehr Angeboten

Die Sensibilisierungskurse in der Schule ermutigen Aleya, mit ihrem Mann über häusliche Gewalt und Kinderheirat zu sprechen. Vor allem aber beschließt sie, dass ihr eigener Sohn niemals eine Kinderheirat eingehen soll. „Das Thema Kinderheirat liegt mir am meisten am Herzen“, sagt sie, „denn ich werde nicht zulassen, dass sich das, was mir passiert ist, im Leben meiner Kinder wiederholt.“

Neben einer Ausbildung soll die Schule den Mädchen auch einen sicheren Ort im Lager bieten, denn Gewalt, Schießereien und Kindesentführungen nehmen zu. Mädchen sind besonders gefährdet, häufig bietet man ihnen Geld, damit sie mit den Menschenhändlern mitgehen. „Hier im Camp gibt es keine Sicherheit für die Kinder. Wenn die Kinder in der Schule sind, können die Eltern immerhin beruhigt sein, da sie wissen: Mein Kind ist vor diesen Entführungen und anderen Gefahren sicher“, sagt Hafsa.

Nahaufnahme einer Hand auf ein Arbeitsheft zeigend
Neben Mathe, Englisch und Geografie lernen die Schüler:innen auch, wie sie sich vor Gewalt schützen und gegen Diskriminierung wehren können Zia Haque Oisharjh

Der Wunsch nach mehr Angeboten

Dennoch ist die Lehrerin der Meinung, dass noch mehr getan werden muss. Hafsa wünscht sich mehr Schulen für die Mädchen und Jungen. Immerhin sind unter den mehr als eine Million Rohingya-Muslimen, die in Cox's Bazar leben, rund 400.000 Kinder im schulpflichtigen Alter. Außerdem brauche es mehr Frühförderzentren für die kleinen Kinder. 

„Kinder, die aufgrund der begrenzten Anzahl von Plätzen nicht in die Zentren aufgenommen werden können, spielen auf der Straße, in der Kanalisation und sind vermehrt von Krankheiten betroffen. Wenn mehr Kinder in solche Zentren aufgenommen könnten, würden sie nicht mehr mit Müll spielen.“

Gruppe junger Mädchen und Frau in Niqab über einen Schultisch gebeugt
In der Schule gemeinsam bringt die Kinder nicht nur weiter, sondern bietet ihnen auch einen Schutzraum Zia Haque Oisharjh
Zwei Mädchen mit bunten Kopftüchern über Arbeitshefte gebeugt
Dem myanmarischen Curriculum folgend lernen die zwei Schulmädchen in der Rohingya-Sprache Zia Haque Oisharjh

Lehrerin Tahura stimmt dem zu: „Abgesehen vom Rechen- und Leseunterricht würden wir noch besser lernen, wenn mehr Bücher, mehr Fächer – derzeit gibt es nur vier – angeboten werden.“ Aktuell unterrichtet sie zwei Klassen – träumt aber davon, aus Bangladesch wegzugehen und wieder in Myanmar oder einem anderen Land zu leben.

Derzeit will Aleya noch keinen Job finden. „Ich möchte weiterstudieren“, erzählt sie und hebt ihr Baby auf die Hüfte. „Ich möchte mehr über Sprache, Rechnen und Lesen lernen. Hierherzukommen fühlt sich besser an als alles je zuvor.“

 

* Die Namen zum Schutz der Identität geändert.

Der Artikel wurde mit Material aus dem bangladeschischen Plan-Büro erstellt.

Hilfe für Rohingya

Plan International führt seit Beginn der Rohingya-Krise Nothilfe-Maßnahmen in den Geflüchtetencamps in Cox’s Bazar durch. Auch in den bangladeschischen Gastgemeinden, die geflüchtete Rohingya aufgenommen haben, sind wir aktiv. Unterstützen Sie uns jetzt mit einer Spende!

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